WANTED: Modded Commodore 64

WANTED: Modded Commodore 64

Martin Jud
Martin Jud
Zürich, am 08.03.2021
Der Commodore 64 gilt als meistverkaufter Heimcomputer der Welt. Sacha hat seinen in den 1980ern gehegt, gepflegt, gemoddet und dann verkauft. Heute vermisst er ihn, hätte ihn gerne wieder. Seine Story erzählt von Zeiten, in denen Spiele in Magazinen als Code abgedruckt werden und Mods zum Sieg verhelfen.

Retro-Hardware ist eine Leidenschaft, weshalb ich regelmässig Kleinanzeigen-Inserate danach durchforste. Dabei finde ich selten, was ich mir erhoffe. Doch nun bin ich auf eine Perle gestossen, die so manches in den Schatten stellt. Und sie ist scheinbar unerreichbar. Unter dem Pseudonym «saschada» sucht einer seinen C64er. Genauer: Seinen eigenhändig in den 80ern gemoddeten Commodore 64. Dieser verfügt neben dem MOS-Prozessoren mit 0,985 Megahertz, den 20 Kilobyte ROM, 64 Kilobyte RAM und der integrierten Tastatur auch über vier zusätzliche, verchromte Kippschalter. Im Inserat mit Titel «Suche meinen C64» steht:

«Geschätzt Ende 80er Jahre habe ich meinen, heute würde man sagen ‚gemoddeten‘ Commodore 64 als Occasion verkauft. Ich hatte ihn als Teenager mit ca. vier (so genau erinnere ich mich nicht mehr) verchromten Kippschaltern, welche ich oberhalb der Tasten ‚1234...‘ montiert hatte, versehen. Unter anderem konnte man damit das Prologic Dos Classic für das 1541er Floppy ein- und ausschalten. Einer war ein Resettaster, ein weiterer schaltete den SID-Filter ein und aus. Aus nostalgischen Gründen würde ich genau diesen, und nur diesen, C64 wieder zurückkaufen. Falls Du/Sie also im Besitz genau dieses Geräts sein sollten würde ich mich um eine Nachricht freuen.»
Kleinanzeigen-Inserat von Sacha

Ob er eine Chance hat, seinen C64 wieder zu finden?

Mich interessiert, was Sacha da vor bald 40 Jahren gebastelt hat. Was sein modifizierter Brotkasten, wie die Dinger im deutschsprachigen Raum genannt wurden, im Detail konnte. Was hat ein Jugendlicher damals mit seinem PC angestellt; so ganz ohne Internet, internen Drives oder Input Lags?

Gamen in den 80ern – erst in Graustufe, ohne Joystick und Englischkenntnisse

Ich schreibe Sacha an. Zu meinem Glück berichtet er gerne aus seiner Kindheit und Jugend. Heute arbeitet er passend zu seinem damaligen Hobby als Softwareentwickler. Ich will von ihm wissen, was sein erstes C64-Spiel war.

«Mein erstes Spiel war Ice Hunter. Es erschien 1984 und war für mich eine Herausforderung: Ich besass damals noch keinen Joystick und wusste nicht, wie ich die Figur steuern soll. Die englische Anleitung konnte ich nicht lesen. Nach einigem Ausprobieren habe ich die Tastenkombinationen herausgefunden. Die waren teilweise abstrus: Drei-vier Tasten gleichzeitig drücken, um die Spielfigur in die gewünschte Richtung zu lenken.»

An den Namen des Spiels konnte sich Sacha erst gar nicht erinnern. Nach fast 40 Jahren blieb nur noch etwas mit Ice und ein Iglu hängen. Dank einer digitalisierten Welt, ist das Gedächtnis allerdings schnell aufgefrischt. Und weitere nostalgische Erinnerungen werden wach.

«Relativ früh zogen Joysticks in mein Kinderzimmer ein. Zuerst ein Quickshot II, später dann andere inklusive dem tollen Competition Pro in blauem Kunststoffgehäuse – mit präzisen und langlebigen Mikroschaltern. Die hielten auch den damals populären und Joystick-mordenden Summer und Winter Games stand.

