
Papa lernt Pokémon, Teil 3: So erkennst du Fake-Karten
Mein Sohn sammelt Pokémon. Ich habe keine Ahnung davon. Zuckst du bei diesem Thema auch mit den Schultern? Dann komm mit mir zu den Experten: Diesmal lerne ich, wie man gefälschte Karten erkennt.
«Ich habe hier zwölf Karten, nur drei davon sind echt. Findest du sie?» Patrick Landis, der Pokémon-Pro im TwoMoons, breitet die verdächtigen Sammlerstücke vor uns auf einem Tisch in der Trading-Card-Game- und Boardgame-Bar in Stettbach aus. Bevor ich mir einen Überblick verschaffen kann, hat mein Sohn die Originale schon herausgesucht. «Das ist jetzt sehr schnell gegangen!», loben sowohl Patrick als auch Jonas Rudin, einer der Gründer des TCG-Ladens, der ebenfalls vom Fach ist. Mal wieder zu schnell für mich. Mir schwirrt der Kopf von den vielen Infos, die seit einiger Zeit auf mich einprasseln.
Ich habe ansatzweise verstanden, worum es beim Sammeln geht und wie die Pokémon Company geschickt den Markt bedient. Ausserdem habe ich einiges über die teils erstaunlichen Werte der Karten und das ausgeklügelte Bewertungssystem für Sammlerstücke erfahren.
Nun soll es um die Schattenseite gehen: Fake-Karten. Die finden ihren Weg in alle Welt und wer darauf reinfällt, ist zu Recht enttäuscht.
Das kann überall passieren.
«Der Pausenplatz ist sicher ein Ort, an dem einige von Älteren reingelegt werden», sagt Jonas. Im Internet gibt es sowieso alles. Und von Reisen bringen viele Touris zweifelhafte Ware zurück.

«Ich bekomme häufig mit, dass Eltern in den Ferien gefälschte Pokémon-Päckchen kaufen, so kommen sie bei uns in den Umlauf», erzählt Patrick. Einige wissen vermutlich nicht, dass die vermeintlichen Schnäppchen aus Spanien, der Türkei oder Thailand gefälscht sind.

«In Griechenland habe ich auch Fake-Booster für 1,50 Euro gesehen», schaltet sich mein Sohn ein. «Ja, da weisst du dann direkt Bescheid», lächelt Jonas. Hier wissen alle Bescheid – ausser mir. Also gehen wir die Möglichkeiten, Fake-Karten zu erkennen, Schritt für Schritt durch.
Der Grund, warum mein Sohn die drei echten Karten unter den Fälschungen eingangs blitzschnell erkennen konnte, leuchtet mir ein: «Für Laien ist es am einfachsten, zuerst die Rückseite anzuschauen», erklärt Patrick.
1. Falsche Farbtöne
Hinten haben die westlichen Karten einen tiefblauen Rand. Und dieser Rand scheint viele Fälscher an den Rand der Verzweiflung zu bringen – sie treffen den richtigen Farbton einfach nicht. «Deshalb solltest du immer irgendeine Referenzkarte dabei haben», sagt Patrick. Tatsächlich fällt der Farbton der Fälschungen, die wir vor uns haben, dagegen deutlich ab. Sie sind blasser oder gehen ins Violette.

«Der Test ist nicht hundertprozentig bulletproof, aber wenn die Sättigung nicht stimmt, ist das eine absolute red flag.» Soll heissen: Alle Alarmglocken sollten läuten. Es gibt auch Fakes, die den Farbton treffen, aber sie sind selten. Noch viel seltener sind sogenannte Misprints – offizielle Karten mit wertvollen Druckfehlern.
2. Der Taschenlampen-Trick
Jonas zückt sein Smartphone, schaltet die Taschenlampe ein und hält eine Karte davor. «Bei einer englischen oder deutsche Karte sollte nichts durchleuchten», erklärt er. Dann greift er zu einer anderen Karte, in meinen Augen äusserlich unauffällig: «So sieht es aus, wenn sie fake ist.»
Der Lichtschein dringt problemlos hindurch, die Konturen der LED zeichnen sich darauf ab. Ich lerne: Wenn das bei einer deutschen oder englischen Karte passiert, auf die wir uns hier beschränken, bin ich gewarnt. Denn alle westlichen Karten sind wie ein Sandwich aufgebaut – mit einer dunklen Schicht in der Mitte, die lichtundurchlässig und stabil ist.
Das ist erfreulich einfach. Doch, Moment, es geht hier immer noch um Pokémon, also ist es doch komplizierter: «Mach mal das japanische Pack auf», sagt Jonas. «Da funktioniert der Trick nämlich nicht.» Gesagt, getan. Und gesehen: Das Licht scheint durch die kunstvollen japanischen Karten locker hindurch.

