Hintergrund

So unberechenbar sind die aktuellen Teppich-Designs

Pia Seidel
Pia Seidel
27.09.2022
Bilder: Pia Seidel

Vier Ecken, vier Kanten – bisher sahen Teppiche ziemlich berechenbar aus. Doch die neuen Designs fallen aus dem Raster. Sie lassen sich keiner geometrischen Form zuordnen. Das hat Vorteile.

Weder ausgefranste Flokatiteppiche noch trendige Schachbrettmuster wie das grün-gelbe Modell der Youtuberin und Model Reese Blutstein sind mir bei meinem Besuch an der diesjährigen Designwoche in Mailand aufgefallen. Entwürfe mit verwackelten, schwungvollen Silhouetten hingegen schon. Um herauszufinden, warum Rechteckiges gerade nicht so gefragt zu sein scheint und was das mit unserem Interieur macht, sehe ich mir drei Beispiele genauer an.

Voller versteckter Details: «Skrimsli» von Krjst Studio

Erika Schillebeeckx und Justine de Moriamé von Krjst Studio malen, indem sie weben. Der handgetuftete Teppich «Skrimsli» gleicht von Weitem einem Ölgemälde, auf dem ein Ozean zu sehen ist. Wegen seiner Blaunuancen, aber auch wegen seiner wellenartigen Formen. Als ich die Designerinnen auf die Ähnlichkeit anspreche, erklären sie mir, dass ihr Einzelstück tatsächlich von der Natur inspiriert ist. «Dieser Teppich soll wie jedes unserer Werke Farben zum Ausdruck bringen, die Worte nicht beschreiben können.»

«Skrimsli» ist ein Objekt aus Seide-, Wolle und Lurexgarnen, das Bände spricht. Für die Ausstellung wurde es auf ein Podest erhoben.
«Skrimsli» ist ein Objekt aus Seide-, Wolle und Lurexgarnen, das Bände spricht. Für die Ausstellung wurde es auf ein Podest erhoben.
Foto: Pia Seidel

Die Designerinnen wollen mit Webfäden imaginäre Landschaften «eines poetischen, ruhigen und doch chaotischen Reiches darstellen, in dem Emotionen geboren werden, die keinen geraden Linien folgen», wie sie sagen. Deshalb haben sie sich bewusst gegen eine rechteckige Silhouette entschieden. Sie glauben, dass Rundes unseren Blick in rechtwinkligen Räumen mehr wandern lässt. «Organische Formen machen den Innenraum weniger steril und lassen uns beim Anordnen von Möbeln kreativer werden.»

Das Designstück soll Farben zum Ausdruck bringen, «die Worte nicht beschreiben können».
Das Designstück soll Farben zum Ausdruck bringen, «die Worte nicht beschreiben können».
Ausstellung: Assab One, 2022. Foto: Pia Seidel

Die bunte Mischung macht's: «Nostos» von Marta Malinverni

Ähnlich wie die Designerinnen von Krjst Studio das Medium Teppich an der Schnittstelle von Kunst und Design sehen, hält auch die italienische Architektin Marta Malinverni ihre künstlerische Arbeit für «untrennbar mit ihrer architektonischen Praxis verbunden.» Daher erforscht sie stets geometrische Konfigurationen abstrakter Räume. Die «Nostos»-Teppichserie ist ein Beispiel dafür. Sie sei aus den Erinnerungen ihrer Reisen entstanden und stelle ein «mentales Labor, das ferne Orte umfasst» dar.

Die Serie «Nostos» besteht aus Einzelstücken wie diesem, die eine Mischung aus symmetrischen und unregelmässigen Formen sind.
Die Serie «Nostos» besteht aus Einzelstücken wie diesem, die eine Mischung aus symmetrischen und unregelmässigen Formen sind.
Foto: Pia Seidel

Jedes der Einzelstücke beinhaltet Erinnerungen an Farben, taktile und kompositorische Oberflächen, die die Designerin an einem fremden Ort während ihrer Abenteuer wahrgenommen hat. Dass dabei manche Motive unklarer als andere sind – wie zum Beispiel die dreiarmige Schlangenlinie unter dem Kreis – hat einen Grund: «Erinnerungen täuschen einen manchmal, deshalb sind auch manche der Formen unklar.»

Keine Grenzen: Der Kreis auf diesem Design ragt über den Rand hinaus.
Keine Grenzen: Der Kreis auf diesem Design ragt über den Rand hinaus.
Ausstellung: Assab One, 2022. Foto: Pia Seidel

Natur Pur: «Botánica» Leo Rydell Jost

Wie satte Mohnblumen im Freien, so poppen auch die «Botánica»-Teppiche von Leo Rydell Jost im Aussenbereich des alten Militärkrankenhauses während der Mailänder Designwoche auf. Mal hängen sie an der Fassade, mal liegen sie auf dem Terrassenboden. Und immer scheinen sie mehr ein Teil des Gartens drumherum als des Gebäudes zu sein. Denn auch sie haben eine organische Form. Anders als die meisten Teppiche sind die Entwürfe eher winzig. Das mag daran liegen, dass der Designer daran gewohnt ist, kleinformatige Lederwaren für Luxushäuser wie Bottega Veneta und Loewe zu entwerfen. Oder aber daran, dass er seine Arbeit als funktionale Kunst sieht.

Farbenfroh: Der handgeknüpfte Teppich aus der Reihe «Botánica» ist aus tibetischer Wolle. Er ist das Ergebnis von Natur- und Körperstudien.
Farbenfroh: Der handgeknüpfte Teppich aus der Reihe «Botánica» ist aus tibetischer Wolle. Er ist das Ergebnis von Natur- und Körperstudien.
Foto: Pia Seidel

Leo Rydell Jost will visuell starke Objekte und ein angenehmes Wohngefühl schaffen. Bei «Botánica» setzt er auf eine aus der Reihe tanzende Gestalt, weil er «immer von der Natur und menschlichen Körpern inspiriert ist.» Weiter sagt er: «Ich habe das Gefühl, dass organische Formen einem Raum mehr Volumen und Spass verleihen. Sie verleihen dem Layout etwas Persönlichkeit, unerwartetes … die Energie verschiebt sich.» Trotzdem wird er die Geometrie in Zukunft nicht diskriminieren. Nur eintönige Konzepte wird er meiden und stattdessen farbenfrohe Stücke schaffen.

Die Muster und Silhouette der Teppiche ist das Ergebnis von Natur- und Körperstudien.
Die Muster und Silhouette der Teppiche ist das Ergebnis von Natur- und Körperstudien.
Ausstellung: Alcova, 2022. Foto: Pia Seidel

Ob in Wellen- oder Körperform – Natur nehme ich immer als beruhigend wahr. Das allein spricht für die neuen Teppiche mit natürlichem Aussehen in der Inneneinrichtung. Sie mögen zwar oft unberechenbarer daherkommen, haben aber eine berechenbare Botschaft: Alles ist erlaubt, nur keine gähnende Leere auf dem Boden. Uniforme Designs haben deshalb nicht ausgedient. Aber sie haben Konkurrenz bekommen, mit der du neue Akzente setzen kannst. Oder besser gesagt: mit der du visuell irritieren und die starren rechten Winkel unserer Räume aufbrechen kannst.

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Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres.
– Albert Einstein


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