Als Anzeigegerät überliessen mir meine Eltern einen uralten, kleinen Schwarz-Weiss-Fernseher. Dessen Anzeigegrösse würde man nach heutigen Massstäben wohl mit ca. 8 Zoll bezeichnen. Das Problem dabei: Manche Spiele waren infolge der reinen Graustufenanzeige kaum spielbar, da manche Farben die gleiche Graustufe ergaben. An ein Spiel erinnere ich mich speziell: Aztec Challenge. Den Spiessrutenlauf vor der Pyramide konnte ich nur mit Glück überstehen und ich denke, ich ahnte damals überhaupt nicht wieso. Dummerweise stand dieser erst gegen Schluss des Spiels auf dem Programm, nachdem ich vorher jedes Mal diverse Hürden im Spiel nehmen musste. Das war frustrierend!»

Zocken ab Kassette: Spiel lädt… irgendwann

Zwischen 1982 und 1994 hat Hersteller Commodore International je nach Quelle 12,5 bis gar 30 Millionen Stück des C64 verkauft. Ein riesen Erfolg für einen Computer, der noch nicht mal eine Festplatte hatte. Wer ein Programm oder Game starten wollte, musste dies von einem externen Datenträger tun. Doch selbst ein Floppy Disk Drive war für die meisten Besitzer anfangs nur ein Traum.

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HintergrundComputing

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«Zuerst besass ich eine sogenannte Datasette. Ein Kassettengerät, bei dem damals handelsübliche Audiokassetten als Speichermedium benutzt werden konnten. Der Ladevorgang eines Spiels konnte schon mal einige Minuten dauern, obschon die Datenmengen im Kilobyte-Bereich für heutige Verhältnisse lächerlich waren. Wenn ich mich mal über die langen Ladezeiten ärgerte oder unvorsichtig war und mit der Hand auf den Tisch, auf dem auch die Datasette stand, schlug, erhielt ich – leider erst am Schluss – eine Fehlermeldung: Die Daten konnten nicht korrekt gelesen werden. Dann hiess es an die richtige Stelle zurückspulen – ein eingebauter mechanischer Zähler half dabei – und den Ladevorgang noch einmal starten.»

Die Datasette kostete nur einen Bruchteil von dem, was für ein Diskettenlaufwerk hingeblättert werden musste.
Die Datasette kostete nur einen Bruchteil von dem, was für ein Diskettenlaufwerk hingeblättert werden musste.

Doch wie kam Sacha überhaupt in den Besitz von Software? Gab es auch andere Möglichkeiten als sich ein Tape mit entsprechendem Game im Laden zu kaufen?

«Ich verbrachte damals, ohne zu übertreiben, hunderte Stunden mit Abtippen von Programmen aus Heften. Die Redaktionen druckten seitenweise Hex-Codes* ab, welche nach hoffentlich korrekter Eingabe das lauffähige Programm ergaben. Eine andere Art an Software zu kommen, gab es für mich vorerst nicht.

Irgendwann bin ich dann auf das Magazin Input 64 gestossen. Es war der Grund, dass ich mit meinem Fahrrad per sofort dreimal monatlich an den mehrere Kilometer entfernten Kiosk pilgern musste. Zweimal für die von mir sowieso regelmässig gekauften Magazine 64er und Happy Computer und dann für ein ganz spezielles. Input 64 bestand aus einer Kassette mit Software und einem kleinen Begleitbuch. Für mich brach damit eine neue Ära an. Auch wenn es mit geschätzten 15 bis 20 Franken sehr kostspielig war.»

*Zahlensystem von 0-9 plus A-F, mit 16 Werten anstelle des alltäglichen Zehnersystems

Endlich Floppy, sogar mit Lifehack

Dass sich viele C64-Liebhaber der Achtziger nicht von Beginn an ein Diskettenlaufwerk gönnten, lag an den Preisen. So kostete ein Commodore C64 im Jahr 1984 rund 620 Franken. Das Diskettenlaufwerk dazu schlug mit ca. 600 Schweizer Franken zu buche, wohingegen eine Datasette bereits für um die 80 Franken erhältlich war.

«Später konnte ich mir ein Floppy-Disk-Laufwerk leisten. Von Commodore VC 1541 genannt, heutzutage als Diskettenlaufwerk bekannt. Allerdings handelte es sich damals nicht um die kompakten 3,5-Zoll-Disketten, sondern um die wabbeligen in 5,25 Zoll. Sie fassten sagenhafte 165 Kilobytes – pro Seite – und waren meiner Datasette absolut überlegen. Es war eine kleine Geschwindigkeits-Revolution.

