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Hintergrund

Papa lernt Pokémon, Teil 2: Die 1000-Franken-Karte aus dem Kinderzimmer

Michael Restin
13.8.2026
Bilder: Christian Walker

Mein Sohn sammelt Pokémon. Ich habe keine Ahnung davon. Zuckst du bei diesem Thema auch mit den Schultern? Dann komm mit mir zu den Experten: Diesmal lerne ich, Karten zu schützen und ihren Zustand einzuschätzen.

Langsam bin ich angefixt. Ich sitze seit gut einer Stunde mit meinem Sohn im TwoMoons, einer Trading-Card-Game- und Boardgame-Bar in Stettbach. Dort erklären mir Jonas Rudin, Mitgründer des Ladens und ehemaliger Galaxus-Kollege, sowie der Pokémon-Experte Patrick Landis die Grundlagen der Pokémon-Welt. Inzwischen weiss ich, dass es Booster, völlig unterschiedliche Sammelziele und ein Problem namens Scalping gibt – Geschäftemacher kaufen im grossen Stil die Karten weg.

Ich spüre auch, dass mein Sohn gut im Thema ist und das Hobby ihm zunehmend wichtig wird. Er möchte das Set «Fatale Flammen» komplettieren, weil es nicht so gross ist und er davon ein paar sehr gute Karten hat. Ich will mitreden können, wenn es um Holo, EX und Grading geht und lerne mehr über:

  • Holo-, Reverse-Holo und Fullart-Karten
  • Die Bedeutung von Begriffen wie EX und VMAX
  • Special Illustration Rares und den Schutz von Sammelkarten
  • Die Wertermittlung auf Cardmarket und eBay
  • Wie man den Zustand einer Karte einschätzt
  • Die Frage, wann sich eine professionelle Bewertung (Grading) lohnt

Ausserdem stellen wir fest, dass mein Sohn nicht übertrieben hat: Er hat einen echten Schatz aus einem Booster-Pack gezogen und ist deshalb umso mehr «on fire».

Patrick Landis betreut die Pokémon-Community im TwoMoons.
Patrick Landis betreut die Pokémon-Community im TwoMoons.

Raritäten erkennen, schützen und einschätzen

Wenn ein Set «nicht so gross» ist, heisst das am Beispiel «Fatale Flammen», dass es 94 reguläre und 36 Geheimkarten gibt. Die meisten sehen normal aus, andere glänzen, wenige sind offensichtlich anders. Patrick setzt zu einem kleinen Vortrag an, um mir ein paar grundlegende Begriffe zu erklären: «Es gibt meistens eine normale Version einer Karte, die kein Foiling drauf hat», erfahre ich.

Die besonders beschichteten holografischen Karten, die sofort ins Auge fallen, unterscheiden sich ebenfalls: «Bei einer Holo ist nur das Bild speziell, bei der Reverse-Karte ist das Bild normal und alles andere Holo.» Und dann gibt es noch verschiedene Fullart-Holo-Karten, bei denen sich das Bild über die komplette Fläche zieht und die von oben bis unten glänzen.

Holo-Karten sind speziell beschichtet und glänzen je nach Blickwinkel anders.
Holo-Karten sind speziell beschichtet und glänzen je nach Blickwinkel anders.

Der nächste Punkt, der mir gar nichts sagt, sind die Abkürzungen auf einigen Karten. «EX, GX, V oder VMAX zeigt die Art der Spielmechanik an», fährt Patrick fort. «Alle paar Jahre kommen neue Pokémon raus. Im Kartenspiel machen sie es meistens so, dass sie dort eine neue Spielmechanik einbringen und sie umbenennen. Sie werden anders gespielt und bekommen entsprechend einen eigenen Namen.»

