Hintergrund

Stigma, Spiel und Spaß: Was auf Sextoy-Partys wirklich passiert

Olivia Leth
24.11.2022

Sextoy-, Dildo- oder Pepperparty: Hier wird das Vorspiel aus dem Schlafzimmer auf den Esstisch verlegt. Oder?

Süßigkeiten und Sextoys haben einiges gemeinsam: Sie erfreuen uns in den unterschiedlichsten Farben und Formen, beides kannst du gemeinsam genießen oder alleine und sie befriedigen das rudimentärste aller Bedürfnisse: die Lust. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis wir zu festlichen Anlässen nicht nur das Kuchenbuffet, sondern auch das Dildo-Buffet eröffnen.

Auch in meinem Freundeskreis wird regelmäßig auf sogenannten Sextoy-Partys aufgetischt. Früher waren diese Events noch ein Aufreger: Vorspiel auf dem Esstisch und moderierter Gruppensex?! So dachte ich und wollte mir das genauer anschauen. Nun, meine Neugierde hat mich schon in so manche skurrile Situation gebracht. Meine erste Sextoy-Party vor einigen Jahren war keine davon. Entgegen meiner Erwartung wurde viel gekichert und einige verschämte Blicke hinter vorgehaltenem Dildo ausgetauscht. Dabei verstehen wir uns in meinem Freundeskreis eigentlich durch die Bank als aufgeklärte Frauen, die ihre Mundwinkel höchstens in Hochachtung für die Wunder der Technik verziehen.

Nix mit schmuddlig: Sextoy-Partys sind näher an Tupperware-Partys als an Sex.
Nix mit schmuddlig: Sextoy-Partys sind näher an Tupperware-Partys als an Sex.
Bild: Olivia Leth

Heute – viele Monde, Beziehungen, schlechte Dates, gute Dates und den Großteil unserer 20er Jahre später, haben wir das nervöse Kichern weitgehend abgelegt. Kein Vibrator der Welt schockiert so sehr wie ein Date, das dich am Ende des Abends von Coitus Interruptus überzeugen will. Als ich meinen Freundinnen also erzähle, dass ich wieder eine Sextoy-Party organisiere, bereiten sie sich vor wie auf einen Infoabend: Die Eckdaten wollen sie von mir wissen und ob sie irgendetwas mitbringen sollen. Nun ja, wer viel erlebt hat, ist schwer zu beeindrucken.

Eine Party mit verruchtem Image

Ihr Ruf eilt der Sextoy-Party voraus und mit meinem Missverständnis damals bin ich in bester Gesellschaft. Auch Eva kennt die unangebrachten Anfragen zu Genüge. Sie ist selbstständige Beraterin bei «PepperParties» und unsere Fachfrau für den Abend.

«Ich habe schon die merkwürdigsten Anfragen bekommen», sagt sie. «Eine Gruppe wollte bei mir eine BDSM-Party veranstalten. Eine andere wollte eine Sexarbeiterin mitbringen – um an ihr das Spielzeug gleich auszuprobieren.»

Anfragen wie diese werden natürlich abgelehnt. Um mit dem Missverständnis endlich aufzuräumen: Eine Sextoy-Party ist kein schmuddeliger Event, bei dem Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden. Im Grunde ist sie sogar eher mit einer Tupperparty vergleichbar: Anstatt des Aufbewahrungsgeschirrs aus Hartplastik werden Vibratoren, Gleitgels und Candy Strings (essbare Slips aus Zuckerperlen) vorgestellt. Es wird Sekt getrunken und viel gelacht. Nicht wie früher aus Scham, sondern weil uns durchaus bewusst ist: hier wird sexuelle Aufgeklärtheit ad absurdum getrieben – und auf fast schon plakative Weise vorgeführt . Nein, es braucht keinen Vibrator, um sexuell frei zu sein. Aber manchmal helfen uns ein Vibrator und ein paar unverblümte Worte dabei zu spüren, wie sich sexuelle Freiheit anfühlen kann.

Sekt und Sex: Üppige Auslagen gehören bei Sextoy-Partys dazu.
Sekt und Sex: Üppige Auslagen gehören bei Sextoy-Partys dazu.
Bild: Olivia Leth

Und dafür ist Eva da – und im Idealfall ein Raum voller ungenierter Freundinnen. Die gebuchte Beraterin, kommt dafür zu dir nach Hause und bringt eine ausgewählte Selektion an Sextoys plus einen Stapel Bestellscheine mit. Darüber hinaus steht es dir frei, deine Wohnung dem Anlass entsprechend zu schmücken, Penis- oder Klitoris--Kekse und Vulva-Cupcakes zu backen oder softe Sexo-, äh Saxofon-Hintergrundmusik zu spielen.

