Neuer Stoff, das Wundermittel gegen alte Flecken

Neuer Stoff, das Wundermittel gegen alte Flecken

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 21.05.2021
Dreck. Überall Dreck. Die Flecken, Schlieren, Ränder, Reste auf Sitzpolstern kannst du mit Sisyphusarbeit bekämpfen. Oder du entspannst dich – und spannst einfach neuen Stoff drüber.

Mein schlechtes Gewissen hat einen Namen: Raphael Knecht. Er ist der Mann, der alles wieder sauber machen kann. Der bei seinen Putzorgien Rotwein mit Weisswein und Champagner bekämpft, unzählige Hausmittelchen kennt und in einer klinisch reinen Wohlfühloase pennt, bevor er sich auf seinen frisch auf Vordermann gebrachten Bürostuhl schwingt.

Wie du deinen Bürostuhl wieder *sauber kriegst**
Knowhow

Wie du deinen Bürostuhl wieder sauber kriegst

Raphi schreibt nicht nur darüber, er lebt das. Nenn' ihm einen Fleck, der Lösungsansatz kommt wie aus der Sprühflasche geschossen: Natron ist des Kaffeeflecks Kryptonit. Kohlensäure killt Wachsflecken. Wow, okay, kommt auf die To-do-Liste. Damit nähern wir uns dem Problem. Denn natürlich gilt stets die Devise: Frischer Fleck? Frisch ans Werk! Nicht lange warten. Sofort tupfen, streuen und dich über den geretteten Teppich freuen. Ich lese das und seufze, weil für mich so mancher Tipp ein paar Jahre zu spät kommt. Einige Flecken sind schon so lange da wie die Ränder unter meinen Augen.

 Schlieren, überall Schlieren

Der Familienalltag ist ein schmutzig-schönes Geschäft, lässt aber wenig Zeit für generalstabsmässig geplante Reinigungsaktionen. Trotzdem hat es Kollege Knecht mit seinen Tipps in meinen Kopf geschafft. Wenn ich abends aufs Sofa sinke, sehe ich inzwischen Flecken, die mir lange gar nicht aufgefallen sind. Dann tröste ich mich mit einem Glas Rotwein, blicke durch mittelgut geputzte Fenster und sehe: Schlieren. Dreifach. Auf dem Glas, an den Scheiben und draussen, in der Ferne, die Gemeinde Schlieren im Limmattal. Am nächsten Morgen begrüsst mich mein wasserfleckiger Bürostuhl, für dessen Erscheinungsbild ich immerhin wenig bis gar nichts kann.

Das ist der Patient, vom Leben gezeichnet, kurz vor dem Facelifting.
Das ist der Patient, vom Leben gezeichnet, kurz vor dem Facelifting.

Er stand gratis an der Strasse und hat mich mit seinem Chromgestell verführt. Gut genug für gelegentliche Einsätze im Homeoffice ist der Stuhl, aber zunächst kommt er in den Keller, denn die Sitzfläche ist Mist. Abgewetzt, speckig und fleckig. Das will ich ändern und den Fleck verstecken. Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe. Denn im Grunde meines Herzens kämpfe auch ich für Ordnung und Sauberkeit. Auf niedrigem Niveau, meistens auf verlorenem Posten und gerne mit billigen Tricks.

Tackern mit Tinchen statt Reinigen mit Raphi

Ich entscheide mich für die neue Denkschule der Dreckphilosophie. Wann ist ein Fleck ein Fleck? Wenn ich ihn sehe? Oder wenn ich von seiner Existenz weiss? Wird er zum schmutzigen Geheimnis, sobald kein Tageslicht mehr auf seine Ränder fällt? Ich unterstelle dir und mir und sogar Raphael Knecht, dass wir alle irgendwo etwas verstecken, um zu vergessen. Die Delle im Parkett unter dem Teppich. Den Kratzer im Esstisch unter der Obstschale. Die hässliche Vase ganz hinten im Schrank. Aus den Augen, aus dem Sinn. So soll es auch mit der besudelten Sitzfläche funktionieren. Dafür mache ich Nähtinchen zu meiner Komplizin. Nicht, dass ich sie kennen würde. Aber sie greift auf Youtube nicht nur zu Nadel und Faden, sondern auch zu einem Werkzeug, das ich schon mal einigermassen erfolgreich benutzt habe.

