
Hintergrund
Anime statt Hollywood: Wie Japan das Erzählen neu definiert
von Luca Fontana

Über tausend Anime-Folgen in 30 Jahren – und ich kenne fast nichts davon. Trotzdem hat mich Netflix’ Adaption komplett gepackt. Vielleicht ja deshalb: weil sich diese verrückte Piratenwelt für Neulinge wie ein einziges Abenteuer anfühlt.
Ich muss etwas gestehen: Ich kenne «One Piece» kaum. Weder Manga noch Anime. Und das, obwohl ich als Kind der Neunziger wie so viele nach der Schule stets vor dem Anime-Fenster auf RTL2 sass, um «Dragonball», «Pokémon», «Digimon» und wie sie alle heissen zu gucken. Nur «One Piece» hat mich irgendwie nie so richtig interessiert.
Anime verschwand danach lange aus meinem Leben, bis meine Begeisterung dafür erst vor ein paar Jahren wieder aufflammte. Ein bisschen wie beim Rest der Welt. Seither entdecke ich gern neue Anime-Universen – nur um «One Piece» mache ich noch heute einen grossen Bogen.
Der Grund? Nicht einer, sondern über tausend. So viele Folgen hat der Anime mittlerweile. Der Manga läuft auch noch immer. Ganz ehrlich? Das schüchtert ein, wenn man – wie ich – den Anspruch hat, alles durchzuziehen, was man beginnt. Darum blieb mir die gigantische Piratenwelt von Mangaka Eiichirō Oda lange fremd. Zumindest, bis mich die Netflix-Live-Action-Adaption eines Besseren belehrt hat.
Denn jetzt, nachdem ich mir endlich beide Staffeln in Rekordtempo gegeben habe, kriege ich plötzlich nicht mehr genug davon.
Ich wette, du fragst dich das gerade: Wie fühlt sich das eigentlich an, diese Welt ohne jegliches Vorwissen zu betreten? Ich kann’s dir sagen: befreiend. In meinen Anime-Bubbles zum Beispiel bekomme ich immer wieder mit, wie Fans auf bestimmte Szenen aus Staffel 2 reagieren. «Warum kommt dieser Charakter schon so früh?», fragen sie. Oder: «Das mit dem Blitz war im Anime viel epischer!»
Dann habe ich nachgeschaut – und fand die entsprechende Anime-Szene gut. Solide. Manchmal gleichwertig, manchmal besser, aber manchmal auch weniger packend als in der Live-Action-Serie. Nostalgie ist halt ein Miststück, das einen klaren Blick trüben kann. Das sage ich ohne Häme: Es ist eine echte, kraftvolle Emotion, die einen manchmal gegen ein Original vergleichen lässt, das im Kopf über die Jahre grösser geworden ist, als es auf dem Bildschirm je war.
Ich habe dieses Problem nicht. Ich schaue «One Piece» und frage mich nicht, was früher anders war. Ich frage mich nur, was als Nächstes kommt. Das ist ein Luxus, den ich in vollen Zügen geniesse.
Trotzdem: Ja, manchmal ist auch das ein kleiner Fluch. Gerade dann, wenn auch ich spüre, dass mir etwas entgeht. Ein Augenzwinkern an die Fans, ein Easter Egg, eine Andeutung für kommende, grosse Geschichten oder Charaktere, die für Insider mehr bedeuten als für mich (Brook!! Ähm ja … Brook?). Genug, um zu ahnen, dass da noch mehr ist. Aber nicht genug, um zu begreifen, was genau.
Genau das ist wohl der Grund, weshalb ich nach der ersten Staffel noch gar nicht mal so gehyped war. «Ich mag sie, diese sonderbare Welt», sagte ich mir. Nicht mehr. Nicht weniger. Jetzt, nach Staffel zwei, sage ich: «Ich liebe sie, diese herrlich skurrile, abgedrehte Welt!»
Denn: Die Welt von «One Piece» fühlt sich für einen Neuling wie mich erst ab Staffel 2 so gross an, wie sie Staffel 1 verspricht.
Rückblickend wirkt die erste Staffel sogar fast wie ein Prolog. Sie stellt die Crew zwar vor, etabliert ihre Träume und setzt die Reise in Gang. Erzählerisch bleibt vieles aber noch ein Vorspiel, weil das eigentliche Ziel noch ausser Reichweite liegt: die Grand Line.
Diese legendäre Seeroute, welche die vier Ozeane von Odas Welt trennt, ist nämlich der Ort, an dem einst Piratenkönig Gol D. Roger den sagenumwobenen Schatz «One Piece» versteckt haben soll. Sein Tod löst eine neue Ära der Piraten aus, weil plötzlich alle auf der Suche nach diesem Schatz sind – nach Reichtum, Macht und Ruhm. Und alle reden davon, wie unfassbar gefährlich und verrückt die Grand Line sei.

