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Shutterstock/Larisa Rudenko
Meinung

Wir haben die Rechnung ohne Handgelenk mal Pi gemacht

Dieser Text ist ungefähr so lang wie ein Popsong. Statt es übertrieben genau zu nehmen, würdigt er die Welt der Prisen, Handgelenke und Kleinstaaten – weil uns grobe Vergleiche den nötigen Spielraum lassen.

Ich liebe es, zu vergleichen. Das tun wir doch alle. Sobald wir ungefähr wissen, was wir wollen, wollen wir es ganz genau wissen – und vertiefen uns ins kleinste Detail. Beäugen Pixeldichten von Bildschirmen und vergleichen Prozentsätze recycelter Baumwolle. Lernen alles über OLED, QNED und WLTP. Im unüberschaubar gewordenen Angebot an Waren, Nachrichten und Meinungen holen wir uns so ein Gefühl von Kontrolle zurück.

Dabei ist das Leben viel schöner, einfacher und verbindender, wenn wir nicht alles auf die Goldwaage legen. Weder Worte noch Produktspezifikationen. Das wurde mir vor ein paar Tagen mal wieder bewusst, als ich einen nagelneuen Rucksack neben einen alten Abfallsack gestellt habe. Rein zu Vergleichszwecken, versteht sich.

Familie Sack. Links Züri, rechts Ruck.
Familie Sack. Links Züri, rechts Ruck.

Ich habe kurz darüber nachgedacht, ob ich das «einfach so» machen kann. Oder ob ich es mir zu einfach mache. Deshalb hat mich diese Reaktion gefreut.

Klar, der Vergleich als solches ist top. Kennen alle. Können sich alle was darunter vorstellen. Auf ner Galaxus Platform? Gewaaagter Vergleich. Super!
Community-Mitglied 01010101

Ebenso schön fand ich den nachgeschobenen Hinweis, dass die offizielle Einheit in den Medien doch das Fussballfeld sei. Stimmt. Mein Kollege Luca schrieb schon 2018: Wenn dein 65-Zoll-Fernseher so gross wie ein Fussballfeld wäre, dann hätte ein einziges Pixel die Grösse eines Fünflibers. Ein Paradebeispiel dafür, dass Bilder im Kopf nicht nur funktionieren, sondern den Reflex austricksen, es noch genauer wissen zu wollen.

Urlaub im Ungefähren

Ich freue mich über die Verbindung, die solche Bilder schaffen können. Nicht nur in der Kommentarspalte, sondern generell in unseren Köpfen. Weil sie uns ermöglichen, gemeinsam Urlaub im Ungefähren zu machen. Dabei entsteht der gedankliche Spielraum, den es braucht, um sich grob auf etwas zu einigen. Mit sich selbst und den eigenen Vorstellungen. Und mit anderen.

Das fängt schon bei den Begriffen an. Wir haben uns an die extrem genauen, aber kleingeistigen und immer unfassbarer gewordenen Einheiten gewöhnt, die absolute Wahrheiten versprechen: Mikrogramm, Milliwatt, Nanometer. Wir können alles Mögliche messen und bis ins Kleinste vergleichen. Das schafft neue Möglichkeiten, hat aber in vielen Fällen wenig bis keinen Einfluss auf unser alltägliches Leben.

Verfluchte Feinwaage.
Verfluchte Feinwaage.
Quelle: Screenshot galaxus.ch

Zumindest keinen positiven, weil der kleinste gemeinsame Nenner kaum noch zu finden ist. Stattdessen werden feinste Unterschiede hervorgehoben, als wären sie revolutionär. «Gleich gut» akzeptieren wir nicht mehr. Wo wir es können, sortieren wir unsere Welt in «besser» oder «schlechter».

Beim ersten «toten Rennen» auf dem Freehold Raceway in New Yersey gab es 1953 einfach drei Sieger. Heute hätten wir Platz 1, 2 und 3 vermutlich sauber getrennt.
Beim ersten «toten Rennen» auf dem Freehold Raceway in New Yersey gab es 1953 einfach drei Sieger. Heute hätten wir Platz 1, 2 und 3 vermutlich sauber getrennt.
Quelle: gemeinfrei

Alle meine Quäntchen

Was früher präzise genug war, steht heute sprichwörtlich dafür, es nicht ganz so genau zu nehmen: Prise, Quäntchen, Elle. Wörter, die Bilder aufmachen und ein bisschen Interpretationsspielraum zulassen. Mit einer Prise mehr Gelassenheit gäbe es weniger Verzweifelte, die vor dem Salzen im Netz nach genaueren Informationen suchen.

