

«Halo: Campaign Evolved» im Test: konserviert, poliert, kastriert
Das Remake von «Halo: Combat Evolved» bringt die Technik auf Stand 2026, schleppt aber 25 Jahre alte Schwächen mit und streicht ausgerechnet den PvP.
Es fühlt sich immer noch ein bisschen surreal an, «Halo» auf meiner Playstation zu spielen. Bis zum Schluss habe ich halb erwartet, dass alles nur ein elaborierter Sabotage-Plan von Microsoft ist und die Konsole irgendwann Feuer fängt oder in meinem Namen Penis-Pillen-Spam verschickt.
Das ist nicht passiert. «Halo: Campaign Evolved» ist ein kompetentes Remake, das auch auf dem Konkurrenzsystem zu überzeugen weiss. Alle Falten wegbügeln kann die Frischzellenkur allerdings nicht.
«Halo» ist immer noch «Halo» – zum Glück und leider.
Star Wars
Gemessen an der Konfliktbereitschaft unserer Spezies war es nur eine Frage der Zeit, bis uns die Kriege auf unserem Heimatplaneten langweilen und wir einen Beef mit E.T. anzetteln. In «Halo: Campaign Evolved» passiert das irgendwann im 26. Jahrhundert. Fernab der Erde gerät die Menschheit mit einem Bündnis ausserirdischer Völker aneinander. Die Aliens, Covenant genannt, sind uns technisch und zahlenmässig weit überlegen.
Kurze Zeit vor den Ereignissen in «Halo» haben sie den wichtigsten interstellaren Stützpunkt der Menschen zerstört (kannst du in «Halo: Reach» nachspielen). Ein einzelnes Raumschiff, die Pillar of Autumn, hat das Massaker überlebt und ist nun auf der Flucht vor den Covenant. An Bord sind einige Marines sowie ein genetisch gepimpter Supersoldat. Letzterer soll die Schiffs-KI Cortana in Sicherheit bringen. Damit beginnt mein Einsatz als Master Chief.

Von der ausladenden Lore, die «Halo» seit den Fortsetzungen prägt, ist im Debüt nur wenig vorhanden. Das reduzierte Storytelling mag etwas antiquiert wirken, ist paradoxerweise aber gleichzeitig sehr erfrischend. Ich werde nicht mit unnötigen Plots eingedeckt, die mich mit Details der tragischen Vergangenheit des sensiblen John Halo zutexten. Ich muss auch keine Nebencharaktere ertragen, die Penetranz mit Humor verwechseln oder inflationär Gründe auflisten, warum ich die Welt retten soll.
Der Master Chief braucht keine zusätzliche Motivation, er braucht eine Knarre und jemanden, der ihm zeigt, worauf er schiessen soll.
Die ersten Schritte
Selbst 25 Jahre nach dem ursprünglichen Release ist das Tutorial von «Halo» ein Meisterstück in Sachen immersives Onboarding. Ein Techniker versorgt mich mit den wichtigsten Infos zur Steuerung («Look at the lights!») und mit meinem Auftrag. Mehr Zeit bleibt nicht – die Covenant entern die Pillar of Autumn und ich muss mir meinen Weg zur Brücke erkämpfen. Alles, was das Kampfarsenal hergibt, lerne ich auf dem Weg dahin.
Die Unreal Engine spannt währenddessen ihren Bizeps: Animationen, Explosionen, Lichtverhältnisse – alles macht einen rundum schicken Eindruck. Wobei die Engine dem Game denselben Einheitslook verpasst wie gefühlt jeder zweiten aktuellen AAA-Produktion. Schade, aber ich hab’ weder viel Zeit zum Meckern noch zum Staunen, denn überall lauern Feinde.