Hä? Sind die Karten im Mutterland von Pokémon etwa billiger produziert? «Es ist ein anderer Hersteller als im Rest der Welt», erklärt Jonas. Dieser druckt natürlich hochwertig, aber nach einem anderen Verfahren. Die japanischen Karten sind biegesteif, haben glattere Oberflächen und frisch aus dem Booster deutlich seltener ärgerliche Beschädigungen an den Rändern.
Neben 08/15-Karten gibt es bei besonderen, seltenen Stücken noch weitere Hürden, die für Fälscher in der Regel (zu) hoch sind, um perfekte Fakes zu produzieren.
3. Verräterische Riffelung
Auch ohne Taschenlampe gibt es bei speziellen Karten genug Anhaltspunkte, um gefälschte Karten zu entlarven. «Diese VMAX glänzt nicht so hell, bei Fakes ist die Riffelung ausserdem oft gerade statt diagonal», referiert mein Sohn, während mir endgültig klar wird, dass ich mir wohl keine Sorgen um seinen Wissensstand im Fach Pokémon machen muss. Er hat die prüfungsrelevanten Details erkannt.
Zum einen haben Special Illustration Rares und andere seltene Fullart-Karten eine besondere Textur, die es den Fälschern schwer macht. Die Mikro-Rillen werden in die Karte geprägt und verlaufen nicht einfach gerade, sondern nach speziellen Mustern. «Wir haben hier echte Karten und man sieht genau das, was du sagst», bestätigt Jonas meinen Sohn, und an mich gewandt: «Da erkennst du die aufwendige Riffelung, die nicht so einfach fälschbar ist.»
Fakes fallen nicht nur in diesem Punkt oft ab, es fehlt zum anderen auch der spezifische Glanz: Der Holo-Effekt liefert den nächsten Hinweis.

4. Billiges Foiling
Holos sind häufiger und haben nicht zwingend die riffelige Textur. Für den regenbogenartigen Effekt sorgt das Foiling. Es bricht das Licht je nach Blickwinkel unterschiedlich und somit anders als viele Fakes, die nur wie ein bunter Spiegel reflektieren. «Hier siehst du eine Karte, bei der das Foiling keinen spezifischen Glanz hat – wenn überhaupt, dann nur einen geraden», demonstriert Jonas den Effekt. Er sieht tatsächlich etwas billig aus. Statt das Motiv der Karte aufzuwerten, bewirken Fake-Versuche oft das Gegenteil.
Der Glanz fehlt oder ist zu dominant und spiegelt stark. Das Motiv wirkt matt, ausgewaschen und kontrastarm, weil die Holo-Folie einfach drüber statt drunter liegt. Sie überzieht gerne auch mal den Text und die Ränder, während echte Karten diesen Bereich aussparen. Das Muster, in dem der Glanz gerade oder schräg über die Karte verläuft, kann ebenfalls ein Hinweis sein – wenn man sich auskennt. «In früheren Generationen wurde das teils anders gemacht als heute», sagt Patrick.

