
Hintergrund
Schneidebretter: Holz oder Kunststoff, das ist hier die Frage
von Martin Rupf

Nur neun Prozent der Schweizer Kunststoffabfälle werden rezykliert. Das soll sich mit der Kreislaufwirtschaft ändern. Doch Produkt-Designs, ein Sammel-Flickenteppich und die Kosten von Neumaterial bremsen Plastik-Recycling aus.
Bei der Kreislaufwirtschaft geht es darum, die «Endstation Kehrichtverbrennungsanlage» hinauszuzögern oder ganz zu vermeiden. Indem wir Rohstoffe und Produkte länger nutzen, entlasten wir die Umwelt.
In der Schweiz funktioniert ein solcher Kreislauf bei gewissen Materialien sehr gut: Glas, Altpapier, Aludosen oder PET-Flaschen haben Rücklaufquoten zwischen 81 bis 95 Prozent. Bei anderen Kunststoffen sieht es nicht so rosig aus. Gerade einmal neun Prozent der Schweizer Kunststoffabfälle schaffen es in eine Recycling-Anlage. 85 Prozent (83 Prozent KVA, 2 Prozent Zementwerke) werden verbrannt, beziehungsweise «thermisch verwertet». Sechs Prozent gehen in die Wiederverwendung. Woran liegt das?

Ein Hauptproblem ist das Produktdesign. «Bei PET-Getränkeflaschen funktioniert das Bottle-to-Bottle-Recycling seit Jahren zuverlässig», sagt Rahel Ostgen von SwissRecycle, einem privaten Kompetenzzentrum mit Sitz in Zürich. «Bei komplexeren Verpackungen ist das Recycling derzeit schwierig, weil sie aus vielen unterschiedlichen Kunststoffen bestehen.» Aktuell werden in der Schweiz vor allem Kunststoff-Verpackungen rezykliert. Für andere Kunststoff-Produkte gibt es hierzulande fast keine Recycling-Systeme.
Ein Blick auf die Unterseite der Shampoo-Flasche oder des Olivenöls genügt: Bei den Verpackungskunststoffen gibt es sieben verschiedene Sorten (PET, HDPE, PVC, LDPE, PP, PS und andere), gekennzeichnet mit einer Zahl im Dreieckssymbol. Schätzungsweise gibt es zehntausende Polymer-Formulierungen.

Doch auch andere Stoffe fallen ins Gewicht. «Verbundstoffe und Additive wie Weichmacher, Farben oder UV-Stabilisatoren erschweren das Kunststoff-Recycling», sagt Odile Inauen, Geschäftsführerin von RecyPac, der Schweizer Branchenorganisation für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft von Plastik-Verpackungen und Getränkekartons.
Unübersichtliche Sammelmöglichkeiten seien auch ein grosses Problem für Konsumentinnen und Konsumenten. In der Schweiz könne bisher jede Gemeinde für sich entscheiden, wie die Sammlung von Plastik-Verpackungen und Getränkekartons gestaltet werden soll, sagt Odile Inauen. «Das hat zu einem Flickenteppich mit regional unterschiedlichen Lösungen geführt.»
Genau da setzt RecyPac an: Die Branchenorganisation ist beauftragt, im Sinne der Kreislaufwirtschaft ein schweizweites Sammel- und Recyclingsystem für Kunststoffverpackungen und Getränkekartons zu etablieren. Ihr Ziel: 55 Prozent der Kunststoffverpackungen und 70 Prozent der Getränkekartons zu rezyklieren. Seit Anfang 2025 verkauft sie den «RecyBag» – ein Sack, mit dem diese Wertstoffe einfach gesammelt werden können.