Natürlich, es wird ja nicht nur gesammelt, sondern auch gespielt. Durch neue Karten gibt es neue Varianten. Und wer sich wie Patrick auskennt, kann die speziellen Karten bei einem Blick auf die Kürzel sofort einordnen: «GX sind beispielsweise aus der Sun & Moon Era. EX ist schon mehrfach vorgekommen und VMAX ist das Thema der achten Generation gewesen. Man kann daran also erkennen, aus welcher Ära die Karten sind.» Ära klingt gross, aber das Trading Card Game gibt es auch schon seit den 1990ern.

Mein Sohn darf einen Booster öffnen. In jedem stecken auch Holo-Karten und die Chance auf so etwas wie einen Hauptgewinn: «Es ist immer auf eine Art und Weise festgelegt, wie viele Karten welcher Rarität enthalten sind», sagt Patrick. «Aber es können so etwas wie höhere Versionen von Raritäten auftauchen», erklärt er für mich in einfacher Sprache. Es wartet also immer etwas Besonderes. Und vielleicht etwas ganz Besonderes.

Spannungsaufbau im Booster: Die interessantesten Karten sind immer hinten.
Spannungsaufbau im Booster: Die interessantesten Karten sind immer hinten.

Dieses Mal ist das nicht der Fall, der grosse «Hit» ist nicht dabei. Anders als an jenem Tag, an dem mein Sohn völlig begeistert mit einer Mega Charizard X ex nach Hause kam. Das ist eine dieser seltenen, «Special Illustration Rare» genannten Karten, die ein kleines Kunstwerk sind, das sich über die gesamte Fläche erstreckt. Seine besten Karten liegen gut eingepackt vor uns. An ihrem Beispiel besprechen wir, wie damit umzugehen ist.

«Booster to sleeve ist immer am besten», höre ich Jonas sagen, und er nickt zufrieden: «Sehr gut, du hast sie in einem perfect fit sleeve, dann noch in einem penny sleeve – das sind die lockereren – und zusätzlich in einem Toploader drin.» Die Karte steckt also gleich in mehreren Hüllen. Was auf mich übertrieben wirkt, hat wohl seine Berechtigung. Es sind echte Sammlerstücke. «Gerade bei wertvolleren Karten ist es das A und O, weil der Zustand der Karte wirklich das ist, was beim Sammeln den Wert ausmacht.»

«Wie finde ich heraus, was eine Karte wirklich wert ist?», frage ich. «Es gibt ganz viele verschiedene Apps und für den Anfang zwei wichtige Webseiten, die man sich anschauen kann», erklärt Patrick. «Zum einen ist das Cardmarket. Das kann man sich wie eine Börse für den europäischen Online-Markt vorstellen. Da bieten Private und Händler Karten online an und definieren einen Preis. Dazu gibt man Sprache, Version und Zustand an. Alle Faktoren haben einen Einfluss auf den Preis.» Die meisten Karten sind wenig wert, doch selbst diese sind dort sorgfältig aufgeführt und werden gehandelt. Auch eine «Special Illustration Rare» muss nicht zwingend teuer sein. Nur sehr gesuchte Exemplare wechseln für viel Geld den Besitzer.

Viele Karten werden für kleine Beträge gehandelt, diese hier gibt es ab zwei Cent.
Viele Karten werden für kleine Beträge gehandelt, diese hier gibt es ab zwei Cent.

«Die andere Seite, die man gut als Datenbasis nutzen kann, ist eBay», sagt Patrick. «Besonders bei den teureren Karten ist es ein bisschen einfacher. Man sieht den weltweiten Handel und kann sehr gut sortieren. Dort gibt es eine relativ gute Historie der Verkaufspreise.» Man kann die zu Mondpreisen angebotenen Karten ignorieren und einfach nach Verkäufen filtern, um ein realistisches Bild zu bekommen.

Wir bleiben zunächst bei Cardmarket. «Ich habe gerade den Namen und das Nümmerli eingegeben, dann bin ich auf die Karte gekommen und sehe den Preisverlauf», sagt Jonas. Er schwankt für die Mega Charizard X ex um die 1000 Euro. Dann setzt er noch einen weiteren Filter: «Der günstigste Schweizer, der diese Karte anbietet, macht das für 1111 Franken. Ich würde sie auf keinen Fall günstiger verkaufen.» Denn bei diesen Preisen würden günstigere Angebote im Ausland hohe Zollkosten nach sich ziehen.

