

«Code Vein 2»: ein hervorragendes Soulslike mit technischen Schwächen
Zu Soulslike-Games hege ich eine Hassliebe. «Code Vein 2» hat es geschafft, meine Faszination für das knallharte Genre neu zu entfachen – trotz technischer Schwächen.
Ich verstehe den Reiz knallharter Soulslike-Games. Anfreunden konnte ich mich mit dem Genre aber noch nie. Oft fange ich übermotiviert an («Ich schwöre, dieses Mal verarbeite ich alle zu Kleinholz!»), nur um nach einer Weile frustriert aufzugeben («Das Game ist unfair, die Welt ist unfair, alles ist scheisse.»). Zuletzt geschehen bei «Elden Ring», das ich nach rund 30 Stunden in einem Ragequit von meiner PS5 gelöscht habe.
Trotzdem habe ich mich entschieden, das Risiko einzugehen und das Anime-Soulslike «Code Vein 2» zu testen. Dies vor allem, weil es in einem Meer optisch identischer, grau-düsterer Soulslikes mit seiner bunten Comic-Ästhetik heraussticht.
Das Risiko hat sich ausgezahlt. «Code Vein 2» ist der erste Genrevertreter, der mich von Anfang an packt und nicht mehr loslässt. Mit seinen speziellen Spielmechaniken ist es das perfekte Game für Souls-Fliegenfänger wie mich. Mehr noch – es hat meine Leidenschaft für das Genre entfacht.
Hurra, die Welt geht unter … schon wieder
Gemäss Entwicklerstudio Bandai Namco erzählt «Code Vein 2» eine eigenständige Geschichte, die auch Neueinsteiger verstehen können. Super, schliesslich habe ich den ersten Teil von 2019 verpasst.
Leider ist mir die Story trotz Einsteigerfreundlichkeit zu wirr. «Code Vein 2» ist eines dieser Games, das mir in Zwischensequenzen Wagenladungen voller Hintergrundinformationen mit so vielen erfundenen Wörtern und Namen an den Kopf wirft, dass mir schwindlig wird.

So viel habe ich mitbekommen: Ich muss die Welt vor dem mittlerweile dritten Untergang bewahren. Beim ersten Untergang wurden fast alle Lebewesen in hirnlose Monster verwandelt. Den zweiten Untergang konnte eine Handvoll Helden verhindern, die ihr Leben für die Versiegelung der drohenden Apokalypse geopfert hat. Seitdem verweilen diese Helden – ebenfalls in Monster verwandelt – in riesigen Kokons (logisch, oder?).
Meine Aufgabe ist es, diese Monster-Helden aus den Kokons zu befreien und sie zu töten (ebenfalls logisch). Um das zu tun, muss ich zunächst in die Vergangenheit reisen und die Schlüssel zu ihren Seelen finden, mit denen ich ihren Kokon in der Gegenwart öffnen kann (auch hier: logisch).

Schnell verliere ich die Übersicht über die unnötig komplexe Geschichte in den unterschiedlichen Zeitebenen. Dass die Zeitreise-Logik absolut schwachsinnig ist, nervt mich auch. Deshalb gebe ich auf und lasse mich einfach treiben. Ich konzentriere mich stattdessen auf die kurzen Handlungsbögen der einzelnen Helden, die ich auf meiner Reise treffe. Ihre persönlichen, in sich geschlossenen und oftmals tragischen Hintergrundgeschichten sind gelungen.
Je mehr Zeit ich in der Vergangenheit mit den Helden verbringe und je mehr ich über sie erfahre, desto spezieller fühlt es sich an, wenn sie an meiner Seite kämpfen. Und umso trauriger stimmt es mich, wenn ich sie danach in ihrer Monster-Form in der Gegenwart töten muss.

Anhand der Screenshots hast du es sicher schon gemerkt: Die Designs der Charaktere sind absolut verrückt. Die schrägen und knappen Outfits, übertriebenen Körperproportionen und oft grotesk grossen Brüste sind Geschmackssache. Mir sagt die überspitzte Anime-Ästhetik zu, für andere könnte sie abschreckend wirken.
Sind dir die freizügigen Outfits zu viel des Fanservices, kannst du zumindest beim Erstellen deiner eigenen Spielfigur etwas konservativer vorgehen. Der Charaktereditor ist der Wahnsinn. Ich kann locker Stunden in das Design meiner Figur investieren. Und das Beste daran: Gefällt mir etwas nicht, kann ich im späteren Spielverlauf ganz einfach Anpassungen vornehmen. Jederzeit, so oft ich will.

Geteiltes Leid ist halbes Leid
Einer der Gründe, wieso mir «Code Vein 2» mehr zusagt als andere Genrevertreter, ist, dass ich praktisch nie alleine unterwegs bin. Egal ob in der Vergangenheit oder der Gegenwart – wahlweise begleitet mich je eine computergesteuerte Spielfigur auf meinen Abenteuern. Mehrspieler-Koop gibt es übrigens nicht.
Einerseits fühlt sich das Erkunden der Spielwelt mit einem Partner oder einer Partnerin weniger einsam an. Andererseits macht die zusätzliche Unterstützung die Kämpfe um einiges zugänglicher. Meine Sidekicks stehen nie dumm rum, sondern kämpfen fleissig mit und stärken mich gelegentlich mit Buffs. Ebenfalls praktisch ist, dass die Gegner oft durch meine Mitstreiter abgelenkt werden, was mir wertvolle Öffnungen für vernichtende Schläge oder kurze Pausen zum Heilen und Durchschnaufen gibt.

