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Shutterstock/TanyaYarr
Hintergrund

Hassobjekt Matschhose

Auf den ersten Blick steht die Matschhose für eine schöne Kindheit. Auf den zweiten scheiden sich die Geister an diesem Kleidungsstück, denn viele Kinder fühlen sich darin nicht wohl. Forscherinnen fordern deshalb zum Umdenken auf.

Die Kita-Garderobe ist ein Ort, an dem schon viele Geduldsfäden gerissen sind. Grosse und kleine. Unter anderem meiner. Und der von zahllosen Erzieherinnen und Erziehern. Bei ihnen summiert sich der Stress, denn bevor es an nassen Tagen nach draussen geht, wartet die Matschhose. Zwanzigmal.

Am Ende stapfen lauter kleine Michelin-Männchen (und Mädchen) in den Wald. Dick ausstaffiert und gut geschützt, in gelben Gummistiefeln und leuchtenden Thermohosen. Bereit für den Kontakt mit der Natur. Nun ja, fast. Abgesehen von der Gummischicht, die die Kleider sauber und das Chaos beherrschbar halten soll. Und die viele nicht mögen.

Viele Kinder hassen Matschhosen.
Forscherin Virve Keränen auf spiegel.de

Den Hass, den Virve Keränen von der finnischen Universität Oulu im Beitrag beschreibt, kann ich verstehen. Das habe ich ähnlich erlebt. Meine Kinder haben die massenhaft angeschafften Sachen auch nicht gerne getragen. Deshalb finde ich interessant, dass die Forscherin gemeinsam mit ihrer Kollegin Susanna Kinnunen das Kleidungsstück zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit gemacht hat.

Ein umstrittenes Kleidungsstück

Vordergründig geht es um die Hose. Hintergründig um die Rolle von Kleinkindern in der Gesellschaft, um ihre Formen des Widerstands und um strukturelle Probleme im Alltag. Diese lassen sich auch an einem umstrittenen Kleidungsstück erklären. «Unser Ziel ist es nicht, Matschhosen zu kritisieren, sondern die Praktiken und Regeln, die mit ihnen einhergehen, zu untersuchen und zu hinterfragen», sagt Susanna Kinnunen.

Finnland, seit 2018 Jahr für Jahr das glücklichste Land der Welt im World Happiness Report, scheint sich mit ein paar unglücklichen Kindern in bunten Plastikkleidern nicht abfinden zu wollen. Und da sich von Skandinavien aus eine Matschhosenzone durchs nasskalte Mitteleuropa zieht, betrifft das Thema viele.

Matschhosen

Akzeptiert dein Kind die Regenkleidung?

Vor der Matschhose sind alle gleich

Aus Kindersicht gibt es gute Gründe dafür, die Outdoor-Uniform nicht zu mögen. Häufig geht es in voller Montur nicht in knietiefe Pfützen, sondern nur auf eine taufeuchte Wiese. Diejenigen, die rennen und klettern, kicken und springen wollen, fühlen sich in den steifen Matschhosen eingeschränkt. Praktisch sind sie vor allem für die Erwachsenen, weil weniger gewaschen und gewechselt werden muss. Also heisst es fast überall: Einheitskleidung für alle. Und das wird zum Problem.

Den Kindern bleibt dann wenig Spielraum, aber sie nutzen ihn für kleine Gesten des Protests. Dann hängen die Hosenträger und die Gummischlaufen unter den Stiefeln sind schon nach zwei Minuten nicht mehr an ihrem Platz. Es wird gewatschelt und gestolpert, gezupft und gezogen, um das Unbehagen zum Ausdruck zu bringen. Und überhaupt: Die Plastikhosen eignen sich doch hervorragend als Versteck für Steine und Stöckchen. So holen sie sich Stück für Stück ein bisschen Selbstbestimmung zurück. Dieses Kinderbuch erzählt eine ganz ähnliche Geschichte.

