Hintergrund

Netflix und Cloud Gaming: zum Scheitern verurteilt?

Luca Fontana
21.10.2022

Netflix will Cloud Gaming, also Mobile- und Videospiele zum Streamen anbieten. Ob der Film- und Serien-Streaming-Gigant damit Erfolg haben wird, hängt von seinem Durchhaltevermögen ab.

Mike Verdu, Netflix’ Vizepräsident für Games, lässt die Bombe nach genau drei Stunden und 39 Minuten platzen: «Wir denken gerade ernsthaft über ein Cloud-Gaming-Angebot nach, mit dem wir unsere Kundschaft besser erreichen können.»

Die Branche horcht auf. Anlässlich der TechCrunch-Disrupt-Konferenz hat Verdu nicht nur gerade live auf der Bühne einen Cloud-Gaming-Dienst für Smartphone, Fernseher und PC verkündet. Sondern damit auch indirekt gesagt, es besser machen zu wollen als Google. Vor nur vier Jahren stellte der Suchriese mit viel Tamtam den eigenen Cloud-Gaming-Dienst Stadia vor. Kommenden Januar wird er bereits wieder abgeschaltet; Stadia ist nur einer von vielen gescheiterten Cloud-Gaming-Services.

Aber Netflix weiss bereits, wie man’s besser machen will: «Genauso, wie wir es bei den Mobile Games gemacht haben: klein anfangen, bescheiden und nachdenklich sein und dann darauf aufbauen», sagt Verdu. Stand heute hat Netflix 35 Mobile Games im Angebot. 55 neue sind in Arbeit. Ausserdem soll ein neues Spielstudio in Südkalifornien entstehen. Als Business-Modell dürfte Microsofts Game Pass Pate stehen. Ist Netflix’ Cloud Gaming damit ein Selbstläufer? Wohl kaum.

Die vielen Hürden von Cloud Gaming

Die erste Hürde, die Netflix überwinden muss, dürfte der Auf- und Ausbau einer soliden technischen Infrastruktur für Cloud-Spiele sein. Das zumindest sagt Joost van Dreunen von der NYU Stern School of Business zum Branchenmagazin The Verge. Laut Dreunen basiere Netflix’ Backend grösstenteils auf Amazons Web Services (AWS). Das sei für das Streamen von Spielen nicht ideal. Besonders nicht für Multiplayer-Spiele. Grosse Studios wie Roblox oder Riot hätten beispielsweise eigene Services aufgebaut, um geringere Latenzen und Download-Zeiten zu gewährleisten. Netflix stünde demnach ein ähnliches Commitment bevor. Sowohl zeitlich als auch finanziell.

Eine weitere Hürde dürfte die weltweit immer noch schlechte Abdeckung von Breitband-Internet sein, auch in den USA, Netflix’ Heimmarkt. Cloud Gaming, aber auch das Streamen von UHD-Inhalten, setzt eine Bandbreite von mindestens 25 Megabits pro Sekunde (Mbit/s) voraus. Zur Einordnung: Im «State of the Internet»-Bericht von Akamai surfte die Schweiz im Jahr 2017 mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von etwa 21,7 Mbit/s. Im weltweiten Vergleich lag sie damit auf Platz 5 – weit vor den USA. Kein Wunder, dass viele Cloud-Gaming-Services nach kurzer Lebenszeit wieder eingestellt werden.

Die höchste Hürde ist allerdings das Anbieten oder Entwickeln von exklusiven Spielen für die eigene Plattform. Wie sonst soll sich Netflix gegen die Game-Streaming-Konkurrenz von Microsoft oder Nvidia durchsetzen? Dass das Programmieren von Spielen aber schwierig ist, bewiesen bereits Google und Amazon: Die eigenen Stadia-Studios schloss der Suchgigant bereits 2021 – nicht mal zwei Jahre nach dem offiziellen Start von Stadia. Amazon versucht sogar seit acht Jahren und einer Portokasse von dutzenden Millionen Dollar einen Hit zu landen – vergeblich. Einzig das MMO «New World» hatte einen guten Start. Mittlerweile bevölkern im Schnitt allerdings nur noch 50 000 Spielerinnen und Spieler die neue Welt, registriert wären 15 Millionen. Für Netflix kommt erschwerend hinzu, dass Microsoft einen jahrzehntelangen Know-How-Vorsprung in der Spieleentwicklung hat.

Wie könnte doch noch alles klappen?

Netflix-Games-Vize Verdu will von all dem gar nichts wissen. «Mit internen Spielen wollen wir neue Kompetenzen aufbauen. Wir wollen, dass die Teams die Zyklen gemeinsam durchlaufen, wirklich gut zusammenarbeiten und grossartige Produkte liefern», sagte er optimistisch während der TechCrunch-Konferenz. «Manchmal kann man das nur erreichen, wenn man den Teams den Raum innerhalb einer Organisation gibt.»

Gut klingende Worte, die alles und nichts bedeuten. Es scheint, dass Verdu sich bewusst nur vage zum Thema äussert. Niemand bei Netflix will einen ähnlichen Gesichtsverlust erleiden wie Google mit Stadia. Um abzuschätzen, wie die Chancen auf Erfolg stehen, ist es ohnehin noch zu früh. Ein konkretes Szenario gäbe es aber dennoch, sagt Lewis Ward vom US-amerikanischen Marktforschungsunternehmen IDC zu The Verge. Nämlich, wenn Netflix einen weiteren viralen Streaming-Hit à la «Squid Game» oder «Stranger Things» feiern und diesen von einem ebenso guten AAA-Spiel begleiten würde – natürlich exklusiv über die Netflix-Cloud-Gaming-Plattform.

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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.» 


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