Einzigartig ist auch die Lebensanzeige in «Code Vein 2». Tötet mich der Gegner, schenkt mir mein Partner seine Lebenskraft und belebt mich wieder. Danach bin ich für kurze Zeit auf mich allein gestellt – sterbe ich, bevor der Held zurückkehrt, bin ich definitiv weg vom Fenster.
Ich liebe dieses System. Es gibt mir eine zweite Chance, wenn ich einen dummen Fehler begehe. Das wirkt Wunder für meine Frustrationstoleranz und Motivation.
Bloody Genius
Etwas, das mich an anderen Souls-Spielen oft nervt, sind die unflexiblen Build-Systeme. Investiere ich meine wertvollen Erfahrungspunkte in die falschen Skills, manövriere ich mich oft in eine Sackgasse, aus der ich nur schwer herauskomme. Möchte ich meine Werte zurücksetzen, ist das oft mit sehr viel Zeit und Arbeit verbunden. Ein weiterer Grund, wieso ich «Elden Ring» aufgegeben habe.
«Code Vein 2» geht einen komplett anderen Weg und lässt mich ohne Einschränkungen experimentieren. Es baut auf dem System des Vorgängers auf und macht es noch flexibler. Statt starrer Klassen und Skills gibt es ein Baukastenprinzip mit zahlreichen austauschbaren Elementen.

Das wichtigste Element im Bastelset sind die sogenannten «Blutcodes», die ich von den Helden erhalte. Es sind so etwas wie vordefinierte Klassen, die meine Fähigkeiten in verschiedenen Attributen (Stärke, Geschick, Verstand und mehr) sowie das Ausmass meiner Magie-Ressourcen bestimmen. Unterschiedliche Blutcodes eignen sich für verschiedene Spielstile. So kann ich mich beispielsweise auf Nahkampf, magische Attacken oder Fernangriffe spezialisieren.
Das zweite Element sind die zahlreichen Waffen. Mir haben es hauptsächlich mächtige Zweihandschwerter angetan, mit denen ich mit einem Schlag viel Schaden anrichte. Aber auch in die Runenklingen habe ich mich verliebt. Diese schweben um mich herum und eignen sich hervorragend, um Gegnerhorden auf Distanz zu halten. Jede Waffe kann ich zudem mit bis zu vier magischen Attacken ausrüsten.
Noch mehr Raum für Experimente bietet das Spiel mit magischen Sekundärwaffen sowie magischen Verteidigungs-Items, die entweder Blocken, Parieren oder Ausweichen ermöglichen. Abgerundet wird das Build-System durch «Booster», mit denen ich einzelne Skills unabhängig vom gerade ausgerüsteten Blutcode stärke, sowie Spezialattacken mit denen ich Gegnern Blut abzapfe und so meine Magievorräte im Kampf regeneriere.

Das Coole daran: Ich kann alle Build-Elemente jederzeit und so oft ich möchte auswechseln. Mehr noch: Das Spiel motiviert mich aktiv, mit verschiedenen Klassen und Spielstilen zu experimentieren. Ständig perfektioniere ich meinen Build. Ich wechsle Blutcodes, Waffen und Booster und finde unerwartete Kombinationen, die mir im Kampf neue Möglichkeiten eröffnen. Mit dem richtigen Strategiewechsel besiege ich zuvor «unmögliche» Bossgegner plötzlich ganz easy.
Toll ist auch, dass die Steuerung bei allen Spielstilen zuverlässig funktioniert und sich präzise anfühlt. Nur die Kamera zickt bei grösseren Gegnern und kleinen Räumen herum, sodass ich den Überblick verliere. Das nervt, kommt zum Glück aber selten vor.

Mittelgrosse Welt, angenehmer Schwierigkeitsgrad
«Code Vein 2» bietet eine offene Spielwelt, die ich zu Fuss oder mit einem magischen Motorrad erkunde. Das Bike kann sogar für kurze Zeit durch die Luft gleiten. Cool, ein wenig schneller und wendiger dürfte es aber sein.

Die Open World ist überschaubar. Das ist keine Kritik – im Gegenteil. Nicht jedes Game muss neue Rekorde setzen und mich mit seinen Quadratkilometern erschlagen. Zudem gibt es auch ohne übertrieben grosse Spielwelt mehr als genug zu tun. Epische Hauptmissionen, mehrteilige Nebenquests und gut versteckte Geheimnisse warten darauf, in rund 60 Stunden Spielzeit entdeckt zu werden. Am meisten Spass machen mir die zahlreichen Dungeons mit ihren verwobenen Layouts. Getrieben von meiner Neugier vergesse ich in diesen Labyrinthen die Zeit und suche jede Ecke nach Gegnern und seltenen Items ab.
Lob verdient auch, wie das Game an einigen Stellen in der Spielwelt mit seiner Zeitreise-Mechanik spielt. Meine Handlungen in der Vergangenheit können Auswirkungen auf das Leveldesign in der Gegenwart haben. Neben visuellen Änderungen erschliessen sich so auch neue Wege und ich schalte sogar optionale Bosse frei.

