Hintergrund

Der Reissverschluss, ein genialer Frustfaktor

Michael Restin
Michael Restin
29.08.2022

Ein stofffressender Reissverschluss führt mich zu YKK. Beim Marktführer für die vermeintlichen Allerweltsteile finde ich keine Patentlösung für mein Problem. Aber die Zipper der Zukunft, eigene Fehler und neuen Respekt für ein unterschätztes Produkt, das von der Schweiz aus die Welt erobert hat.

Reissverschlüssen habe ich schon jede Art von Gewalt angetan. Zipper verbogen, Zähne gebrochen und viel zu volle Koffer ohne jede Vernunft, aber mit der Kraft der Verzweiflung geschlossen. Ich habe gezogen, wo ich nicht hätte ziehen sollen. Gewaschen, wie ich nicht hätte waschen sollen. Gezerrt, wie ich nicht hätte zerren sollen. Und trotzdem erwarte ich stets einen reibungslosen Ablauf, wenn ich mal wieder ruckartig ein Exemplar verzahnen will. Meistens klappt das. Keine Ahnung, wie viel Lebenszeit mir diese tolle Erfindung schon gespart hat, weil ich nichts knöpfen oder zusammenhaken musste. Vermutlich eine Menge. Trotzdem – klappt es mal nicht, entlädt sich mein Ärger an dem Kleinteil. Neulich war es mal wieder soweit. Meine Jacke wurde zur Zwangsjacke, weil sich der Zipper knapp unter dem Kinn gierig in den Stoff verbissen hatte. Schuld war, na klar, der Sch…eissverschluss.

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Daran muss ich denken, als ich an der Sportmesse OutDoor by ISPO am Stand von YKK vorbeilaufe, der einzigen Marke aus der Zipperwelt, die mir etwas sagt. Daran und an die Frage, ob sich das Problem nicht irgendwie vermeiden lässt. Kann doch nicht so schwer sein, auch wenn dünner Stoff auf dem Speiseplan der Reissverschlüsse ganz weit oben steht. Also mache ich kehrt und frage nach, was die Branche im Kampf gegen mein Problem zu tun gedenkt. Kurz darauf sitzt mir Jan Cees gegenüber. Ein freundlicher, in sich ruhender Niederländer, der mir ein Wasser hinstellt und sich inmitten des Messetrubels Zeit für meine Fragen nimmt.

Reise in die Welt der Reissverschlüsse

«Ich weiss nicht viel über Reissverschlüsse», entschuldige ich mich, da ich kein Einkäufer auf der Suche nach dreihunderttausend neuen Zippern bin, mit denen er es als Sales Manager sonst vermutlich zu tun hat. «Kein Problem, dafür weiss ich ein bisschen was darüber», sagt er und lacht. Jan Cees ist einer von über 44 000, die im Namen des Reissverschlusses unterwegs sind. Gut, die Yoshida Kogyo Kabushikikaisha (YKK) produziert noch dies und das und ein paar andere Verbindungstechniken, ist aber im Grunde ein Imperium, das die Welt verzahnt. Da muss es doch eine Lösung für mein Problem geben. Zum Beispiel den Anti-Snagging Zipper, von dem ich bei YKK gelesen habe. Bei ihm soll eine Verkleidung aus Kunststoff über dem Schieber verhindern, dass Stoff zwischen die Zähne gerät. Das scheint doch praktisch, denke ich.

Ist das die Lösung?
Ist das die Lösung?
Bild:YKK

Das ist der falsche Ansatz, findet Jan Cees. «In neun von zehn Fällen verhindert meiner Erfahrung nach eine bessere Konstruktion jede Menge Probleme», sagt er, und meint damit das Gesamtkonstrukt aus Zipper und dem Produkt, in dem dieser verbaut ist. «Zu enges Nähen kann zum Beispiel ein Grund sein, dass sich der Reissverschluss verklemmt.» Dann folge die Frage nach dem passenden Material. «Wenn du einen zu leichten Zipper für Velosachen wählst, ist er zu schwach und wird Probleme verursachen. Trotzdem ist Kunststoff die bessere Lösung, denn wenn Biker schwitzen und metallische Teile verwendet werden, kann das Salz dazu führen, dass diese oxidieren.»

Ich nicke wackeldackelartig und merke: Mein Wutbürger-Reflex, die Schuld auf «den Reissverschluss» zu schieben, ist zu einfach gedacht. Auch die Welt der Zipper ist komplex. Das zeigt schon ihre Geschichte, die eng mit der Schweiz verzahnt ist. Schliesslich gilt Martin Othmar Winterhalter als Erfinder des modernen Reissverschlusses. Er kam auf die geniale Idee mit den industriell produzierbaren Rippen und Rillen, gründete RiRi, lebte wie ein König und endete in der Psychiatrie. So viel Erfolg und doch kein reibungsloses Leben.