Das externe Floppy Disk Drive VC 1541 brachte mehr Speicher und insbesondere Geschwindigkeit.
Das externe Floppy Disk Drive VC 1541 brachte mehr Speicher und insbesondere Geschwindigkeit.

Irgendwann habe ich mich regelmässig mit ein paar Kollegen getroffen und wir zeigten und tauschten die neuesten Spiele und Programme. Damals waren Disketten von SKC angesagt und mit der Zeit verbreitete sich unter uns das Wissen, dass auch die als einseitig beschreibbar verkauften Disketten problemlos auf der Rückseite bespielt werden können. Ergo: Doppelter Speicherplatz zum gleichen Preis. Das Einzige, was es dazu brauchte, war ein kleiner Lifehack: Mit einem Heftlocher (es gab auch Diskettenlocher) stanzten wir an der richtigen Stelle der Diskette eine Kerbe in den Rand. Dadurch liess sich der Lese-Schreibkopf des Laufwerks überlisten und die Diskette wurde als zweiseitig beschreibbar erkannt.»

Einseitig beschreibbare 5,25-Zoll-Disketten, etwa von SKC, waren mit einem Trick auch beidseitig beschreib- und lesbar.
Einseitig beschreibbare 5,25-Zoll-Disketten, etwa von SKC, waren mit einem Trick auch beidseitig beschreib- und lesbar.

Das Brotkasten-Modding

In der zweiten Hälfte der 80er beginnt Sacha eine Lehre als Elektroniker. Da ist es für ihn naheliegend, sein im Betrieb erworbenes Wissen auch privat einzusetzen. Dank unzähliger Magazin-Lektüren der vergangenen Jahre weiss er bestens über seinen Commodore 64 Bescheid und greift zu Schraubenzieher und Lötkolben.

«Wenn ich mich richtig erinnere, war mein erster Mod ein Resettaster, welchen ich am linken Rand montiert habe. Löten konnte ich bereits und die paar Drähte waren anhand der Informationen meiner Magazine schnell und korrekt auf der Platine platziert. Heute undenkbar, aber damals waren die Platinen für Menschen noch grob genug, um daran eigenhändig Änderungen vornehmen zu können.

Im Laufe der Zeit kamen dann drei oder vier, ich erinnere mich nicht mehr genau, Schalter auf der linken Seite, oberhalb der Esc/Zurück-Taste, dazu. Mit einem davon konnte ich den Filter des SID (Soundchip) ein- und ausschalten. Ein anderer war zum Ein-/Ausschalten des später gekauften Prologic DOS Classic. Auf die Anschaffung dieses Schnellladers bin ich heute noch stolz! Das VC 1541 war relativ schnell im Vergleich zur Datasette, aber schlaue Köpfe fanden damals heraus, dass darin viel mehr Potenzial steckte. Heute unvorstellbar: Im Diskettenlaufwerk war aus Kostengründen der gleiche Prozessor wie im C64 selbst verbaut.

Diesen Prozessor machten sich die sogenannten Schnelllader zu nutze. Ich las in einem Testbericht über den Prologic DOS Classic – und musste ihn haben. Der Schnellader war sagenhafte 65 Mal schneller als das Original. Für die Verkabelung feilte ich am Gehäuse des Floppy-Disk-Laufwerkes einen Schlitz heraus, um das notwendige zusätzliche Flachbandkabel seitlich herauszuführen. Danach hatte ich mehrere Jahre Freude an der Geschwindigkeit und auch am Komfort, welcher das Modul brachte. Ich konnte nämlich häufig benutzte Befehle auf die Funktionstasten legen. So waren selbst grosse Programme innert wenigen Sekunden geladen und gestartet.»

Mit dem Joystick-Rüttel-Mod das Spiel gewinnen

Vor Jahrzehnten waren, wie bereits von Sacha erwähnt, wortwörtlich sportliche Spiele wie der Klassiker Summer Games aktuell. Dabei ging es häufig nur darum, den Joystick möglichst schnell hin und her zu rütteln, um beispielsweise einen neuen Laufrekord zu erzielen. Findige Bastler unter den Spielern machten daher auch nicht Halt davor, ihre Steuerknüppel zu modifizieren.

Wo heute eine Maus steht, stand früher der Joystick.
Wo heute eine Maus steht, stand früher der Joystick.

