Microsoft Teams vs. Privatsphäre: Das Damoklesschwert ist neu violett

Microsoft Teams vs. Privatsphäre: Das Damoklesschwert ist neu violett

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 07.12.2020
Microsoft Teams ist ein grossartiges Stück Software mit einer Schattenseite: Es sammelt Daten, die stark in deine Privatsphäre eindringen. Microsoft krebst zwar zurück, aber Daten werden immer noch gesammelt, nur anders ausgegeben.

Es soll sie noch geben, die Chefs, die im 17. Jahrhundert leben, auf fixe Anwesenheitsperioden im Büro pochen und gerne mit «Sie» angesprochen werden. Sonst sind sie betüpft und müssen dringend ein One-on-One Meeting führen, damit der Mitarbeiter – oft auch «der Angestellte» genannt – wieder auf den rechten Weg kommt.

Genau diesen wundervollen Menschen wurde mit Microsoft Teams ein mächtiges Werkzeug in die Hand gegeben. Versteh mich nicht falsch: Microsoft Teams ist ein fantastisch gutes Stück Software, das so viel mehr kann als «Skype aber violett». Das Problem ist nicht Microsoft – okay, manchmal hilft der Konzern nicht –, sondern dein Chef.

Darum erobern wir uns ein Stückchen Freiheit im Büroalltag zurück. Dies vor dem Hintergrund des Microsoft Productivity Scores. Dieser wurde mit viel Blauäugigkeit eingeführt, von Aktivisten abgeschossen und existiert nun als Kompromisslösung. Doch das Schreckgespenst der totalen Überwachung durch «violett Skype» wird nun für immer als Damoklesschwert über den Köpfen der Angestellten – Verzeihung, Mitarbeiter – schweben.

Microsoft Productivity Score: Die Dystopie des Büroalltags in Zahlenform

Wir schreiben November 2020. Die Entwicklung Microsoft Teams läuft in Zeiten des Home Offices als neuer Normalzustand – die Corona-Pandemie und deren Marketingschwurbeleien, die in der Regel mit «In diesen schwierigen Zeiten...» beginnen – auf Hochtouren. Agile Development wird aktiv gelebt. Updates kommen oft, früh und oft ohne grössere Gedanken, ob sie tatsächlich sinnvoll sind.

Eines dieser Dinge war oder besser ist der Microsoft Productivity Score.

Der Microsoft Productivity Score war von Microsoft angedacht als «Tool, das die Adoption von Microsoft-365-Produkten» misst. Denn der Konzern glaubt fest an eine datengetriebene Verbreitung ihrer Produkte und die Ressourcen, die für die Entwicklung deren aufgewendet wird.

Natürlich sammelt Microsoft Nutzerdaten, wenn du Office 365 verwendest. Was dachtest du denn? Warum sonst sollte Microsoft den Satz «We take privacy very seriously» oder ein Analog in den Mund nehmen?

Teams funktioniert wie Social Media. Daten fliessen in Richtung Hersteller
Teams funktioniert wie Social Media. Daten fliessen in Richtung Hersteller
Illustration: Oliver Widder

Das ist alles schön und gut. Das Problem aber ist, dass dein Chef in einem Dashboard wunderbar sehen kann, wie oft du mit welchem Produkt Microsoft interagierst. Daraus hat dir Microsoft dann einen Score errechnet und ausgegeben. Da steht also nicht nur so etwas wie folgendes:

Stephanie Tresch

Microsoft Teams: 3h
Microsoft Word: 2h
Microsoft Outlook: 4h

Sondern so etwas wie:

Stephanie Tresch: 655

Wenn Stephanies Score unter 500 sinkt… One-on-One Time. Oder so. Du verstehst das System dahinter.

Das hat natürlich zu Kritik geführt. Denn wenn das IT Department der eigenen Firma schon sieht, wie lange Stephanie mit Teams zugebracht hat, dann kann das ein Chef auch. Und jeder von uns kennt einen Chef, der dieses Wissen dazu benutzen würde, Stephanie oder dir einen Strick daraus zu drehen.

Als Sprachrohr dieses Vorfalls gilt der österreichische Digital-Rights-Aktivist Wolfie Christl. Er ist der, der die Tweets abgesetzt hat, die die Welt darauf aufmerksam gemacht hat, dass diese Daten gesammelt und ausgewertet werden. Diese Tweets würde ich hier gerne einbinden, aber können wir nicht. Lassen wir das also.

Microsoft krebst zurück, du hast trotzdem keine Chance

«Das haben wir nicht so gemeint», hat Microsoft dann paraphrasiert verlauten lassen und den Score angepasst. Die Daten werden nach wie vor gesammelt, aber nicht mehr auf einzelne User heruntergebrochen. Dein IT Department oder Chef sehen also nur Datensätze wie «Mitarbeiter Marketing: 91% aller Meetings mit Kamera» oder dergleichen.

Aktuell sammelt Microsoft drei Sorten Daten:

  • Personenstatistik
  • Benutzungsdaten
  • Fehlerdaten

Total 19 Datensätze dieser Daten kann dein IT Department und/oder dein Chef einsehen.

Dennoch, nur weil Microsoft die Daten deinem Chef nicht mehr einfach so zur Verfügung stellt, heisst das nicht, dass das immer so bleiben wird. Sicherheit und Privatsphäre sind ein Prozess, kein Zustand. Der Sammlung der Daten können wir nicht entgehen. Der Report wird im Hintergrund generiert. Microsoft arbeitet damit. Dein IT Department und/oder dein Chef auch.

Ein Entkommen gibt es nicht.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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