PortraitBücher

Mein Bücherregal steht überall (und heisst nicht Billy)

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 28.02.2022

Offene Bücherschränke mit Exemplaren, die von ihren Vorbesitzer:innen aussortiert wurden, interessieren mich mehr als ein repräsentatives Regal im Wohnzimmer. Sie haben Charme und erzählen Geschichten, die über den Inhalt hinausgehen.

Einerseits liebe ich Bücher. Den Geruch des Papiers, das sinnliche Rascheln beim Umblättern und die Intimität, die beim Lesen entsteht. Durch kein anderes Medium kann ich so direkt in die Gedankenwelt anderer eintauchen. Ganz bei mir und doch ganz woanders sein. Ohne Ablenkung durch Bilder, Werbung und Kommentarfelder. Andererseits kann ich mich gut von Büchern trennen. Sie müssen nicht bei mir bleiben. Da bin ich rational. Zumindest, solange Platz ein Kriterium ist und ich kein Kaminzimmer mit Bücherwand habe, das eines Tages meine Erb:innen ausmisten müssen.

Bis es so weit ist, dürfen Bücher kommen und gehen. Wofür gibt es Bibliotheken. Leihen, lesen, Leihfrist verlängern, erste Mahnung, fertig lesen, zurückbringen. Der Inhalt bleibt, wenn er gut war, im Kopf. Das Buch geht zurück. So einfach. Und irgendwie befreiend, wenn im vollen Familienregal sowieso kein Platz mehr für artgerechte Haltung ist. Bücher brauchen Raum, um zu wirken. Gerne auch öffentlichen. Sie sollen stattfinden, zum Denken und Austauschen anregen. Deshalb mag ich Bücherschränke, die draussen und allen offen stehen, fast noch lieber als Bibliotheken.

Sie beleben den öffentlichen Raum

Umfunktionierte Telefonzellen, in denen längst keine Gespräche mehr geführt werden, bis unters Dach gefüllt mit gedruckten Gedanken. Taschen an Zäunen, die ein buntes Sammelsurium an Büchern anbieten. Verglaste Schränke, die mit Lektüre locken. Das sind nicht nur wunderbare Farbtupfer in jedem Quartier, sondern auch ein Statement. Ein schöner Kontrast zu unserem Alltag, in dem wir meist auf Smartphones gucken, die alle gleich aussehen. Ein Bücherregal wirkt bunt und persönlich, es bringt Wohnzimmeratmosphäre in den öffentlichen Raum und rettet ein Stück alte Welt.

Du musst stehen bleiben und dir Zeit zum Suchen nehmen, ohne zu wissen, ob du fündig wirst. Dabei hilft kein Algorithmus. Aber die Neugier, die geweckt wird. Auch bei Kindern. Ich erinnere mich an Sonnenstunden auf einer Münchner Wiese, die wir als Familie gemeinsam lesend verbracht haben, weil neben der Eisdiele ein Bücherschrank stand. Zuletzt hat mich in Österreich eine Vitrine in verschneiter Landschaft zum Reinschauen und Bleiben ermuntert: «Hock di ufs Bänkle und lies a Kläle!» Gerne. Vielleicht mag ich Bücherschränke deshalb, weil ich Ferien und Freizeit mit ihnen verbinde. Ganz sicher aber auch, weil sie ein anderes Problem lösen.

Bücherschrank der Gemeinde Brand in Vorarlberg.
Bücherschrank der Gemeinde Brand in Vorarlberg.

Sie bieten alten Büchern ein würdiges Zuhause

Bücher sind kein Altpapier. Sie einfach wegzuwerfen, kommt nicht infrage. Verkaufen lohnt sich kaum und ich bringe es auch nicht übers Herz, sie zum Mitnehmen an die Strasse zu legen. Das fühlt sich fast so falsch an, wie ein Haustier auszusetzen. Was, wenn es zu regnen beginnt oder ein paar Teenager sie per Fusstritt im nächsten Gebüsch entsorgen. Was, wenn sie keiner mitnimmt und ich sie wieder reinholen muss. Auch kein gutes Gefühl. Mein früherer Arbeitgeber hatte ein Tauschregal, in das ich alte Bücher guten Gewissens stellen konnte. Dort haben sie fürs Erste neue Gesellschaft und vielleicht irgendwann neue Leser:innen gefunden, statt einsam auf dem Asphalt zu liegen. Ein würdiges Umfeld muss schon sein. Und den bieten all die offenen Bücherschränke, die es in der Schweiz, in Deutschland und Österreich massenhaft gibt. In ihnen fügen sich selbst abgegriffene Groschenromane zu einem interessanten Gesamtbild. Sie werten Aussortiertes auf statt ab.

Ein Querschnitt der (lesenden) Gesellschaft

Jedes private Bücherregal ist auch nur eine Bubble, die das Welt- und Selbstbild der Besitzer:innen widerspiegelt. Womit wir uns beschäftigen, was wir geschenkt und empfohlen bekommen, richtet sich danach, wen oder was wir ohnehin schon mögen. In der Bibliothek sind die Genres fein säuberlich getrennt, die Autor:innen alphabetisch geordnet, alles hat System. Ein Bücherschrank liefert Vielfalt, die irritierend und inspirierend sein kann. Während in Kollege Oliver Fischers Bücherregal Goethe und Bukowski streiten, würde ich gerne wissen, was sich Bibi Blocksberg und Leni Riefenstahl zu sagen haben.