Auch Hersteller können einen grossen Beitrag zum Kunststoff-Kreislauf leisten. Das Zauberwort lautet «Design for Recycling». «Produkte müssen von Anfang an so gestaltet sein, dass sie sich hochwertig recyceln lassen könnten,» sagt Rahel Ostgen. Das heisst, Produkte sollten aus möglichst reinem Kunststoff hergestellt werden und nicht unnötig mit anderen Kunststoffen verklebt oder verschraubt werden.
Das gelte nicht nur für Plastik-Produkte. «Auch bei Plastik-Verpackungen und anderen Materialien ist Design for Recycling von grosser Bedeutung für die Kreislaufwirtschaft», bestätigt Odile Inauen.
Noch besser für die Kreislaufwirtschaft ist es, wenn Hersteller bereits Rezyklat – also recycelten Kunststoff – als Rohstoff verwenden. Rahel Ostgen macht klar:
Je mehr Sekundärrohstoffe eingesetzt werden, desto weniger Primärmaterialien braucht es.
So können Ressourcen und CO2 eingespart werden.
Die Industrie versucht das gerade. «Der Trend zum Einsatz von Rezyklat bei unseren Mitgliedern hat sich in den vergangenen Jahren weiter verstärkt», sagt Patrick Semadeni von Kunststoff.swiss, dem Branchenverband der Schweizer Kunststoffindustrie.
Ein Beispiel aus der Mitgliederliste sei die Bachmann Group, die im April 2025 eine PET-Extrusionsanlage in der Schweiz in Betrieb nahm. «Damit produziert das Unternehmen Folien für seine Verpackungen neu selbst – aus gebrauchten Getränkeflaschen und Lebensmittelverpackungen.» So entstehe ein geschlossener Materialkreislauf.
Doch es gibt Hürden. «Hohe Energiepreise und der Fachkräftemangel verteuern das Recycling von Kunststoffen», erklärt Patrick Semadeni. «So ist es schwierig, mit billigem Neumaterial aus Asien mitzuhalten, wo die Energie günstig ist und die Industrie vielfach subventioniert ist.» Zudem müsse die Qualität des Rezyklats besser werden – nur so seien mehr Anwendungen in der Industrie möglich.
Umweltorganisationen stehen dem Kunststoff-Kreislauf kritischer gegenüber. «Die Vorstellung, dass wir die Plastikkrise durch Recycling lösen können, ist eine Lüge, die von den grossen Ölkonzernen verbreitet wird», sagt Michelle Sandmeier von Greenpeace Schweiz. Sie ist besorgt, dass Ressourcen in Recycling-Systeme fliessen anstatt in alternative Lösungen.
«Greenpeace ruft den Verein RecyPac dazu auf, ein schweizweites, standardisiertes Mehrwegsystem aufzubauen, anstatt Geld und Mühe in den Aufbau eines Recyclingsystems mit beschränkter Wirkung zu stecken». Michelle Sandmeier zweifelt auch an der Qualität der rezyklierten Stoffe: «Plastikverpackungen, die im Recycling landen, werden meist nicht wieder zu neuen Verpackungen, sondern zu gröberen Plastikprodukten», erklärt sie.

Dabei handelt es sich um «Downcycling». Beim Recyclingprozess verlieren gewisse Kunststoffe an Qualität, weshalb sie nur noch zu Produkten für weniger anspruchsvolle Anwendungen verarbeitet werden können. Aus einem Joghurt-Becher werden Paletten oder Eimer. Aus einer Zahnpastatube entstehen Kabelschutzrohre.
«Der Einsatz in solchen Produkten muss nicht negativ sein», sagt Rahel Ostgen von SwissRecycle. Odile Inauen von RecyPac bestätigt: «Wichtig ist auch, wie lange und oft ein rezykliertes Produkt genutzt wird.» Dank Kisten, die durch Downcycling entstanden sind, kann man beispielsweise Einweg-Verpackungsmaterial sparen. Das ist ökologisch sinnvoll.
Irgendwann stösst der Materialkreislauf aber an seine Grenzen. Das bestätigen beide Recycling-Expertinnen im Gespräch mit Galaxus. Dann heisst es tatsächlich «Endstation Kehrichtverbrennungsanlage».
Auch wenn der Kunststoff-Kreislauf mit einheitlichen Sammel-Systemen und intelligentem Produktdesign besser wird, ist das wahrscheinlich noch keine Wunderwaffe gegen die Plastikverschmutzung.
Für Greenpeace ist eine drastische Reduktion unumgänglich. Die NGO will, dass die globale Plastikproduktion bis 2040 um 75 Prozent gesenkt wird. Diese bringt jährlich über 400 Millionen Tonnen Plastik auf den Markt – und in Zukunft dürften es noch mehr sein.
Reduktion ist auch für Rahel Ostgen wichtig. «Recycling ist ein zentraler Baustein für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft – aber es wirkt nur im Zusammenspiel mit weiteren Massnahmen.»
«Ich will alles! Die erschütternden Tiefs, die berauschenden Hochs und das Sahnige dazwischen» – diese Worte einer amerikanischen Kult-Figur aus dem TV sprechen mir aus der Seele. Deshalb praktiziere ich diese Lebensphilosophie auch in meinem Arbeitsalltag. Das heisst für mich: Grosse, kleine, spannende und alltägliche Geschichten haben alle ihren Reiz – besonders wenn sie in bunter Reihenfolge daherkommen.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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