Näääh, Tinchen!

Über 72 000 Menschen haben sich angeschaut, wie sie hässliche alte Polster mit hässlichem neuen Stoff bezieht. Um das 90er-Jahre-Muster des Grauens zu verdecken, greift sie zu grauer Holzdruck-Optik. Ernsthaft? Wenn du deine Flecken verstecken willst, dann such dir bitte was Schönes aus. Hauptsache, der Stoff ist so strapazierfähig wie deine Nerven, damit ihr gemeinsam die nächsten 2654 Zoom-Meetings durchsteht.

Ich habe einen petrolfarbenen Laufmeter aus dicker Baumwolle zur Hand und klopfe auf Holz. Zum Glück besteht das Innenleben meines Stuhls aus dem Naturmaterial. Da können Bostitch-Klammern herzhaft zubeissen und der einfachste Weg zum neuen Bezug ist frei. Vier Schrauben später halte ich die Sitzfläche in der Hand und denke: «Recht hat er, der Knecht!» In der Stuhlmechanik sammelt sich Staub ohne Ende neben etwas, das zerbröselte Gedanken sein könnten. Jedenfalls allerlei Abwischenswertes.

Als Ehrerbietung an den Kollegen greife ich zum Mikrofasertuch und vollziehe eine rituelle Reinigung der freigelegten Flächen, bevor mit einem Spritzer WD-40 die hoffentlich nicht letzte Ölung der gebrechlich quietschenden Mechanik folgt. Dann wird es Zeit, zum Bostitch zu greifen.

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Genau wie Tinchen, schneide ich den Stoff etwas grösser als die Sitzfläche zu, was für die Erfolgsaussichten des Projekts relativ wichtig ist. Der Rest ist purer Spass und ein Stück weit Freestyle. Den Stoff straff über das Polster spannen, an der Unterseite mit der Hand fixieren und TACK! Drin ist die erste Klammer.

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Ich will keinen Schönheitspreis gewinnen, aber eine glatte Sitzfläche wäre schon nett. Deshalb arbeite ich mich von der Mitte nach aussen vor und mache es auf der gegenüberliegenden Seite genauso. Hier die detaillierte Anleitung bis zum ersten Problem: TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! TACK! Nur nicht zu sparsam mit den Klammern sein.

Die Finger am Abzug statt an der Tastatur. Ein grossartiges Gefühl!
Die Finger am Abzug statt an der Tastatur. Ein grossartiges Gefühl!

Nun ist der Stoff auf beiden Seiten fest und ich kümmere mich um die heikle Vorderkante. Nur sie ist am Ende wirklich zu sehen. Und von zwei Kanten um eine Ecke gefalteter Stoff hat die Eigenschaft, dass er dort im Überfluss vorhanden ist. Das bereitet Schwierigkeiten. Oder, wie Nähtinchen sagt: «An den Ecken hat man das meiste Gefummel.» Stimmt, das war schon auf dem Schulhof so. Da gibt’s auch den härtesten Stoff, das ist bei Stühlen nicht anders.

Während Tinchen das Problem an den neuralgischen Punkten mit viel Gezerre und einem wahren Tackerfeuerwerk löst, setze ich auf die Falttechnik. Ungefähr so, wie ich Geschenke verpacke, schlage ich den Stoff übereinander. Den sichtbaren Teil akkurat. Alles, was an der Unterseite verschwindet, wird zusammengeknüllt und schnell irgendwie fixiert. TACK! TACK! TACK!

Wird schon irgendwie halten.
Wird schon irgendwie halten.

Da es bei diesem Projekt ausschliesslich um Oberflächlichkeiten geht, verstecke ich das Kuddelmuddel unter dem passend zugeschnittenen schwarzen Stoff, der glücklicherweise schon vorher an der Unterseite des Stuhls angebracht war. Was unter der Oberfläche steckt, will ich ja ohnehin ausblenden. Das Chaos und der Schmutz spielen keine Rolle mehr. Mit etwas Abstand und -1.75 Dioptrien betrachtet finde ich, das Resultat kann sich sehen lassen. Für alle, die es nicht ganz so genau nehmen, ist neuer Stoff das Wundermittel gegen alte Flecken! Saubere Sache, oder?

Kein Fleck. Kein Problem. Bitte weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen.
Kein Fleck. Kein Problem. Bitte weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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