

Ist das wirklich necessaire, liebe KI?
Produktbeschreibungen auf Galaxus klingen manchmal ziemlich schräg, wohl auch weil immer mehr zu KI-Tools gegriffen wird. Ich überprüfe bei diesem Necessaire Punkt für Punkt die Behauptungen. Ein Testbericht der anderen Art.
Ein Necessaire sollte nur das Nötigste enthalten und selbsterklärend sein. Aber nein! Schaue ich mir die Produktseite im Shop an, überkommt mich das Grauen.

Zusammen arbeiten wir uns durch die Beschreibung, Satz für Satz. Es ist Worthülseritis extremis, jede Aussage ist gespickt mit Adjektiven: 35 Stück entsprechen einem Textanteil von rund 15 Prozent. Um die sechs Prozent gelten in der deutschen Sprache als normal. Wenn wir uns unterhalten, ist es oft noch weniger. Ich finde das gut so.
Denn, wie Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider in seinem Werk «Deutsch für Profis» in Kapitel 7 auf Seite 41 schreibt, sind Adjektive die am «häufigsten überschätzte, am unbedenklichsten missbrauchte Wortgattung». Schon der erste Satz der Produktbeschreibung lautet so, dass der gute Wolf Schneider wohl in seinem Grab rotieren würde, wäre das nicht eine allzu abgegriffene Metapher.

«Die reisenthel travelcosmetic twist sage ist eine charmante und praktische Kosmetiktasche, speziell für Reisen konzipiert.»
Wow, eine Kosmetiktasche mit Charme also! Und praktisch ist sie ausserdem. Klingt wie die perfekte Ehefrau. Dass sie «speziell für Reisen konzipiert» wurde, hatte ich mir tatsächlich schon sehr früh gedacht. Ich hatte eh nie vor, meinen Spiegelschrank aus dem Badezimmer mit in den Urlaub zu nehmen.
«Mit ihrem einzigartigen Twist-Design in einem beruhigenden Salbeigrün bietet sie nicht nur ausreichend Platz für Ihre Pflegeprodukte, sondern auch eine ansprechende Ästhetik, die sich perfekt in jede Reisetasche einfügt.»
Moooment! Das ist so ein langer Satz und liefert doch so wenig Information. Was soll eine «ansprechende Ästhetik» überhaupt sein!? Auch egal, denn Optik ist am Ende Geschmackssache. Ein Kulturbeutel muss sich für mich nicht optisch «perfekt in jede Reisetasche einfügen». Was wäre denn, wenn ich ausgerechnet meine froschgrünen Socken neben das salbeigrüne Ding packe? Das sieht doch wirklich nicht gut aus. Ästhetik am A… ist dann! Durchatmen, ruhig bleiben. Ich richte meinen Blick fest auf das Salbeigrün des Necessaires. Wie beruhigend. Nicht.
Übrigens ist laut Claude und anderen KI-Sprachmodellen fast jede Farbe beruhigend, wenn ich danach frage. Denn immer hat irgendein Werbetexter schon einmal die entsprechende Behauptung formuliert. Und weil sich KI ja aus den Sprachschätzen des Internets bedient, plappert sie natürlich das nach, was da so zu finden ist.
«Die travelcosmetic twist sage von reisenthel zeichnet sich durch ihr innovatives Twist-Design aus, das ihr einen modernen und einzigartigen Look verleiht.»
Gerade war es noch «ansprechende Ästhetik», jetzt kommt «moderner und einzigartiger Look» dazu. Da hat wohl jemand in der Synonym-Datenbank sein Glück gefunden. Ich frage mich noch, was «Twist-Design» eigentlich ist. Das Necessaire wirkt auf mich nicht so verdreht wie die Produktbeschreibung. Ein kurzer Blick auf die Website von Reisenthel hilft weiter: «Twist» ist einfach eine der Kollektionen dort. Was daran «innovativ» sein soll, sehe ich nicht. Ich wüsste nicht, welche Erfindung hinter «Twist-Design» steckt, die einen spürbaren Nutzen und Mehrwert brächte. Ich bin kurz vor Twist & Shout.
Was übrigens mit dem Marken- und dem Produktnamen im ersten Teil des Satzes passiert ist, weiss ich nicht. Vielleicht hatte die KI einfach Lust auf Abwechslung und deshalb von der Gross- zur Kleinschreibung gewechselt.
Zeit für einen Marschhalt. Ich zähle bis hierher neun Adjektive – von «innovativ» über «einzigartig» und «ansprechend» bis hin zu «charmant». Du merkst es selbst: Das ist alles nichtssagend, bestenfalls noch subjektiv.
Weiter im Text, hilft ja nichts. Durchbeissen ist angesagt.
«Das strapazierfähige Polyester-Material ist robust und pflegeleicht, was sicherstellt, dass die Tasche auch bei regelmässiger Verwendung gut aussieht und lange hält.»
Ha, nun geht es doch tatsächlich mal darum, wie sich der Kosmetikbeutel benutzen lässt. Mein Deutschlehrer im Gymi hätte mir hier sicher «Wdh.» an den Rand geschrieben und «robust» und «strapazierfähig» unterstrichen. Ob das jetzt Tautologie oder Pleonasmus ist, wüsste ich nicht mehr.
«Die wasserabweisende Innenbeschichtung schützt Ihre Pflegeprodukte vor Feuchtigkeit und Schmutz.»
Nichts zu meckern. Fast. Mir ist wichtiger, dass die Aussenbeschichtung wasserabweisend ist. Im Test halte ich das Necessaire deshalb kurz unter den Wasserhahn. Das Wasser perlt ab. Gut so!
«Diese Kosmetiktasche bietet ein geräumiges Hauptfach mit einer praktischen Innenaufteilung, die es Ihnen ermöglicht, Ihre Artikel organisiert zu halten.»
Betonung auf «ermöglicht» … Nur, weil es verschiedene Fächer gibt, werde ich noch lange nicht zum Ordnungs-Monk. Gut erkannt, KI!

