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Meinung

Bei heissen Temperaturen kriegt der Oberlehrer in mir Puls

Patrick Vogt
5.6.2026

Wenn Temperaturen heiss oder Preise billig sind, sehe ich rot. Ein Plädoyer gegen den sprachlichen Hitzeschlag.

Nach dem ersten Sommer-Intermezzo in diesem Jahr stelle ich einmal mehr fest: Ich mag die Hitze nicht. Abgesehen von Schweissausbrüchen gibt es noch einen Grund, warum ich mir «Sommer, Sonne, Sonnenschein» gar nicht mal so gerne reinziehe. Es ist die Zeit, in der nicht nur Kreti und Pleti, sondern auch die Medien sprachliches Schindluder mit warmen oder heissen Temperaturen treiben. Bei dieser unlogischen Verwendung von Adjektiven rollen sich mir die Zehennägel hoch.

Das Thermometer schwitzt nicht

Was ist das Problem? Falls du das fragst, bist du Teil davon. Ich erkläre es gerne: Die Temperatur ist ein Messwert auf einer Skala. Sie schwitzt oder friert nicht. Sie zeigt an, ob es warm, heiss oder kalt ist – sie fühlt es nicht und ist es nicht selbst. Die Temperatur kann hoch, mittel oder tief sein, sie kann auch in den Keller sinken oder in schwindelerregende Höhen steigen. Was sie nicht sein kann: heiss oder kalt!

«Chill mal, alle verstehen, was mit heissen Temperaturen gemeint ist!», entgegnest du jetzt vielleicht. Mag sein, es ist trotzdem falsch. Es wird auch nicht richtiger, wenn es Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch hält. Zudem ist es umständlich: Wenn die Temperatur hoch ist, sag, dass es heiss ist. Das verstehen auch alle, und es ist erst noch korrekt formuliert.

Von den Profis lernen

Vor zehn bis 15 Jahren war ich Nachrichtenchef beim Radio. In dieser Zeit wurden der Chefredaktor und ich beim Wetterdienst vorstellig, mit dem wir einen Vertrag hatten. Einige Meteorologinnen und Meteorologen sprachen am Sender immer wieder von «heissen» oder «kalten» Temperaturen, was uns gegen den Strich ging. Schliesslich sollten es doch gerade die Fachleute besser wissen und machen.

Ich erinnere mich bis heute an die Antwort des damaligen Wetterdienstchefs: «Ihr habt recht. Heutzutage reden einfach alle so, drum machen wir diesbezüglich keine Vorgaben.» Doch weil uns das Thema so wichtig sei, wolle er künftig ein Auge und Ohr darauf haben – was sich im Nachhinein als eiskalte Lüge entpuppt hat.

Sehe ich das zu eng? Kann Falsches richtig werden, wenn es nur genügend Anklang und Verbreitung findet? Etwa so, wie der Duden inzwischen teilweise vor dem Deppen-Apostroph eingeknickt ist und Zusammenhänge Sinn machen statt ergeben dürfen? Nein, ich weigere mich aufzugeben!

Ich fühle mit dir, Batman. Auch wenn Gewalt natürlich keine Lösung ist!
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Quelle: Imgflip

Das wäre ihr Preis gewesen

Das Phänomen, Adjektive und Wörter zu verbinden, die logisch nicht zusammenpassen oder -gehören, betrifft nicht nur die Temperatur. Mit der Geschwindigkeit verhält es sich genauso. Das Auto kann schnell oder langsam sein, die Geschwindigkeit nicht. Auch sie ist nur ein Messwert – einer, der weder fühlt noch selbst fährt.

Oder nehmen wir den Preis, zumal wir hier bei einem Onlinehändler sind. Derjenige von Harry Wijnvoord war heiss, im Sinne von attraktiv oder toll. Und wenn du bei Galaxus ein Schnäppchen entdeckst, ist nicht der Preis günstig, sondern das Produkt und die Gelegenheit sind es. Der Preis ist eine Zahl mit Hochs und Tiefs, ohne Gefühle und Aggregatzustände.

Ist ja gut, Herr Oberlehrer!

Warum ist mir eine vermeintliche Lappalie so wichtig? Weil Sprache Bewusstsein schafft. Ein fernöstliches Sprichwort bringt es auf den Punkt:

«Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten.»

Wie wir sprechen und vor allem miteinander sprechen, hält uns als Gesellschaft zusammen – oder dividiert uns auseinander. Und ja, mir ist bewusst, dass Sprache im ständigen Wandel ist. Und nein, ich rufe wegen der heissen Temperaturen nicht gleich den Untergang des Abendlandes herbei. Dafür möchte ich mich wie Kollege Simon in die Berge verziehen. Auf 2126 Meter über dem Meeresspiegel, wo heisse Temperaturen kein Thema sind.

Spass beiseite: Andernorts können wir beobachten, was sprachliche Verrohung anrichtet. Wenn aus dem Verteidigungsminister ein Kriegsminister wird, macht das was mit den Menschen – vielleicht nicht sofort, eher wie der stete Tropfen, der den Stein höhlt.

Darum: Wehret den Anfängen – auch wenn es hier «nur» um billige Preise und heisse Temperaturen geht. Es fängt meist mit Kleinigkeiten an, der Teufel steckt im Detail. Genau deshalb werde ich mir auch künftig erlauben, mich zu Wort zu melden, wenn mir wieder eine sprachliche Laus über die Leber gelaufen ist. Übrigens: Hast du schon gezählt, wie viele «aber» dieser Text enthält?

Muss ich mir vorwerfen lassen, zu pedantisch zu sein? Vielleicht. Führe ich einen Kampf gegen Windmühlen? Wahrscheinlich. Wenigstens fechte ich ihn aus. Und wenn mein Beitrag hier auch nur jemanden zum Umdenken und Umformulieren gebracht hat, habe ich schon ein bisschen gewonnen. Vielleicht bist es ja gerade du?

In diesem Sinne: Geniesse bei nächster Gelegenheit das heisse Wetter und das kalte Getränk deiner Wahl, bevor du mit dem Velo schnell nach Hause fährst. Nur lass um Himmels Willen die Temperatur, den Preis und die Geschwindigkeit hoch oder tief sein!

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Titelbild: Shutterstock / Romuald_KL

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Ich bin Vollblut-Papi und -Ehemann, Teilzeit-Nerd und -Hühnerbauer, Katzenbändiger und Tierliebhaber. Ich wüsste gerne alles und weiss doch nichts. Können tue ich noch viel weniger, dafür lerne ich täglich etwas Neues dazu. Was mir liegt, ist der Umgang mit Worten, gesprochen und geschrieben. Und das darf ich hier unter Beweis stellen. 


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