Kurse wie an der Börse: Der Preisverlauf wirft bei mir Fragen auf.
Kurse wie an der Börse: Der Preisverlauf wirft bei mir Fragen auf.

Die starken Preisschwankungen erklären sich zum einen durch Angebot und Nachfrage. «Wenn diese Karte sowieso die seltenste im Set ist und Spieler in guten Decks sie brauchen, dann suchen viele danach», erklärt Jonas. Erfolg im Spiel kauft man sich mit der teuren Karte nicht, das lässt sich auch für wenig Geld haben. Es gibt günstigere Versionen davon, die den gleichen Effekt im Spiel haben.

Spielkarte, Sammlerstück und Geldanlage

«Es gibt Leute, die die günstigste Variante einer Karte spielen und andere, die immer gerne die schönste und beste Version haben wollen. Damit kann man ein bisschen flexen und es ist Teil des Hobbys», sagt Jonas. «Wenn ich das Gefühl habe, sie könnte im Wert noch steigen, dann ist es ja auch eine Wertanlage. Im besten Fall mache ich damit Gewinn und im schlechtesten halt Verlust.»

Es treffen sich also Spielerinnen und Spieler, leidenschaftliche Sammler und Spekulanten, die bereit sind, hohe Preise zu bezahlen. Wenn alles stimmt. Denn zum anderen ist es der Zustand der Karte, der den Wert bestimmt. Die Mega Charizard X ex, die wir unter die Lupe nehmen, schätzen Jonas und Patrick mit Near Mint ein – was, wie ich lerne, sehr gut bedeutet.

Sieht so aus, als hätte mein Sohn sein Sackgeld in diesem Fall gut angelegt und auch gut auf die Karte aufgepasst. Doch worauf kommt es beim Zustand genau an?

Kaum sichtbare Fehler machen einen grossen Unterschied

Patrick und Jonas begutachten die Karte nun, als wären wir bei einem Diamanthändler. «Man sollte die Karte auf einen schwarzen Hintergrund legen, dann sieht man sie noch ein wenig besser», sagt Patrick. Für mich sieht die Karte einwandfrei aus: sie glitzert und ist nicht geknickt. «Es ist mega wichtig, dass man an den Rändern keine weissen Spots findet», erklärt Jonas. «Jetzt sehen wir hier zum Beispiel einen kleinen Schaden auf der Karte. Und hier hast du einen ganz kleinen White Spot, den man im Licht sieht. Das sind zwei kleine DINGS

Moment – DINGS? Das sind Defects Identified of Notable Grade Significance, wie ich lerne. Es ist doch alles ganz einfach.

Bei ganz genauer Betrachtung hat fast jede Karte kleine Mängel.
Bei ganz genauer Betrachtung hat fast jede Karte kleine Mängel.

Ich erfahre, dass solche «Schäden» oft schon beim Druck entstehen. Dann schauen sich die beiden die Rückseite an. Es geht um das «Centering», also die Frage, ob der Druck perfekt mittig und die Ränder somit exakt gleich sind. Als nächstes prüfen die beiden die Ecken. «Gewisse Auffälligkeiten werden noch toleriert, zum Beispiel wenn die Ecken ein bisschen umgestanzt sind», erklärt Jonas. «So ist sie halt produziert worden. Es kommt aber auch vor, dass sie komplett falsch geschnitten werden.»

Langsam verstehe ich, warum ein sleeve zum Schutz nicht genug ist. «Das Letzte, worauf man schaut, ist, ob es Kratzer auf der Oberfläche hat. Die sind hier praktisch nicht vorhanden.» Der für meinen Sohn erfreuliche Befund: «Grundsätzlich hast du da ein fast perfektes Glurak», sagt Jonas. Anders gesagt: Near Mint.