«In der Zeitschrift Happy Computer wurde eine elektronische Schaltung zum Nachbauen vorgestellt, welche das Rütteln für einen übernahm. Platinen ätzen konnte ich damals noch nicht selber. So kaufte ich mir im heute längst geschlossenen Elektronik Shop in Biel eine Lochrasterplatine und alle benötigten Bauteile sowie isolierten Kupferdraht. Letzterer war dazu da, die Leiterbahnen, welche normalerweise aus Kupfer beschichteten Platinen geätzt werden, zu ersetzen.

Ich war dann wochenlang damit beschäftigt, die Bauteile auf die regelmässig gebohrte Lochrasterplatine zu löten und mittels Kupferdraht gemäss Schema zu verbinden. Wenn ich heute zurückschaue, kann ich es selber kaum glauben. In Erinnerung geblieben sind mir die zwei Taster am Platinenende mit rund einem Zentimeter Kantenlänge – einer schwarz, der andere rot.

Einmal fertig konnte ich damit eine gewisse Anzahl Joystick-Positionen speichern und dann mit dem anderen Taster abspielen. Die Geschwindigkeit wurde dabei mit einem Potentiometer eingestellt, das mit einem kleinen Uhrmacherschraubenzieher bedient wurde.

Leider habe ich diese Platine zusammen mit dem gesamten C64-System verkauft.»

Cheaten mit dem Action-Replay-Modul

Der Rüttel-Mod ist zwar praktisch, eignet sich aber nur für spezifische Games. Solche, die simpel in der Bedienung sind, aber dennoch oder gerade darum auch bei weniger Technik-Interessierten auf grosse Beliebtheit stossen. Mehr Freude bringt dem Cheater der frühen PC-Ära ein viel mächtigerer Mod.

Ein tolles Werkzeug zum Cheaten: Das Action-Replay-Modul
Ein tolles Werkzeug zum Cheaten: Das Action-Replay-Modul

«Da ich viel spielte und mir einen Vorteil verschaffen wollte, steckte ich irgendwann ein Action-Replay-Modul an meinen C64. Mit diesem konnte ich den Rechner jederzeit einfrieren und den Speicherinhalt ändern. Damit wurden nützliche Dinge möglich, wie etwa in einem Spiel den Kontostand beliebig anzupassen. Die Software des Moduls zeigte dazu beim Einfrieren Speicherstellen an, die für diese Anpassung in Frage kamen. Ein paar Änderungen später war ich König, hatte genügend Gold und konnte die Spiele komplett erkunden und auskosten.»

Wenn dich die Nostalgie packt

Sachas Geschichte hinter dem Kleinanzeigen-Inserat beeindruckt mich. Ausserdem stimmt sie mich selbst etwas nostalgisch, da ich genau nachfühlen kann, wie es wäre, mal wieder vor dem Computer zu sitzen, mit dem ich als erstes viel Zeit verbrachte. In meiner Familie war dies ein IBM 286er mit einem 5,25-Zoll-Floppy-Disk-Drive und einer 20 Megabyte grossen Festplatte. Obschon dieser Computer nur rund fünf Jahre nach dem C64 auf den Markt kam, verfügte die Festplatte im Vergleich zum ROM des Commodore 64 über die 1024-fache Kapazität. Oder die rund 124-fache Kapazität einer Floppy-Disk-Seite.

Es ist diese Wehmut, die Sacha zu seinem Inserat gebracht hat. Er wünscht sich seinen C64 sehnlichst zurück. Schliesslich hat seine Zeit mit dem Brotkasten vieles entscheidend beeinflusst. Seinen Job oder auch den Musikgeschmack. Video Game Soundtracks wie die kratzigen Sägezahnmelodien von Chris Hülsbeck oder auch Demos der «Scene» hört er sich auch heute noch gerne an.

Es wäre für ihn das Grösste, seinen C64 wieder in den Händen zu halten. «Ich hoffe, dass er noch irgendwo auf einem Schweizer Dachboden auf mich wartet.»


Hast du Sachas C64 gesehen oder gar in deiner Sammlung? Dann melde dich bitte entweder direkt aufs Inserat oder bei der Redaktion: martin.jud@digitecgalaxus.ch

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Martin Jud
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Editor, Zürich

Der tägliche Kuss der Muse lässt meine Kreativität spriessen. Werde ich mal nicht geküsst, so versuche ich mich mittels Träumen neu zu inspirieren. Denn wer träumt, verschläft nie sein Leben.

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