Apropos Bosse – noch ein paar Worte zum Schwierigkeitsgrad. Die Endgegner sind oft verdammt herausfordernd und stellen meine Fähigkeiten erbarmungslos auf die Probe. Frust kommt jedoch nie auf. Stecke ich bei einem Boss fest, erkunde ich die Open World, sammle Erfahrungspunkte und komme gestärkt zurück, um den Bastard zu töten.
Die «normalen» Gegner, die ich in der Open World oder in Dungeons treffe, sind zwar auch nicht zu unterschätzen, aber bei weitem nicht so anspruchsvoll wie die knallharten Bosskämpfe. Sie treffen oft die perfekte Balance zwischen Herausforderung und «einfach mal Dampf ablassen».

Wie bei Soulslikes üblich, verliere ich meine noch nicht investierten Erfahrungspunkte, wenn ich sterbe. Danach habe ich eine Chance, sie am Ort meines Ablebens wieder einzusammeln, bevor sie für immer weg sind. Die Checkpoints, an denen ich wiederbelebt werde, sind sehr grosszügig verteilt. Auch bei Bosskämpfen entfällt nerviges Zurücklaufen, wie ich es aus anderen Games mit ähnlichen Mechaniken kenne (und hasse – liebe Grüsse an «Silksong»).
Kurzum, «Code Vein 2» macht alles richtig, damit ich mich auch als Genre-Skeptiker wohlfühle.
Technisch ein Trauerspiel
Spielerisch gefällt mir «Code Vein 2» so gut, dass ich gewillt wäre, die volle Punktzahl zu geben. Die zahlreichen technischen Probleme und die maue audiovisuelle Präsentation verhindern letztlich eine Top-Wertung.
Das Spiel leidet auf der PS5 Pro an nervigen Rucklern, die mich sowohl in der offenen Spielwelt als auch in Dungeons begleiten. Ziemlich blöd in einem Spiel, bei dem Timing im Kampf entscheidend ist.
Wieso das Game an diesen Framerate-Einbrüchen leidet, verstehe ich nicht. Die Spielwelt wirkt oft karg, mit simpler Geometrie, matschigen Texturen und Pop-In-Effekten. Auch Zwischensequenzen leiden an technischen Problemen. Texturen auf Spielfiguren und Objekten werden nach Kameraschnitten zu spät geladen. Schade, leidet der hübsche Artstyle an dieser unfertig wirkenden technischen Umsetzung.

Quelle: Bandai Namco
Auch akustisch enttäuscht das Spiel. Oft scheint es so, als würden Soundeffekte nicht oder nur teilweise abgespielt werden. Das Bike ist kaum hörbar, Monster bleiben manchmal stumm und auch sonst ist die Welt ungewöhnlich leise.
Immerhin überzeugt der geniale Soundtrack von Go Shiina («Tales of», «Tekken») auf ganzer Linie. Mit orchestralen Klängen und ganz viel Pathos passt der Klangteppich hervorragend zur Anime-Postapokalypse.
«Code Vein 2» erscheint am 30. Januar für PS5, Xbox Series X/S und PC. Bandai Namco hat mir das Game für die PS5 Pro zu Testzwecken zur Verfügung gestellt.
Fazit
Ein hervorragendes und erfrischend anderes Soulslike
Mit seinen einzigartigen Spielmechaniken verfolgt das Anime-Soulslike «Code Vein 2» einen erfrischend anderen Ansatz als vergleichbare Genrevertreter. Das Kampfsystem ist durch die Inklusion von computergesteuerten Partnerinnen und Partnern um einiges zugänglicher. Die Gegner sind knallhart, aber fair – nur die nervige Kamera vermiest manchmal die Stimmung. Auch das flexible Baukastenprinzip der Charakterprogression mit jederzeit austauschbaren Elementen ist gelungen. Ich muss mir keine Sorgen um eine langfristige Build-Planung machen, sondern kann laufend experimentieren.
Die Open World überzeugt mit vielen Geheimnissen, verwobenen Dungeons und knallharten Herausforderungen. Schade, wird der gelungene Anime-Artstyle durch eine mangelhafte technische Umsetzung mit Rucklern und anderen Problemen ausgebremst.
Pro
- coole Anime-Charaktere mit tragischen Geschichten
- krasser Charakter-Editor
- flexibles Kampfsystem lädt zum Experimentieren ein
- grosse Gegnervariation und gelungene Bossdesigns
- Open World und Dungeons voller spannender Inhalte
Contra
- nervige Kamera
- ständige Ruckler
- detailarme Umgebung und matschige Texturen

Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.
Welche Filme, Serien, Bücher, Games oder Brettspiele taugen wirklich etwas? Empfehlungen aus persönlichen Erfahrungen.
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