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Xiaomi lädt Smartphone in 8 Minuten auf: Klingt super, hat aber Haken

Jan Johannsen
Hamburg, am 03.06.2021

Dank Schnellladetechnologien sind die Zeiten vorbei, in denen du dein Handy über Nacht aufladen musstest. Xiaomi hat gerade demonstriert, wie der Akku eines Smartphones in acht Minuten vollständig aufgeladen wird. Das ist beeindruckend, aber wie so oft, gibt es mindestens einen Haken an der Sache.

Am 31. Mai 2021 veröffentlichte Xiaomi ohne großes Tamtam ein Video aus der eigenen Entwicklungsabteilung. In diesem lädt ein 200-Watt-Netzteil ein modifiziertes Mi 11 Pro in acht Minuten vollständig auf. Der Akku des Smartphones hat allerdings nur eine Kapazität von 4000 mAh. Die Batterie im Serienmodell ist mit 5000 mAh größer.

Trotzdem ist es beeindruckend, wie schnell der komplett leere Akku lädt. Nach 44 Sekunden sind es 10 Prozent, nach 3:23 Minuten 50 Prozent und in sogar knapp unter 8 Minuten 100 Prozent. Da brauche ich morgens im Bad länger.

Das Video von Xiaomi ist ein Blick in die mögliche Zukunft. Aktuellen Smartphones liegt derzeit maximal ein 65-Watt-Netzteil bei. Dieses läd zum Beispiel beim OnePlus 8T schon sehr schnell. In 20 Minuten von 38 auf 90 Prozent bei einem 4500-mAh-Akku.

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Xiaomi hat sich nicht dazu geäußert, wann das 200-Watt-Netzteil serienreif sein soll. Da so viel Ladepower aber nicht nur Vorteile mit sich bringt, könnte es auch sein, dass es beim Proof-of-Concept bleibt.

Kapazität wird kleiner

Schon im Beispiel von Xiaomi fällt auf, dass der Akku eine geringere Kapazität als das Serienmodell des verwendeten Smartphones hat. Das liegt sehr wahrscheinlich daran, dass die Trennung zwischen dem positiven und negativen Pol der Batterie für schnelleres Laden dicker sein muss, damit die Elektronen nicht direkt von Pol zu Pol springen, sondern den Umweg nehmen, auf dem sie Energie abgeben. Das führt beim bereits erwähnten OnePlus 8T beispielsweise dazu, dass zwei kleinere statt einem größeren Akku verbaut sind. Gut fürs schnelle Laden, schlecht für die Ausnutzung des begrenzten Raumes im Smartphone.

Hitzeentwicklung

Je schneller der Akku geladen wird, desto mehr bewegen sich die Elektronen in der Batterie. Mehr Bewegung bedeutet allerdings auch mehr Hitze. Das ist für kurze Zeit nicht schlimm, verringert aber langfristig die Leistungsfähigkeit des Akkus. Dieser Verlust ist ein natürlicher Vorgang, geht allerdings schneller voran, desto wärmer der Akku ist. Eine Steigerung von 30 auf 40 Grad soll zum Beispiel die Kapazität innerhalb eines Jahres um 40 statt nur um 20 Prozent reduzieren.

Wegen der Hitzeempfindlichkeit solltest du dein Smartphone beim Laden auch möglichst wenig benutzen. Dadurch wird es nur noch wärmer. Auch wenn es verlockend sein mag beim Zocken nicht zusehen zu müssen, wie die Prozente in der Akkustandanzeige purzeln. Deswegen hat Asus zum Beispiel das ROG Phone mit einem Modus – Bypass Charging – versehen, bei dem zwar ein Stromkabel anschließt, die Energie aber zum Betrieb und nicht zum Laden des Akkus genutzt wird.

Die Hitzeempfindlichkeit ist auch ein Grund, das Kabel dem kabellosen Laden vorzuziehen. Das erwähne ich, weil Xiaomi in seinem Video neben dem 200-Watt-Laden-mit-Kabel auch Wireless Charging mit 120 Watt zeigt. Ebenfalls verlockend schnell. Allerdings wird für die kabellose Übertragung mehr Energie benötigt und mehr Energie bedeutet mehr Wärme.