Was tut man mit so einem Sammlerstück? Mein Sohn spielt mit dem Gedanken, die Karte graden zu lassen. So wie Rating-Agenturen es in der Wirtschaft bei Unternehmen tun, gibt es Anbieter, die Sammelkarten unabhängig bewerten. «Das ist in letzter Zeit ein bisschen schwieriger geworden», sagt Patrick. Die Unternehmen heissen PSA, CGC oder BGS und sind sehr gefragt. «Früher konnte man mit 'bulk submissions' viele Karten relativ günstig graden lassen. Inzwischen kostet es für eine Karte zwischen 90 und 110 Franken und momentan kann man sie auch nur über einen Partner einreichen.»

Mit Gütesiegel: von PSA und BGS bewertete Karten.
Mit Gütesiegel: von PSA und BGS bewertete Karten.

Grading ist ein teures Pokerspiel

Ob sich so eine Investition lohnt, hängt vom Wert der Karte ab – und davon, mit welcher Bewertung man rechnet. «Mit einer 10 ist die Karte deutlich wertvoller, als wenn es nur eine 9 gibt», erläutert Patrick. «Wenn es nur eine 8 gibt, ich sie für 100 Stutz einschicke und sechs Monate nicht habe, ist sie am Schluss vielleicht weniger wert als wenn ich sie Raw, also ohne Grading, behalten hätte.» Seine Einschätzung: «Ab 1000 Stutz aufwärts kann es sich lohnen, wenn die Karte eine 9 oder 10 bekommt.»

Das Risiko trägt natürlich der Kunde. «PSA verlangt zum Beispiel auch noch einen Anteil vom Wert der Karte, nachdem sie geratet ist», sagt Jonas. «Da kann man schnell in eine Kostenfalle geraten.» Interessiert höre ich zu, wie er über die verschiedenen Grading-Firmen referiert. Eine 10 hier ist weniger wert als eine 10 dort, dann gibt es noch dieses super seltene Black Label ... man könnte sich locker einen Abend lang nur in dieses Thema vertiefen.

Die Faszination kommt mit dem Wissen

Zu jeder meiner oberflächlichen Fragen öffnet sich eine neue Welt. Ich komme da immer noch nicht ganz mit. Es ist, als würde ich nach der ersten Französischstunde mit Muttersprachlern am Tisch sitzen. Aber ich beginne zu begreifen, was meinen Sohn, was Patrick und Jonas, was so viele Menschen daran fasziniert. Die Karten sind Hobby und Spiel, Kunst und Casino, Investment und Kulturgut. Alle machen damit ihr eigenes Ding und suchen trotzdem den Austausch.

Die Leidenschaft zum Beruf gemacht: Jonas im TwoMoons.
Die Leidenschaft zum Beruf gemacht: Jonas im TwoMoons.

Im TwoMoons treffen sich Menschen, die ein Interesse teilen, statt alleine vor Bildschirmen zu sitzen. «Bevor wir den Store gegründet haben, haben wir das auch alle irgendwann als Hobby angefangen», sagt Jonas. «Der erste Hype auf den Schulhöfen war um das Jahr 2000. Da war ich dabei und hatte meine Karten. Die habe ich dann irgendwann mal auf dem Flohmarkt für 20 Franken verkauft», erzählt er von seinen Anfängen.

Kunstpause.

«Heute wären die Karten, die ich damals hatte, in perfektem Zustand 16 Millionen Franken wert.» Mein Sohn und ich schauen Jonas mit grossen Augen an. Er lächelt das weg – als Randnotiz eines Sammlerlebens. Die Zeiten ändern sich und inzwischen hat die Community mit den Schattenseiten des Erfolgs zu kämpfen: «Man merkt schon, dass es mehr Leute gibt, die nur versuchen, Geld zu machen», sagt Jonas. «Das sehen wir kritisch.» Denn es zieht nicht nur Abzocker an, denen das Hobby egal ist, auch Fälschungen sind ein Thema – ein Thema für den nächsten Beitrag.

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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


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