Kino, bitte stirb nicht

Kino, bitte stirb nicht

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 10.12.2020
Das Kino stirbt. Vielleicht. Gewissheit haben wir erst am Ende der Pandemie. Bis dahin ein Kommentar über die Faszination der grossen Leinwand, des überteuerten Popcorns und des schmerzlich vermissten «Wir».

Es wird dunkel im Kinosaal. Womöglich für immer. Zumindest fühlt es sich so an, wenn im von der Pandemie geplagten Jahr Schutzkonzepte weltweit für geschlossene Säle sorgen. Das zwingt Filmstudios, ihre Filme auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Ergibt ja keinen Sinn, Filme rauszubringen, wenn kaum wer sie sehen kann. Aber dort, wo Kinos ihre Pforten noch nicht geschlossen haben, herrscht Flaute.

Wer geht schon ins Kino, wenn’s nichts Neues zu sehen gibt?

Kinobetreiber bangen um ihre Existenz. Es droht der Konkurs. Den Filmstudios auch. Ausgerechnet Warner Bros., das Studio, das mit «Tenet» vergangenen Sommer noch den Kampf gegen leere Kinosäle mutig angenommen hatte, knickt ein und umgeht die Kinos. Das geschlagene Studio will seine 2021 erscheinenden Filme zeitgleich zum Kinorelease auf den hauseigenen Streamingdienst HBO Max bringen.

Nur 12 Monate nach einem der erfolgreichsten Kinojahre aller Zeiten.

Stirbt das Kino? Ich hoffe nicht. Keine technologische Überlegenheit in Punkto Bild- und Tonqualität oder das heimische Sofa kann mir das geben, was das Kino mir gibt.

Ich liebe das Kino.

Warum gehen wir ins Kino?

Was ist es, was Kino ausmacht? Kino-Feeling. Sowas lese ich immer wieder. Aber was dieses sagenumwobene Feeling ist, das kann niemand so genau erklären. Vielleicht, weil es nicht dasselbe für alle und jeden ist. Und das ist okay. Leser NeXus-9 zum Beispiel findet in der Kommentarspalte des obigen Warner-Bros.-Artikels:

«Heutzutage gehe ich eigentlich nur noch ins Kino für das Erlebnis an sich und um Filme halt möglichst gleich schauen zu können. Das mit dem Erlebnis schwindet jedoch immer wie mehr, wenn man eben die heutige, erschwingliche Technik anschaut.»

NeXus-9 – und auch andere Leser – führen in Punkto Technik aus, dass die Bild- und Tonqualität dank HDR, Dolby Vision und Dolby Atmos wesentlich besser sei als auf der grossen, von einem Projektor bestrahlten Leinwand.

Unrecht haben er und die anderen Leser nicht. Ausser, was den Ton betrifft, meiner Meinung nach. Das hängt allerdings auch vom Kinosaal ab. Egal. Anderes Thema. Für mich persönlich ist es nämlich sowieso nicht das, was Kinofeeling ausmacht. Es ist die soziale Komponente. Ganz klar. Frag dich doch selbst: Wie oft bist du nur und ausschliesslich wegen den technologischen Aspekten einer grossen Leinwand ins Kino gegangen?

Und wie oft, um mit Freunden was zu unternehmen? Mit der Familie? Während eines prickelnden Dates?

Die soziale Komponente

Kino erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl. Kino bringt Menschen zusammen. Kino eint. Zumindest diese zwei, drei Stunden lang, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft, Lebensgeschichte und Geschmäcker entscheiden, sich einen Film anzusehen – gemeinsam.

Während der Film über die Leinwand flimmert, sind wir eine Gruppe.

Vielleicht ist es auch die Vorfreude. Oder das aufregende Gefühl, das all jene verbindet, die den Kinosaal betreten, üppig ausgestattet mit überteuertem Popcorn, Glacé und Cola. Es steckt an. Solidarisiert.

Ich denke da an grossartige Momente wie damals bei «Star Wars – Episode II: Attack of the Clones», als da ganz beiläufig ein als Boba Fett verkleideter Zuschauer den Saal betrat und sich zu einer Gruppe Jedi gesellte, die er nicht kannte. Ich war etwa 14 Jahre alt. Der Film selbst hat mir nicht halb so viel Eindruck gemacht, wie diese Szene.