Ich wäre bei einem halbwegs gut gemachten Fake wohl immer noch leicht zu täuschen. Nicht nur deshalb rät Patrick dazu, sich beim leisesten Zweifel immer einen Vergleich zu suchen.
5. Das Netz nutzen
Die Bildersuche liefert schnell Referenzbilder vom Original jeder beliebigen Karte. Patrick nimmt als Beispiel die gefälschte aus dem Bild oben. «Wenn ich ‘Pikachu Zekrom SM168’ eingebe und auf Images gehe, habe ich direkt Bilder von gegradeten Karten», demonstriert Patrick. Diese wertvolle Karte wird gerne gefälscht, weil sie im Original glatt ist und keine schwer zu kopierende geriffelte Textur hat. Allerdings hat sie ein mattes Foiling – anders als die Fake-Karte, anhand der Patrick mir den Unterschied demonstriert: «Die hat ein ganz aggressives Foiling drauf.»
Wichtig sei ausserdem, anhand der Collektor Number zu suchen, die unten links steht. Im Fall dieser Promo-Karte eben SM168. Bei Karten aus regulären Sets lautet sie zum Beispiel 033/181 – die erste Zahl steht für die Karte, die zweite für die Anzahl der Karten im Set. «Du kannst natürlich auch einfach ein Föteli machen und eine AI fragen: ‘Hey, was ist das für eine Karte?’», meint Patrick. Es macht aber mehr Spass, sich echte Geschichten aus dem TCG-Store anzuhören – weil sie Anfänger wie mich zum Staunen bringen.
Aufwändige Fake-Versuche
«Wir haben jetzt relativ schlecht gefälschte Beispiele angeschaut», sagt Jonas. Sogar ich kann die Unterschiede mittlerweile erkennen. «Wir hatten aber auch schon Fälle von gefälschten Slabs.» So heissen die versiegelten Kunststoffhüllen, in die Karten nach einem professionellen Grading dauerhaft eingeschlossen werden und auf denen die Bewertung steht. Bevor das passiert, prüfen die Experten nicht nur den Zustand, sondern natürlich auch, ob die Karte echt ist. Auf dieses Urteil vertrauen Sammlerinnen und Sammler. Das ist für Betrüger verlockend.
«Slabs sind natürlich nicht uncrackbar, man kann sie schon irgendwie öffnen», fährt Jonas fort. Wie also kommt man solchen Fälschungen auf die Spur, wenn man die Manipulation nicht direkt an schlecht verklebten Nähten erkennt? Der bekannteste Grading-Anbieter heisst PSA. «Bei ihnen ist es zum Beispiel so, dass ich mit Schwarzlicht oben am Label die PSA-Musterung sehen kann», erklärt Jonas, und Patrick ergänzt: «Es ist an sich wie eine Banknote mit verschiedenen Sicherheitsmerkmalen, die man nacheinander abchecken kann.» Er hat schon Fälschungen an kleinen Unterschieden in der Schriftart und am Barcode erkannt.

Wer die Certification Number auf dem Slab bei PSA oder dem jeweiligen Anbieter eingibt, sieht ausserdem oft ein hochauflösendes Bild des Originals und kann mit der Detektivarbeit an der Karte fortfahren. «Da kann man bei neueren Submissions den Zustand eins zu eins abgleichen», erklärt Patrick. Damit haben die Rating-Unternehmen vor einigen Jahren aus guten Gründen begonnen.
Fälscher nutzen jeden Weg, der Erfolg verspricht. Eine echte Karte mit gefakter Top-Bewertung ist ebenso möglich wie das Gegenteil: «In einem Fall war es so, dass wir eine gefälschte Karte aus dem Jahr 1997 in einem echten Slab vor uns hatten. Wie die da reingekommen ist, wissen wir nicht», erzählt Jonas. Um Betrügereien zumindest zu erschweren, sollte man keine Bilder von wertvollen gegradeten Karten mit sichtbarer Certification Number und Strichcode online stellen.
Fatale Wissenslücken
Ob online oder im analogen Leben – wer mehr weiss, ist immer im Vorteil. So kann es vorkommen, dass ganze Sammlungen für einen Spottpreis den Besitzer wechseln. «Einmal ist jemand bei uns reingekommen, der auf einem Flohmarkt für 20 Franken ein Kistchen Magic-Karten gekauft hat», erzählt Jonas. «Da waren Karten im Wert von 40 000 Franken drin.» Schön für ihn, schade für den Vater oder die Mutter, die arglos echte Schätze aus dem Kinderzimmer verhökert hat.
Am Ende sind immer die Ahnungslosen angeschmiert. Die Chancen steigen, dass mir das in 20 Jahren nicht passiert. Entweder, weil mein Sohn das Interesse an seiner wachsenden Sammlung nicht verliert – oder weil ich nun zumindest wissend genug bin, sie nicht für ein paar Franken auf dem Flohmarkt zu verkaufen.
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
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