Staffel 1 ist im Wesentlichen dieses Versprechen. Immer wieder. Das war, ehrlich gesagt, manchmal etwas anstrengend, gerade für jemanden wie mich, der keinen Anime oder Manga im Hinterkopf hat, der einem zuflüstert: «Warte nur, es wird gut.»
In Staffel 2 erreichen Luffy und seine Crew die Grand Line endlich, wo der Wahnsinn mal sowas von beginnt. Denn alles, was im East Blue noch halbwegs normal wirkte – die Fischmenschen waren noch das Exotischste –, wird hier radikal überdreht. Inseln bestehen plötzlich aus gigantischen Kakteenlandschaften, werden von Dinosauriern und Riesen bevölkert oder liegen unter ewigem Schnee und Eis.
Und kaum steuert die Strohhut-Crew auf eine neue Insel zu, frage ich mich, welche absurde Idee diesmal auf sie wartet. Dann kommt sie – und sie ist meistens noch absurder, als ich dachte. Als jemand ohne Anime-Vorwissen ist das ein echtes Geschenk: keine Spoiler im Kopf, keine Erwartungen, die weggenommen werden müssen. Nur pures Staunen, Insel für Insel.

Genau diese hemmungslose Fantasie ist es, die mich verstehen lässt, warum «One Piece» seit fast 30 Jahren Millionen Menschen begeistert. Die Welt ist nicht nur gross – sie ist unberechenbar und nimmt ihre eigene Verrücktheit mit einer Ernsthaftigkeit an, die überraschend gut funktioniert. Mittlerweile bereue ich es sogar, sie erst jetzt betreten zu haben.
Natürlich hat auch die Live-Action-Adaption weiterhin ihre Eigenheiten. Vieles wirkt bewusst künstlich, fast wie Cosplay – Kostüme, Make-up und Figuren sind so überzeichnet, dass sie kaum als «realistisch» durchgehen. Das ist auch in Staffel 1 so: Netflix’ «One Piece» versucht gar nicht erst, seine verrückte Vorlage in eine geerdete, Nolan-artige Realismusversion zu pressen.

Das gilt auch für die Teufelsfrucht-Kräfte, die in der zweiten Staffel noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Zur Erklärung für alle, die so unbedarft in diese Welt stolpern wie ich: Wer eine dieser legendären Früchte isst, erhält übernatürliche Fähigkeiten, zahlt dafür aber mit seiner Fähigkeit, zu schwimmen. Ein fairer Tausch, aber auch ein gefährlicher, wenn man ständig auf hoher See ist.
Captain Smoker etwa verwandelt sich in reinen Rauch – und raucht konsequenterweise nicht eine, sondern stets zwei Zigarren gleichzeitig. Andere Figuren besitzen Haut, an der Schläge einfach abrutschen, oder verfügen über Kräfte, die so absurd sind, dass man sie kaum glauben kann. Ich sage bewusst nicht, welche. Nur so viel: Nasenpopel spielen eine Rolle.
Netflix setzt das alles mit ordentlich Budget um, auch wenn das CGI hier und da seine Grenzen zeigt. Für eine TV-Serie ist das Ergebnis trotzdem verdammt beeindruckend. Vor allem für jemanden wie mich, der keinen Anime- oder Manga-Vergleich im Kopf hat und die Bilder einfach so nimmt, wie sie kommen.
Trotz all der verrückten Ideen bleibt etwas anderes das eigentliche Herz der Serie: die Crew der Strohhut-Piraten. Staffel 1 hat viel Zeit darauf verwendet, die Hintergrundgeschichten der einzelnen Figuren zu erzählen. Ihre Wunden, ihre Träume und ihre Gründe, warum sie überhaupt auf diesem Schiff gelandet sind.
Staffel 2 muss das nicht mehr leisten. Sie lebt stattdessen von der Dynamik, die daraus entstanden ist. Vom Streiten und Kabbeln, vom Missverstehen und Versöhnen, von der Loyalität, die diese Gruppe zusammenhält, auch dann, wenn alles um sie herum aus dem Ruder läuft.

Das ist es, was «One Piece» auch für jemanden wie mich trägt, der ohne Vorwissen und ohne Nostalgie in diese Welt gestolpert ist. Ich kann nicht beurteilen, ob die Figuren dem Anime treu sind. Oder der Plot. Die Welt. Die Kreaturen und Monster. Ich kann nur beurteilen, was ich sehe. Und was ich sehe, begeistert mich Abenteuer für Abenteuer.
So bleibe ich dran – immer den Wolken hinterher, einer Legende auf der Spur.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
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