Meine Gegner sind schlau und sie haben viel Persönlichkeit. Die humanoiden Eliten stürmen mit reichlich fehlplatziertem Selbstbewusstsein auf mich los, während die kleinen Grunts aus der Deckung schiessen und rasch die Flucht ergreifen, sobald es ein bisschen ungemütlich wird. Die Kreischlaute und die panischen Wortfetzen, die sie dabei von sich geben, sind auch heute noch lustig.
Auf der titelgebenden Ringwelt angekommen, erweitert sich das Gegner-Lineup mit jedem Level um einige neue Feinde. Es warten zielsichere Schwächlinge hinter Energie-Schilden, breite Ungetüme, die frontal kaum zu besiegen sind, und Nahkämpfer, die mich per One-Shot-Kill ins Jenseits befördern. Das passiert auch auf dem normalen Schwierigkeitsgrad öfter, als mir lieb ist, denn nur Drauflosballern reicht nicht.
«Halo» ist ein Shooter. Aber «Halo» ist auch ein Strategiespiel – aus historischen Gründen.
«Halo: Combat Evolved» hätte eigentlich ein Echtzeit-Strategiespiel werden sollen. In einer frühen Projektphase merkte Bungie aber, dass ihnen die direkte Kontrolle der Spielfiguren besser gefällt. Das Game wechselte daraufhin das Genre und wurde als Shooter weiterentwickelt, wobei ein Teil der Echtzeit-DNA erhalten blieb.
Die verschiedenen Alien-Fraktionen, die Fahrzeuge und vor allem die Sandbox-Gefechte, die mir jegliche Freiheit bei der Angriffsstrategie überlassen, sind allesamt Erbstücke dieses eingestampften Prototyps. Der hat seinen Weg 2001 ins Original gefunden und er lebt weiter im aktuellen Remake. Gut so.
Das «Halo»-Feeling
Auch der Waffeneinsatz ist an ein taktisches Element gebunden: Der Master Chief mag zwar ausserirdische Ärsche mit der Kraft von tausend Sonnen kicken, aber als Packesel taugt er nichts – der Supersoldat kann nur zwei Waffen gleichzeitig tragen.
Um effizient aufzuräumen, muss ich daher stets wissen, welcher Mix mich durch den nächsten Abschnitt trägt. Ist es das zuverlässige MA5 und eine Schrotflinte oder doch eher der zielsuchende Needler und ein Raketenwerfer? Die Auswahl ist nicht riesig, aber jede Waffe hat ihren Zweck und macht meinen Kampf um die Zukunft der Menschheit einfacher oder herausfordernder.

Es gibt dabei kein perfektes Setup, nur eins, das deiner Spielweise entspricht. Ausser du hebst die Magnum auf. Neben ihr ist jede Zweitwaffe nur Dekoration.
Mit jeder Begegnung lerne ich dazu, kann die Angriffsmuster meiner Feinde besser voraussehen und entsprechend reagieren. Daraus wird ein Rhythmus aus direkter Konfrontation, Granatenwurf, Rückzug und Stellungswechsel – dazwischen gibt’s den Gewehrkolben ins Gesicht, was mit einem befriedigenden Soundeffekt belohnt wird. Es ist ein Tanz. Es ist dieses unverwechselbare «Halo»-Feeling, das den Sprung ins Remake unbeschadet überstanden hat. Auch wenn Puristen sich über die neu hinzugefügte Sprint-Funktion ärgern dürften.
Dass sich das Gameplay ein Vierteljahrhundert später immer noch so gut anfühlt, zeigt eindrücklich, wie visionär «Halo: Combat Evolved» damals war.
Leider gilt dies nicht fürs Level-Design.
Grau in grau
Magst du graue, sterile Korridore? Ja? Cool. In «Halo: Campaign Evolved» gibt es etwa fünf Millionen davon, einige darfst du sogar mehrfach besuchen. Die Entwickler haben es leider verpasst, sich dem grössten Kritikpunkt des Originals adäquat zu widmen: den Innenleveln.

Seit jeher funktioniert das zuvor beschriebene «Halo»-Feeling am besten in weitläufigen offenen Abschnitten. Die Begegnungen im reduzierten Raum haben ihren Reiz, aber wer tanzen will, braucht Platz. «Halo» spielt sich unter freiem Himmel fundamental anders und vor allem besser.
Die Innenlevel sind nicht nur spielerisch ein Schwachpunkt, sie fallen auch optisch durch. Natürlich macht es narrativ Sinn, dass die Alien-Konstrukte nicht mit Zierkissen oder einer Petersburger Hängung dekoriert sind, aber müssen sie deshalb alle so verdammt eintönig aussehen? Mehrere Passagen werden zudem recycelt: «Two Betrayals» teilt sich den Grossteil der Architektur mit «Assault on the Control Room» und in Level 9 kehre ich auf denselben Covenant-Kreuzer zurück, den ich in Level 3 infiltriert habe.
2001 war der Grund dafür die knappe Deadline. Microsoft wollte «Halo: Combat Evolved» als Launch-Titel, was zu einigen Kompromissen in der zweiten Spielhälfte führte. Fürs Remake haben die Halo Studios ein bisschen Kosmetik betrieben und einige dieser Unstimmigkeiten etwas entschlackt – echte Verbesserungen suchst du aber vergebens.
Kein PvP?
Falls du jetzt denkst: «Schon scheisse, aber immerhin kann ich auf der Blood-Gulch-Map Headshots verteilen» – kannst du nicht. Der PvP-Modus wurde komplett gestrichen. Koop gibt es weiterhin – online mit bis zu vier Spielern, lokal im Zweier-Splitscreen. Gegeneinander antreten können du und deine Freunde allerdings nicht.
Executive Producer Damon Conn erklärte in einem Interview mit Windows Central, man wolle das Original-Meisterwerk nicht ersetzen, sondern etwas schaffen, das Schulter an Schulter damit steht. Aber wie zur Hölle soll das funktionieren, wenn man einen der wichtigsten Aspekte des Games subtrahiert?
PvP-Gefechte im Splitscreen machten «Combat Evolved» zum revolutionären Shooter; Multiplayer ist mit «Halo» praktisch synonym. Entweder haben Conn und sein Team das nicht verstanden oder – und hier liegt wahrscheinlich die Wahrheit – Microsoft will vermeiden, dass sich zwei «Halo»-Projekte gegenseitig kannibalisieren.
Kann man schon machen. Ist halt einfach ein bisschen dumm und verspielt zusätzlichen Goodwill, von dem der Xbox-Brand ohnehin kaum noch was übrig hat.
Was ist neu?
Neben der komplett überarbeiteten Technik hält «Halo: Campaign Evolved» einige neue Inhalte bereit: Das Herzstück ist «Operation: Meteorite», ein Prequel-Handlungsbogen, der das Spiel um drei Level erweitert. Die sind allesamt kurzweilig und warten sogar mit der einen oder anderen Überraschung auf. Recycelt wird aber auch hier.