Verzwickte Situationen gehören offensichtlich zur DNA des Produkts. Auf die eine oder andere Art scheitern wir alle irgendwann mal am Reissverschluss. Wobei am Reissverschluss zu scheitern meistens heisst, an sich selbst und der eigenen Ungeduld zu scheitern. Vielleicht ist inzwischen ein japanisches Unternehmen zum Weltmarktführer geworden, weil man dort achtsam ist und traditionell viel Wert auf Zusammenhalt legt. Firmengründer Tadao Yoshida erhob den «Kreislauf des Guten» zur Unternehmensphilosophie. Der Gedanke dahinter ist, dass niemand erfolgreich sein kann, ohne andere am Erfolg teilhaben zu lassen. Im Grunde ist es wie beim Reissverschlussverfahren auf der Autobahn. Nur wenn alle mitziehen, geht es problemlos voran. Da ist was dran. Und der Reissverschluss hat sich tatsächlich langsam, aber stetig weiterentwickelt. Ich habe es nur nicht bemerkt.

Die Zipper der Zukunft sind schon da

Es gibt ein Quickburst-System, dank dem du dir Kleider oder Teile davon einfach vom Leib reissen kannst. Es gibt wasser- und feuerfeste Reissverschlüsse oder geschwungene Varianten, die dir Freiheit am Kinn verschaffen. Es gibt mit click-Track einen Verschluss, der dir das Gefummel beim Einfädeln erspart. Es gibt TouchLink-Zipper, die über NFC-Tags als «digital ID» Informationen zum Produkt oder als «Lifekey» Gesundheitsinformationen für Rettungskräfte bereithalten.

Der «Smart Zipper» verbindet deine Jacke mit der Online-Welt.
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Von den Zähnen bis zum Slider wird ein Produkt, das ich für fertig hielt, weiterentwickelt. Es gibt praktisch nichts, was es nicht gibt. Nur nicht den einen, todsicheren Tipp gegen eingeklemmten Stoff. Insgeheim hoffe ich immer noch auf den Gamechanger. Darauf, dass Jan Cees in Steve-Jobs-Manier «one more thing» aus der Tasche zieht. Das passiert aber nicht. «Du hast in der Herstellung viele Möglichkeiten, Probleme zu vermeiden», betont er gebetsmühlenartig. «Ich glaube, das ist besser als ein Workaround wie der Anti-Snagging Zipper.» Schade. Aber ich hab’s befürchtet. Denn auch bei diesem Schlafsack-Test war das so vielversprechend getaufte Teil nur bedingt erfolgreich und hat sich gelegentlich im dünnen Stoff festgefressen.

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Nun habe ich zwar keine Patentlösung für mein Ausgangsproblem, aber immerhin verstanden, dass die Geschichte des Reisverschlusses nicht zu Ende geschrieben ist. Er war zwar schon smart, bevor er Daten übertragen konnte. Aber auch diese Branche muss sich den Herausforderungen der jeweiligen Zeit stellen.

Kreisverschlüsse

Alle Branchen stehen vor denselben Fragen, was die Nachhaltigkeit angeht. Und häufig geht es darum, gemeinsame Antworten zu finden. Nur dann kann es gelingen, Produkte bis ins Detail umweltverträglicher zu gestalten. «Für die einen bedeutet Nachhaltigkeit, dass ein Produkt eine lange Lebensdauer hat. Andere denken zuerst an die Materialien, die nicht umweltschädlich sein sollen. Für wieder andere ist es ein Mix aus beidem. Und manchen geht es, und das ist präziser, um Zirkularität», referiert Jan Cees. Darum, dass ein Kreislauf entsteht. «Wenn wir ein Produkt nur aus einem einzigen Material wie Nylon herstellen, ist die Zirkularität besser, weil es einfacher zu recyceln ist.»

Natürlich gibt es längst Reissverschlüsse aus Meeresplastik und ambitionierte Öko-Pläne. Aber viele Zipperfragen betreffen auch uns Endverbraucher, die wir täglich daran ziehen. Denn ein kaputter Reissverschluss bedeutet doch allzu oft Endstation Kleidersammlung. «Einer der Wünsche aus der Branche ist, die Reparaturmöglichkeiten zu verbessern», erfahre ich und nehme mir vor, der Zipper-Pflege künftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken, damit es gar nicht erst so weit kommt.

Was du für deinen Reissverschluss tun kannst

Was kann ich tun, Meister? Was sollte ich in Zukunft auf jeden Fall beherzigen? Jan Cees lächelt milde und spricht: «Wasche die Kleider immer mit geschlossenen Reissverschlüssen und auf links gedreht. Das verhindert Schäden am Zipper und an anderen Stoffen.» Ich fühle mich ertappt. Mache ich so gut wie nie. Bei mir ist es eine Portion Faulheit, andere haben dafür schlicht keine Zeit: «In Industriewäschereien wird das auch nie gemacht.» So wie ich meine Zipper behandle, sollte ich mich nicht beschweren, wenn mal wieder etwas klemmt. Gewalt ist keine Lösung. Fürsorge wäre besser. Kerzenwachs, ein Bleistift oder Silikonspray können zum Beispiel helfen, den Reissverschluss in Schuss zu halten.

Am Ende meiner Reise in die Welt der Reissverschlüsse hat sich mein Blick auf dieses grundsätzlich geniale Prinzip verändert. Ich werde versuchen, mich künftig erstmal selbst zusammenzureissen. Die acht Gebote, die ich auf der Website von YKK finde, laufen alle auf das eine hinaus: Sei achtsam im Umgang. Mach sie ganz auf. Mach sie ganz zu. Mach’s nicht so, wie ich es immer gemacht habe. Lass dich nicht vom Wort Reissverschluss verführen. Vielleicht ist das der grösste Konstruktionsfehler: Er sollte Ziehverschluss heissen.

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Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.


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