Ich versuche verzweifelt, eine visuelle Referenz für eine Prise Salz zu finden.
Reddit-User

Mit einem Quäntchen Glück sind die feinen Unterschiede, mit denen wir die damit einhergehenden Freiheiten interpretieren, das Salz in der Suppe des Alltags. Und etwas mehr Flexibilität würde uns ellenlange Diskussionen ersparen. Wir führen sie trotzdem bei den kleinsten Anlässen – gerne auch mit uns selbst – und werden von Geschichtenerzählern zu Erbsenzählern.

Kein Fussballplatz. Nur eine kleine Aufgabe für Erbsenzähler.
Kein Fussballplatz. Nur eine kleine Aufgabe für Erbsenzähler.

Wales funktioniert

Wie gut tun da zur Abwechslung ein paar Bilder. Urlaub im Ungefähren machen wir bevorzugt bei den grossen Zusammenhängen. Gerne weit weg von dem, was uns direkt betrifft. Von dort bringen vor allem Journalistinnen und Journalisten Sprachbilder mit, um Grössen in Relation zu setzen. In Grossbritannien muss die «Size of Wales» als Standard herhalten, wenn irgendwo auf der Welt der Wald brennt oder ein Eisberg abbricht.

Wales ist ungefähr halb so gross wie die Schweiz. Und achtmal so gross wie das Saarland, Deutschlands kleinstes und liebstes Referenz-Bundesland. Wer weiss schon, was das für Dimensionen sind. Aber selbst der blasseste Schimmer davon ist besser als eine konkrete Zahl, weil wir immerhin gemeinsam einen blassen Schimmer haben.

Wer weiss schon, wie gross Wales wirklich ist? Trotzdem ein schönes Bild.
Wer weiss schon, wie gross Wales wirklich ist? Trotzdem ein schönes Bild.
Quelle: Shutterstock/Pajor Pawel

Was bei unfassbar grossen Zusammenhängen so gut funktioniert, kann auch im Kleinen eine gute Strategie sein, um der Welt zu begegnen. In vielen Fällen reicht Augenmass statt massloser Detailversessenheit. Für mich eine Erkenntnis, mindestens so gross wie ein Fussballplatz. Der taugt als schönes Sinnbild dafür, dass wir das Augenmass verlieren, wenn wir zu genau hinschauen und keine unterschiedlichen Sichtweisen mehr akzeptieren.

Viele Perspektiven, viele Wahrheiten

Erst durfte nur das Fernsehpublikum viel genauer hinschauen. Mit Superzeitlupen, Standbildern und zig Perspektiven. Inzwischen suchen Videoschiedsrichter mit Lupen und Linien nach der einen, absoluten Wahrheit, die es oft nicht gibt. Referees stehen mit ernster Miene vor Bildschirmen, nur um aus jeder gezeigten Perspektive eine andere Wahrheit zu sehen. Für sich genommen eine schöne Erkenntnis. Aber die Technik tötet den Spielraum, sie einzugestehen.

Er weiss es doch auch nicht so genau.
Er weiss es doch auch nicht so genau.
Quelle: Wikimedia Commons/Werner100359/CC BY-SA 4.0

Wer dagegen mit Augenmass handelt, muss Gespür für eine Situation beweisen. In dem Wissen, dass andere es anders sehen können. Und in der Hoffnung auf Verständnis.

π x (Körperteil deiner Wahl)

Schön wäre es, häufiger mal zu sagen: Ich bin nicht ganz bei dir, aber fast. Es ist nicht ideal, aber Handgelenk mal Pi passt das. Oder Pi mal Daumen, wie man in Deutschland sagt. Oder Daumen mal Pi, was in Österreich gebräuchlich zu sein scheint – und auf das Gleiche rausläuft.

Naja, nur wenn die Multiplikation in einer kommutativen algebraischen Struktur stattfindet.
Reddit-User

Wer selbst Redensarten zerredet, bis sie keinen Spass mehr machen, sondern Mathematik sind, schiesst über das Ziel hinaus und hält es im Ungefähren wirklich nicht mehr aus.

Mein über den Daumen gepeilter Vorschlag für ein angenehmes Zusammenleben lautet: Abgeleitet aus der Erkenntnis, dass das Leben unberechenbar ist, solltest du dir stets ein Bild machen, es aber nur in ausgewählten Fällen ganz genau nehmen. Ansonsten lieber mit einer Prise Humor.

Und frag mich jetzt bitte nicht, wie viel das sein soll.

Diese Goldwaage, auf die du meine Worte bitte nicht legen sollst, ist genau genommen aus Holz.
Diese Goldwaage, auf die du meine Worte bitte nicht legen sollst, ist genau genommen aus Holz.
Quelle: Wikimedia Commons/Paulgerhard/CC BY-SA 4.0
Titelbild: Shutterstock/Larisa Rudenko

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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


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