Der Kern des Events ist aber klar: «Unser Ziel ist es, auf seriöse Weise über Sexualität und Selbstbefriedigung zu sprechen und aufzuklären», sagt Eva. Und am Ende ist es eben doch eine Party und kein Infoabend. Freude an der Sache, Spiel und Spaß stehen im Vordergrund der Veranstaltung. Aber: Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Bettgeflüster am Esstisch: Ein Appetizer

Üblicherweise finden diese Partys in den eigenen vier Wänden statt. Weil Eva allergisch auf meine Katzen reagieren würde, verbringen meine BFFs und ich den Abend bei Eva zuhause. Interessierte «Mhhs» und «Aahs» wandern durch den Raum, während sich alle über das Dildo-Buffet beugen und darüber nachdenken, wo bei den Geräten oben und wo unten ist. «Na servas», sagt meine Freundin anerkennend beim Anblick eines Vibrators inklusive Klitoris-Auflage aus schwarzem Silikon.

Kann das was oder kann das weg? Nicht jedes Toy macht auf den ersten Blick nur einen guten Eindruck.
Kann das was oder kann das weg? Nicht jedes Toy macht auf den ersten Blick nur einen guten Eindruck.
Bild: Olivia Leth

Ich denke mir beim Anblick des raumschiffartigen Dildos: «Der Hersteller weiß entweder sehr gut, was Frauen im Bett glücklich macht – oder überhaupt nicht.» Beraterin Eva reicht nun ein Produkt nach dem anderem reihum, erklärt Funktion, Technik und Handhabung und gibt jedem Produkt eine persönliche Einschätzung mit auf den Weg. Gleitgels, Massageöle, Düfte und ein knisterndes Bodyspray machen den Anfang. Ein Appetizer, wenn man so will. Nett zum Warmwerden, aber unseren Hunger stillt das noch nicht.

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Die schweren Geschütze: Der Hauptgang

Bei den Vibratoren wird es schließlich interessant. Wer einst dachte, der dampfbetriebene Vibrator könne Hysterie heilen, würde diesen Geräten einen Exorzismus zutrauen. Jetzt wandern «Kugelstoßer» und «Black Beauty» von Hand zu Hand, gewissermaßen die Cadillacs unter den Vibratoren. Wir sind uns einig: Hier wissen die Hersteller ganz genau, was sie tun. Diese Vibratoren sind ein wahres All-Inclusive-Sorglospaket aus feinstem medizinischem Silikon. Sie haben eine Stoßfunktion, eine Vibrator-Kugel («Perlenmassage» für den G-Punkt) und eine Klitoris-Stimulation in unterschiedlichen Intensitäten. Ich entscheide mich für den Kauf und beschließe, meinen neuen Cadillac ohne Beifahrer aufheulen zu lassen. Manche Fantasien möchte ich nur für mich haben, sie mit niemandem teilen und sie vor niemandem erklären müssen. Ein Stück Freiheit, das ich mir nehme.

Die Rechnung, bitte!

Anders als im Restaurant bestellen die Gäste einer Sextoy-Party erst, nachdem der Tisch bereits abgeräumt wurde. Jetzt heißt es nur noch, auf das Paket in diskreter Verpackung zu warten. Genau genommen braucht die Welt zwar keine Vibratoren. Aber der Griff in die Nachtschublade macht einfach unheimlichen Spaß, genauso wie der Griff in die Süßigkeiten-Lade. Sextoy-Partys sind wie ein exzessiver Besuch im Candystore: Nur dass die Freude an der Ausbeute nicht in Sekundenschnelle davonschmilzt.

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Olivia Leth
Autorin von customize mediahouse

Ich liebe blumige Formulierungen und sinnbildliche Sprache. Kluge Metaphern sind mein Kryptonit, auch wenn es manchmal besser ist, einfach auf den Punkt zu kommen. Alle meine Texte werden von meinen Katzen redigiert: Das ist keine Metapher, sondern ich glaube «Vermenschlichung des Haustiers». Abseits des Schreibtisches gehe ich gerne wandern, musiziere am Lagerfeuer oder schleppe meinen müden Körper zum Sport oder manchmal auch auf eine Party. 


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