«Zwei seitliche Innensteckfächer und ein Reissverschlussfach bieten zusätzlichen Stauraum für kleine Gegenstände.»
Aha, typischer KI-Nonsens. Die Aussage aus dem Satz davor wird einfach nochmal wiederholt und dadurch vermeintlich klarer.
«Die stabile Bodenplatte sorgt dafür, dass die Tasche stabil steht und Ihre Produkte sicher aufbewahrt werden.»
Hilfe! Die «stabile» Bodenplatte sorgt für einen «stabilen» Stand. Wer hätte das gedacht?! «Sicher» wären die Produkte in einem kleinen Tresor.

«Die travelcosmetic twist sage ist mit einem robusten Reissverschluss ausgestattet, der ein einfaches Öffnen und Schliessen ermöglicht.»
Ich werde verrückt: Das Necessaire hat einen Reissverschluss. Also so wie alle anderen eben auch. Aber die haben bestimmt einen der «robusten» Sorte, sondern so labbrige und hakelige.
«Die beiden Tragegriffe an den Seiten erleichtern den Transport, während die kompakte Grösse sicherstellt, dass die Tasche problemlos in jede Reisetasche oder jeden Koffer passt.»
Ich rufe meine Frau, damit sie mir tragen hilft. Zwei Tragegriffe schreien geradezu nach Teamwork, den Zentner an Shampoo, Augencreme und Rasierschaum in den Koffer zu hieven. Wir bemerken, dass die KI uns angelogen hat. Es gibt nur einen Tragegriff, keine zwei…

