HintergrundKochen

Käsestreit: Gruyère darf auch in den USA produziert werden

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 14.01.2022

Gruyère muss nicht in der Schweiz produziert werden, sagt ein amerikanisches Gericht und verärgert die hiesigen Käseproduzenten. Der Käse blickt auf eine über tausendjährige Tradition mit immergleichem Rezept zurück – die USA auf eine etwas kürzere im Austragen von Rechtsstreits.

Le Gruyère AOP. Ob auf einem Plättli mit Brot oder zusammen mit Vacherin als Fondue Moitié-Moitié, der Käse geht immer. Das hat auch die restliche Welt gemerkt, weshalb der Greyerzer den Emmentaler im Jahr 2009 als Exportschlager abgelöst hat. So ein Erfolg zieht Trittbrettfahrer an.

Gruyère aus Texas oder Kalifornien?

US-Produzenten haben gemerkt, dass der Käse beim heimischen Publikum gut ankommt und produzieren munter Gruyère made in America. Das macht die Gruyère-Produzenten schon länger hässig. Ist der Käse in Europa doch mit der Herkunftsbezeichnung «AOP» geschützt. Heisst: Nur Produzenten aus den Kantonen Freiburg, Waadt, Neuenburg, Jura sowie den Berner Bezirken Courtelary, Moutier und La Neuveville und einigen Gemeinden, die an den Kanton Freiburg angrenzen, dürfen den Käse herstellen. Historische Ausnahmen gibt’s zudem für 17 Deutschschweizer Produzenten.

Doch den Amerikanern ist das herzlich egal. Und es war eine Weile lang auch der Schweizer Grossmolkerei Emmi egal. Auch sie produzierte «Gruyère» in den USA, um Geld in die eigenen Kassen zu spülen. Aufgrund harscher Kritik aus der Heimat ist Emmi dann aber zurückgekrebst. Verboten aber war das nicht und ist es heute noch nicht. Denn die Herkunftsbezeichnung hat in den USA keine Gültigkeit. Das hat ein Gericht im Bundesstaat Virginia nach jahrelangem Rechtsstreit zwischen der Sortenorganisation Gruyère (IPG) und dem amerikanischen Exportverband für Milchprodukte gerade bestätigt. Für US-Konsumenten sei Gruyère weniger eine ortsgebundene Käsebezeichnung als mehr eine Gattung.

Nobody cares in den USA. Bild: Shutterstock
Nobody cares in den USA. Bild: Shutterstock

Die IPG hat angekündigt, gegen dieses Urteil Berufung einzulegen, habe das amerikanische Produkt doch nichts mit dem Original zu tun. In der Schweiz werde nur Rohmilch von Kühen verwendet, die natürliches Futter kriegen. «In den USA wird billige Milch verwendet, das ist doch eine Täuschung der Konsumenten!», wird der Präsident der IPG im Blick zitiert.

Industrialisierung von Traditionsprodukten

Mangelnder Respekt im Umgang mit der langen Tradition bestimmter Produkte entzürnt nicht nur Schweizer Produzenten. Rechtsstreits gibt’s immer wieder, ob innerhalb der EU oder eben mit den USA. Budweiser Tschechien und Budweiser USA streiten sich seit über hundert Jahren über den Namen und in der Normandie ist ein regelrechter Krieg um die Frage entbrannt, ob echter Camembert auch mit pasteurisierter Milch hergestellt werden darf. Wie auch bei Emmi und dem Gruyère ging’s dabei darum, in den USA viel Geld zu verdienen. Denn in den 1950er-Jahren verbot die US-Lebensmittelaufsicht die Einfuhr von Rohmilchkäse. Die Marke «Président» wurde geboren und leitete die Industrialiserung des Weichkäses mit ein (Reportagen #60, Marc Zitzmann und Christoph Dorner).

Die USA und andere Staaten wie Australien oder Neuseeland sind ein hartes Pflaster für geografische Herkunftsbezeichnungen. Nicht nur gibt es dort keine solchen Schutzsiegel, die Länder kämpfen auch aktiv gegen eine Reglementierung in der Welthandelsorganisation (WTO) an. So heisst es in einer Stellungnahme des Bundes im August 2012 auf eine Motion zum Schutz der AOC-Produkte in den USA: «Die Schweiz hat 2005 im Hinblick auf ein Freihandelsabkommen, das auch den Schutz von geistigem Eigentum und insbesondere der GA (Anm. d. Red. Abkürzung für geografische Angaben) umfassen sollte, exploratorische Gespräche mit den USA aufgenommen. Diese Gespräche waren jedoch nicht fruchtbar und die Exploration hat gezeigt, dass die USA beim Schutz von GA gänzlich unflexibel sind. Diese ablehnende Haltung gegenüber den GA nehmen die USA übrigens seit Jahren auf internationaler sowohl bilateraler Ebene als auch bei der WTO ein.»

Bestes Käse-Marketing. Bild: Imago
Bestes Käse-Marketing. Bild: Imago

Von 1914 bis 1999 kümmerte sich auch die Schweizer Käseunion um die nationale und internationale Vermarktung von Gruyère, Sbrinz und Emmentaler. Im Inland sorgte sie für Preisfixierung für Milch und Käse, die mit der Bedingung verknüpft war, dass die Käseunion Die Bevölkerung mit genug Käse versorgte, was sie de facto zu einem Wirtschaftskartell machte. Von 1992 bis 1999 sponserte sie auch die Schweizer Skinationalmannschaft. Der Emmentaler-Skianzug ist wahrscheinlich noch einigen in Erinnerung.

Seit der Einführung eines neues Landwirtschaftsgesetzes in der Schweiz kämpfen die Gruyère-Käser alleine um die Unversehrtheit ihres guten Namens. Vielleicht knickt die USA irgendwann ein. Vielleicht wird’s dort für immer Fake-Gruyère geben. Zumindest hierzulande wird der aber nie ins Käsefondue kommen.

40 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar
Carolin Teufelberger

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.


Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Skeleton Loader

    Skeleton Loader

  • Skeleton Loader

    Skeleton Loader

  • Skeleton Loader

    Skeleton Loader