Ungleiche Nachbarinnen: Im offenen Bücherschrank prallen Welten aufeinander.
Ungleiche Nachbarinnen: Im offenen Bücherschrank prallen Welten aufeinander.

In Bücherschränken hat es Platz für literarische Outcasts. Hier herrscht die ehrlichste Form des Austauschs, der nicht kuratiert und manchmal herausfordernd ist. Zwischen Geschichten, die unterschiedliche Weltsichten und Vorlieben verraten oder einfach längst vergangenen Zeitgeist zwischen Buchdeckel gepresst bereithalten. Für den Fall, dass sich im Jahr 2022 doch noch mal jemand dafür interessiert. «Wo der lachende Mond weint» wartet neben dem «Grossen Rätsel-ABC» und «Der Aussenseiter» auf Leser:innen. Ich greife nach dem purpurroten Einband mit der Aufschrift «Kino» und habe sofort Bilder im Kopf.

Bücher erzählen Geschichten über die Vorbesitzer:innen

Aus welchem Nachlass, welcher rustikalen Schrankwand dieser Schinken wohl stammt? Auf jeden Fall aus einer Zeit, in der Kino noch gross war. Ich fange an zu blättern. Lese, wie mit heiligem Ernst die Komödie abgehandelt und ihre Tradition bis ins mexikanische Theater der vorkolumbianischen Zeit zurückverfolgt wird. Und sehe einen älteren Herrn mit Hornbrille und Pullunder vor meinem geistigen Auge, der sich Mitte der 80er nach Feierabend in die Lektüre vertieft, bevor sie zum Inventar seines Lebens wird.

Film ab: Einfach losblättern, schon beginnt das Kino im Kopf.
Film ab: Einfach losblättern, schon beginnt das Kino im Kopf.

Jetzt stelle ich sie zurück in den Schrank und frage mich, wann ich eigentlich das letzte Mal im Kino war. Und welches Leben Karl führt, der das nächste Buch, das ich greife, mit einer Widmung versehen hat. Sie gilt einem Bruder des «Ritterordens der Heiligen Konstantin und Helena». Mit Sicherheit ein anderes als das Paar auf dem Cover von «Liebe auf dem Pulverfass», das mich in die 70er entführt, bevor mir mit «Jahrhundertmorde» Kriminalgeschichte aus erster Hand in die Hände fällt. True Crime aus den 90ern. Schlussendlich nehme ich aber ein anderes Buch mit, das mich ziemlich mitnimmt. Weil es dreissig Jahre alt und verstörend aktuell ist.

Zufallsfunde führen auf neue Lesepfade

Egal ob bei Podcasts, Serien oder Büchern: Wir haben uns daran gewöhnt, immer das nächste Leckerli vor die Nase gehalten zu bekommen. Das könnte dir ebenfalls gefallen. Und wir beissen häufig zu. Sachen von vorvorgestern haben wenig Chancen, vollständig gesehen, gehört oder gelesen zu werden. Sie dienen höchstens als Referenz oder Fussnote. An diesem Bücherschrank in Vorarlberg aber wird nichts promoted oder prominent platziert, kein Buch steht über dem anderen oder glänzt durch Bestseller-Aufkleber. Erst denke ich, nicht fündig zu werden. Dann nehme ich doch eines mit. Das Buch, das ich einpacke, ist Al Gores «Wege zum Gleichgewicht – ein Marshallplan für die Erde». Erschienen 1992.

Teppich und Titel sind von vorgestern, aber der Inhalt des Buches ist immer noch aktuell.
Teppich und Titel sind von vorgestern, aber der Inhalt des Buches ist immer noch aktuell.

Damals war ich 11, kannte den späteren US-Vizepräsidenten und Klimaschützer noch nicht und die Welt war eine völlig andere als heute. Genau deshalb packt es mich. Seit das Buch erschienen ist, sind 30 Jahre vergangen und ich will wissen, wie er die Welt und die Zukunft Anfang der 90er gesehen hat. Zu dramatisch? Zu optimistisch? Ziemlich klar, muss ich sagen. Nicht nur, was die Zahlen und Fakten zum menschgemachten Klimawandel angeht. Hier wurde seit drei Jahrzehnten keine Grafik, keine Ziffer aktualisiert. Und alles ist erschreckend aktuell – nur, dass seither sehr viel Zeit vergangen ist. Auch die Sprachbilder passen: «Der Mensch ist einem Laborfrosch nicht unähnlich, der sofort aus einem Topf kochend heissem Wasser herausspringt, aber darin sitzen bleibt, wird das Wasser allmählich erhitzt.» 30 Jahre später sitzen wir immer noch da. Um mich herum taut der Schnee bei 14 Grad Mitte Februar. Und ich lese weiter, was wir vorgestern schon wussten. Dem Bücherschrank sei Dank.

Chaotisch, chronologisch, alphabetisch; nach Farben, nach Grösse, nach Stimmung; geografisch, autobiografisch, thematisch. Jede:r hat eigene Vorstellungen, wie ein Bücherregal eingeräumt zu sein hat. Wir Redaktor:innen von Galaxus zeigen dir unsere Regale. Als Nächstes: Pia Seidel.

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Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.


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