Die Skulls wiederum sind «Halo»-Veteranen bestens bekannt: In jeder Mission sind drei Totenschädel versteckt. Sie fungieren als Modifikatoren, die Waffen, Gegner, Umgebungen und Regeln verändern. Aus den verschiedenen Stellschrauben kannst du dir dein ganz eigenes «Halo»-Erlebnis erstellen, was den Wiederspielwert deutlich erhöht.
Wenn du sie denn findest.
Kollege Domagoj und ich kamen nach dem Playthrough auf die beeindruckende Menge von … zwei Stück. Von 39. Darüber darfst du dich gerne in den Kommentaren auslassen, aber zu unserer Verteidigung: Wir sind hier nicht bei «Banjo-Kazooie». Ich will Aliens töten und nicht die ewig gleichen Räume für Sammelkram durchforsten.
Was macht ein gutes Remake aus?
Die besten Remakes erfüllen zwei entscheidende Ansprüche: Sie konservieren das ursprüngliche Spielerlebnis und bereiten es gleichzeitig für eine neue Generation von Fans auf. Das muss kein Widerspruch sein. Das beste Beispiel dafür sind Capcoms jüngere «Resident Evil»-Neuauflagen.
«Halo: Campaign Evolved» erfüllt leider nur den ersten dieser beiden Ansprüche. Es ist eine moderne Version eines der besten Games aller Zeiten. Nur ist dieses Game halt auch 25 Jahre alt und die Halo Studios können vom Publikum nicht die gleiche Frusttoleranz erwarten wie vor einem Vierteljahrhundert. Das Genre hat sich weiterentwickelt, die Ansprüche der Spielerinnen und Spieler ebenfalls.

In diesem Missstand zeigt sich auch die Dysfunktionalität der Halo Studios. Ähnlich wie zuletzt «Halo Infinite» setzt «Campaign Evolved» auf Altbewährtes und geht kaum Risiken ein. Das Ergebnis ist ein solides Spiel, auf dessen Qualität sich die Mehrheit einigen kann.
Aber es gab auch mal eine Zeit, in der «Halo» Trends gesetzt und nicht einfach aufgewärmt hat. Ich hoffe, dass die Serie wieder zu diesen alten Stärken zurückfinden kann.
«Halo: Campaign Evolved» erscheint am 28. Juli für Xbox Series, Playstation 5 und PC. Das Spiel wurde mir von Microsoft zur Verfügung gestellt.
Fazit
«Halo, is it me you’re looking for?»
Ich habe mich bei der Wertungsvergabe selten so schwergetan. Nüchtern betrachtet ist «Campaign Evolved» ein fast perfektes Remake. Das hervorragende Gameplay bleibt grösstenteils unangetastet, während die Technik auf den neuesten Stand gebracht wird. Die Vorgehensweise ist legitim und angesichts des definierten Ziels («Schulter an Schulter mit dem Original») verständlich.
Aber Remakes sind immer auch eine zweite Chance. Um Fehler zu beheben, Unstimmigkeiten auszubessern und vielleicht sogar das nachzuliefern, was damals an der Technik oder der Deadline gescheitert ist. «Campaign Evolved» macht nur das absolute Minimum davon und amputiert dazu noch den kultigen PvP-Modus. Eigentlich eine Todsünde und mehr als genug Gründe für eine tiefere Wertung.
Schlussendlich habe ich mich trotzdem für vier Sterne entschieden. Ein bisschen, weil ich Angst vor der «Halo»-Fanbase habe, vor allem aber, weil die Kampagne selbst mit all ihren Ärgernissen und Repetitionen immer noch eines der besten Erlebnisse ist, die man mit einem Controller in der Hand haben kann.
«Halo» ist immer noch «Halo» – zum Glück und leider.
Pro
- das «Halo»-Feeling
- drei neue Missionen
- der unzerstörbare Soundtrack
- atmosphärisch dicht
- die Grunts schreien nach ihrer Mutter
- schöne Aussenlevel …
Contra
- … langweilige, repetitive Innenlevel
- kein PvP
- Kampagne und Bonus-Missionen sind mit knapp zehn Stunden relativ kurz
- Collectibles

In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.
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