Leon und Jelena - Die Matschhose muss weg (Deutsch, Raingard Knauer, Rüdiger Hansen, 2017)
Kinderbücher

Leon und Jelena - Die Matschhose muss weg

Deutsch, Raingard Knauer, Rüdiger Hansen, 2017

Die Lösung, zu der die Kinder und Betreuungspersonen darin gemeinsam kommen: Sie reden darüber. Die Kinder dürfen ihrem Frust Luft machen, dass die Hosen sie beim Spielen stören. Die Betreuerin erklärt, dass die Eltern nicht dauernd waschen können. Am Ende waschen die Kinder ihre Sachen selbst. So wäre es in einer idealen Welt.

In den meisten Fällen scheitern individuelle Ideen an der genormten Realität. Für die Kinder gibt es dann kaum eine Möglichkeit, ihren Kopf durchzusetzen. Die Analyse der Autorinnen zeigt, dass die Betreuungspersonen das wahrnehmen und auch oft Mitleid haben. Doch sie müssen halt ihren Job machen.

Garderoben-Polizei wider Willen

Betreuungspersonen fühlen sich den Eltern verpflichtet, keine klatschnassen Kleider abzuliefern. Sie müssen den Matsch draussen und den Innenraum sauber halten. Sie müssen die Zeit im Blick haben und meistens irgendeinen Mangel verwalten, weil Personal knapp ist.

Die Folge ist unschöne Fliessbandarbeit: Auf der einen Seite die Kinder, die sich partout nicht in die Plastikkleidung stecken lassen wollen. Auf der anderen die Erwachsenen, die vorankommen müssen. Und manchmal helfen die besten Tricks nichts.

So vorbereitet geht's schnell wie bei der Feuerwehr. Falls das Kind gerade mitmachen will.
So vorbereitet geht's schnell wie bei der Feuerwehr. Falls das Kind gerade mitmachen will.
Quelle: Katja Fischer
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Was bleibt, wenn gut zureden nicht hilft? Die Forscherinnen beschreiben, wie das Drama um die Hosen die Beziehungen, das Verhalten und die Machtstrukturen zwischen Kindern und Erwachsenen prägt. Dann mutieren Erzieherinnen und Erzieher aus Hilflosigkeit zu Garderoben-Polizei, um die Widerspenstigen in den Griff zu bekommen. Also wird das Kind wie eine Schaufensterpuppe in seine Sachen gesteckt.

Oder es wird sozialer Druck ausgeübt, weil «die ganze Gruppe» auf ein, zwei oder drei Hosen-Verweigerer warten muss und die Eltern «sicher traurig wären», wenn die schönen Kleider am Abend schmutzig sind. Manchmal kommen auch Verbote ins Spiel. Nach dem Motto: Wer die Hose nicht richtig trägt, darf auch nicht in den Sandkasten. Und natürlich wird die Ausrüstung noch einmal kontrolliert, bevor der erste Gummistiefel den Aussenbereich berührt.

Kleider nass, alles gut

«Matschhosen können viel über die Erwartungen verraten, die die Gesellschaft an Kinder stellt, und über die bedeutende Rolle, die selbst kleine Gegenstände im Alltag spielen», schreiben die Forscherinnen. Es hängt viel dran. Nicht nur Sand und Matsch, sondern manchmal auch schlechte Gefühle, die ein Kind viel länger mit sich herumschleppt. Wenn ich darüber nachdenke, sind mir solche nervigen Momente aus der eigenen Kindheit mindestens so präsent wie die schönen.

Entsprechend bin ich froh, in dieser schmutzig-spassigen Vorschul-Lebensphase selten ein Kind abgeholt zu haben, das abends noch dieselben Sachen anhatte wie morgens. Dafür gab's von den Erzieherinnen zum Kind jeden zweiten Tag einen Plastiksack mit dreckiger Wäsche in die Hand. Kleider nass? Alles gut. Am meisten hat es mich ohnehin immer genervt, die Matschhosen zu waschen.

Titelbild: Shutterstock/TanyaYarr

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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


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