Das ist Gemeinschaft.

Kino verbindet.
Kino verbindet.
Christian Petersen / Getty Images

Ein Film lädt auch zum Reden ein. In der Pause oder nach dem Abspann plaudern wir über Christian Bales Schauspiel in «Ford vs. Ferrari» oder diskutieren über den Plot in «Tenet». Fremde treten der Diskussion bei, ich beteilige mich an Gesprächen anderer. Lerne Leute kennen, die ich unter anderen Umständen niemals kennengelernt hätte.

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Da ist sie wieder, die Gemeinschaft.

Die Gemeinschaft des Films

Das Gemeinschaftsgefühl hält auch während dem Film an. Ich erinnere mich, als ob’s gestern war, als ich «Rogue One: A Star Wars Story» im Kino gesehen habe. Der Moment, als Darth Vader im dunklen Gang sein blutrotes Lichtschwert zündet.

Ein gespenstischer Moment der Stille. Gänsehaut. Dann das Entkommen, die Bilder weisser Gänge der Tantive IV. Dann Leia. «Hoffnung», sagt sie. Abspann. Und der ganze Saal bricht in Applaus aus. Niemand ahnt im Geringsten, wie kontrovers das CGI-Gesicht der Schauspielerin Carrie Fishers später in Foren und Blogs diskutiert werden würde.

Oder die zwei vergangenen «Avengers»-Filme. Beide in der Vorpremiere erlebt. Die Stimmung im Saal. Das Jubeln, Johlen und zum Schluss gar Weinen. Das ersetzt mir kein Dolby Vision der Welt. Selbst, wenn es Dummköpfe gibt, die Popcorn kauen, als ob der ganze Saal mitzuhören hätte, oder flüstern, wenn sie gefälligst still zu sein haben.

Egal, wie gespalten die Welt ist. Im Kinosaal sind wir geeint. Diese menschliche Komponente fehlt mir zu Hause. Schon mal eine Komödie alleine angeschaut? Öde. Meistens. Im Kino sind selbst die billigsten Komödien lustig. Einfach, weil es immer ein paar schräge Nasen gibt, die lachen. Dann lache ich mit ihnen. Wir lachen.

Wir.

Einer meiner bewegendsten Kino-Momente war vergangenen Sommer, jenseits vom Blockbuster-Kino, beim Schauen von «A Beautiful Day in the Neighborhood». Ein Film über Fred Rogers, der in den 1960ern als einer der wenigen in seiner Kindersendung über seriöse Themen wie Rassismus, Gewalt, Tod und Scheidung sprach. Über Gefühle, die üblicherweise totgeschwiegen werden, weil sie unbequem sind und der Umgang damit viele von uns bis heute nie wirklich gelernt haben.

Auch nicht im Erwachsenenalter.

Im ganzen Saal war da dieses unausgesprochene Gefühl der Liebe, Zuneigung und des Mitgefühls füreinander, allem Zynismus trotzdend, den wir Erwachsenen uns ab und an als Schutzmauer aufbauen. Gerade in Zeiten der Pandemie, der Isolation und des von Medien geschaffenen Bilds des Menschen als potenzieller Feind, weil er ein Virus in sich tragen könnte.

Das war kein Kino-Feeling. Das war Kinomagie.

Was bleibt, ist das «Wir»

Ich spreche nicht für dich. Oder für andere. Nur für mich. Für das Gefühl, das ein rappelvoller Kinosaal in mir auslöst. Ein Gefühl, das mir selbst der grösste 8K-OLED-TV mit Surround-Sound-System drum herum nicht geben kann: das Wir-Gefühl.

Sicher, ich liebe mein Zuhause. Mein IKEA-Sofa. Der gemütliche Netflix-Abend, meine Freundin in Armen, dazu etwas Rotwein, eine bezahlbare Fertigpizza aus dem Ofen und eine saugute Serie. Aber Kino… für mich ist es mehr als der Ort, der immer so schön nach Popcorn riecht.

Für mich ist Kino die Magie der Gemeinschaft.

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Luca Fontana
Luca Fontana

Editor, Zürich

Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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