Kabellose Ladegeräte verleiten zudem dazu, das Smartphone dauerhaft auf ihnen stehenzulassen. Selbst wenn der Akku zu 100 Prozent geladen ist. Das ist nicht ideal. Der Idealzustand wäre ein Ladestand von 50 Prozent. Dann sind die Elektronen am positiven und negativen Pol ausgeglichen und die Batterie am wenigsten belastet.

Laden wird langsamer, je voller der Akku ist

Wenn du dir die Ankündigung von Smartphones mit Schnellladetechnologien aufmerksam anschaust, dann fällt auf, dass die Hersteller oft nur sagen, wie schnell die ersten 50 Prozent geladen werden. Das liegt daran, dass der Ladevorgang mit zunehmendem Ladestand langsamer wird. Die erste Hälfte geht deswegen beeindruckend schnell und meistens schneller als die letzten 25 bis 20 Prozent. Je voller die Batterie ist, desto weniger greift sie auf die maximal vom Netzteil gebotene Wattzahl zurück, um sich selber zu schützen.

Xiaomi hat in seinem Video ein Messgerät angeschlossen, auf dem die aktuelle Leistung in Watt zu sehen ist. Nachdem etwa 50 Prozent Ladestand erreicht sind, nimmt die Wattzahl ab.

Wer die Nachteile kennt, kann versuchen, sie zu umgehen

Schnellladetechnologien sind also nicht perfekt. Aber wenn man die Nachteile kennt, kann man versuchen, ihre Auswirkungen zu minimieren. So denken zumindest einige Smartphone-Hersteller und kommen immer wieder auf neue Ideen.

Dazu gehört zum Beispiel eine Slow-Charge-Option. Klingt merkwürdig, aber angesichts der beschriebenen negativen Auswirkungen des schnellen Ladens, erscheint es durchaus sinnvoll, den Akku langsam zu laden, wenn die Zeit dafür vorhanden ist.

Manch ein Netzteil ist inzwischen in der Lage, mit dem Smartphone zu kommunizieren. Es erkennt dadurch, wenn der Akku fast voll ist und pausiert das Laden. Langfristig erhöht sich so die Lebensdauer des Akkus. In Ermangelung von Standards gilt das allerdings leider oft nur für ein Smartphone und sein Original-Netzteil.

Das iPhone und einige Android-Modelle haben sich sogar an die Gewohnheit vieler Menschen, das Smartphone über Nacht aufzuladen, angepasst. Durch Beobachtung oder gestellte Wecker, wissen sie, wann du aufstehen willst. Der Akku wird zuerst nur zu etwa 50 Prozent geladen und der Rest zielgenau zur Aufstehzeit aufgefüllt.

Wo liegt der Sweetspot?

Die spannende Frage lautet nun: Wo ist der Sweetspot? Welches Verhältnis von Ladetempo, Akkukapazität und Lebensdauer ist sinnvoll?

Ich bin im Alltag schon sehr zufrieden, wenn das Smartphone in einer guten halben Stunde viel Energie nachtankt. Acht Minuten sind zwar deutlich schneller, aber der Zeitgewinn ist mir an dieser Stelle keinen kleineren Akku wert. Und dann ist da noch die Lebensdauer: Auch wenn das Laden schneller geht, will ich nicht bereits nach einem Jahr mit deutlich weniger Leistung auskommen müssen. Die meisten Hersteller dürften eine Nutzungsdauer von zwei, drei Jahren einplanen. Mehr wäre aber wünschenswert.

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Jan Johannsen
Content Development Editor
jan.johannsen@galaxus.de

Als Grundschüler saß ich noch mit vielen Mitschülern bei einem Freund im Wohnzimmer, um auf der Super NES zu spielen. Inzwischen bekomme ich die neueste Technik direkt in die Hände und teste sie für euch. In den letzten Jahren bei Curved, Computer Bild und Netzwelt, nun bei Galaxus.de. 


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