Apropos Koffer. Laut Beschreibung passt die Kulturtasche dort zum Glück «problemlos» hinein. Weiss die KI eigentlich, wie gross mein Koffer ist und wie ich diesen zu packen gedenke? Ich habe auch schon gepackt und am Ende hat das Necessaire sich widerborstig gezeigt und nicht mehr in den Koffer gepackt.
«Diese Kosmetiktasche eignet sich nicht nur hervorragend für Reisen, sondern ist auch ideal für den täglichen Gebrauch zu Hause oder im Fitnessstudio geeignet.»
Was sich eignet, ist auch geeignet. Mein Herz für die Sprache blutet. Wie fast immer, wenn der Nicht-nur-sondern-auch-Knüppel im Einsatz ist. Anmerken möchte ich an dieser Stelle, dass sich eine Kosmetiktasche wie diese auch im Schwimmbad, in der Fussball-Umkleide oder auf einer Berghütte wohlfühlt. Nicht nur im Fitnessstudio.
«Ihr vielseitiges Design und ihre praktischen Funktionen machen sie zu einem unverzichtbaren Begleiter in jeder Situation.»
Wir erreichen den Gipfel des Adjektiv-Achttausenders. Das Twist-Design ist uns bereits als «einzigartig» und «innovativ» gepriesen worden. Dass es auch «vielseitig» ist, ist ein schöner Plot-Twist. Sprachexperten und -expertinnen wissen, dass der letzte Satz im Gedächtnis bleibt. Die KI meister den Druck und löst die Situation mit der gewagten Behauptung, das Täschchen von Reisenthel sei «unverzichtbar» – sogar in «jeder» Situation.
Wie viel der Nonsens-Beschreibung verzichtbar wären, zeigt die Variante des Teils in Silber-Grau.
Da heisst es schlicht:
«Klassischer Kulturbeutel mit zwei soliden Metallbügeln – die Travelcosmetic von Reisenthel hält einiges aus, auch wenn das Gepäck von der Airline unsanft herumgeschubst wird.»
Wie ich das Necessaire finde? Es ist: gut. Sorry für das Adjektiv.
Und etwas ausführlicher gibt es meine Bewertung im Fazit.
Fazit
Solider Beutel, wacklige Versprechen
Es tut mir leid, lieber Leser und liebe Leserin. Was der Galaxus-Produktbeschreibungs-KI-Bot sich bei diesem Necessaire gedacht hat, deckt sich in einigen Bereichen nicht mit der Realität. Es hat nur eine, keine zwei Trageschlaufen. Und in meinem Gebrauchstest habe ich zum Beispiel keine «stabile Bodenplatte» gefunden. Einzig könnte man sagen, dass die Tasche aufgeklappt und befüllt ordentlich steht. Stabilität hat sie vor allem deshalb, weil oben ein klappbarer Metallrahmen eingenäht ist. Das steht so nirgends in der Beschreibung, ist aber ein sehr relevantes Detail.
Die «wasserabweisende Innenbeschichtung» gibt es. Es ist ein Kunststoff, der das Wasser nicht aufsaugt. Feucht kann es im Necessaire trotzdem werden, wenn du das Duschgel noch tropfnass einpackst. Die Aussenhülle solltest du nicht unter den Wasserhahn halten, sonst ist sie nach wenigen Sekunden durchnässt.
Bei der Innenaufteilung finde ich die Schlaufen auf der einen Seite ziemlich nutzlos. Hätten sie einen Gummizug, könnte man sie brauchen, haben sie aber nicht. So rutscht mein Aftershave nach unten durch, weil es nicht dick genug ist.
Angegeben ist ausserdem noch ein Volumen von vier Litern. Das wären also vier Tetrapacks Milch. Naja, das ist zumindest optimistisch. Irgendwie passen die wohl schon rein, aber dann ginge der Reisverschluss nicht mehr zu.
Pro
- kleines Innenfach mit Reissverschluss
- Metallrahmen hält den Kulturbeutel gut offen
- Schlaufe zum Aufhängen
- Recycling-Material
Contra
- unnütze Halteschlaufen im Innenfach
- keine brauchbare Innenaufteilung
- Aussenhülle anfällig für Wasser und Schmutz
- kann nur geschlossen aufgehängt werden
Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln.
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