Zum Verrücktwerden: 20 Jahre lang verhandeln wegen Spider-Man

Zum Verrücktwerden: 20 Jahre lang verhandeln wegen Spider-Man

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 01.10.2019

Schien Spider-Man bereits aus dem Marvel Cinematic Universe ausgeschieden, haben sich Sony und Disney nun doch noch auf eine Zusammenarbeit einigen können. Tatsache ist, dass das Tauziehen um die Spidey-Rechte bereits seit 20 Jahren andauert.

Spider-Man kehrt doch noch ins Marvel Cinematic Universe (MCU) zurück, wie das US-amerikanische Branchenmagazin Variety am vergangenen späten Freitagabend berichtet hat. Dies, nachdem sich Marvel-Besitzer Disney und Sony einen knappen Monat zuvor nicht über die Modalitäten einer gemeinsamen Weiterführung des Franchises haben einigen können.

Damit nimmt die Sache für die Fans eine gute Wendung, nachdem Spider-Man bereits aus dem MCU ausgeschieden schien. Dies wäre auch einem PR-Debakel gleichgekommen. Nicht nur, weil «Far From Home» mit einem Knall geendet hat, das es in kommenden Filmen zu erforschen gilt. Sondern vor allem, weil Tom Hollands Spider-Man als die beste Real-Inkarnation der Comic-Figur gilt, die die Leinwand bisher gesehen hat.

Aber was viele Fans womöglich gar nicht wissen: Das Tauziehen um Spider-Man hat bereits vor 20 Jahren begonnen. Und dessen Geschichte hat’s in sich.

Marvel verliert die Filmrechte an Spider-Man

Rückblende in die 1990er. Marvel steht kurz vor dem Konkurs. Um nicht unterzugehen, sieht sich der Comic-Gigant gezwungen, die Filmrechte seiner beliebtesten Comic-Franchises zu verkaufen. «Fantastic Four» und «X-Men» gehen an 20th Century Fox – das Studio gehört mittlerweile genau wie Marvel zu Disney –, «The Hulk» wird an Universal verscherbelt und «Spider-Man» findet ein neues Zuhause bei Sony.

Die Kino-Erfolge der verkauften Franchises, insbesondere jene von «X-Men» und «Spider-Man», halten Marvel über Wasser. Gerade so. Denn viel vom eingespielten Geld sieht das Comic-Unternehmen nicht. «Wir haben den grössten Teil unseres Geschäfts verschenkt», trauert Avi Arad, damals CEO von Marvel Films, den Filmrechten nach.

Knapp zehn Jahre später die Wende: Marvel, das sich finanziell einigermassen erholt hat, tauft Marvel Films in Marvel Studios um, setzt Kevin Feige an dessen Spitze und beginnt, selbstständig Filme zu produzieren. 2008 lanciert das Studio mit der weniger populären zweiten Superhelden-Riege das MCU. «Iron Man», «Thor» und «Captain America» machen den Anfang. «The Incredible Hulk» kriegt dank einem Spezial-Deal mit Universal ebenfalls einen Solo-Film.

Dann der Auftritt Disneys. 2009 kauft das amerikanische Unternehmen Marvel – und damit Marvel Studios – für eine Summe von 4,24 Milliarden Dollar. Ein Schnäppchen. 2012 folgt mit «The Avengers» der erste komplett unter den Fittichen Disneys produzierte und vertriebene Marvel-Studios-Film.

Er spielt 1,518 Milliarden Dollar ein.

Mittlerweile haben die MCU-Filme mehr als 18 Milliarden Dollar in Disneys Kassen gespült. Deutlich höher dürften die Einnahmen aus den Merchandise-Rechten sein. Die einstige zweite Superhelden-Riege hat der ersten schon lange den Rang abgelaufen. Nur Spider-Man, das Kronjuwel der Marvel-Comics, bleibt Gegenstand hitziger Debatten zwischen dem Haus der Maus und den Filmrechte-Inhaber Sony.

Spider-Man kehrt zu Marvel zurück – vorübergehend

Nach Sam Raimis gefeierter Spider-Man-Trilogie läuft’s der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft nicht mehr rund. Zumindest nicht im Kino.

Anno 2014 muss sich Sony das Scheitern seines Spider-Man-Reboots eingestehen: Die beiden «Amazing Spider-Man»-Filme sind sowohl von Kritikern als auch vom Publikum zerrissen worden. Sony sieht sich in die Ecke getrieben. Das ruft Disney auf den Plan: Marvel Studios hat gerade erst mit Filmen wie «Captain America: The Winter Soldier» und «Guardians of the Galaxy» neue Standards für Comic-Verfilmungen gesetzt – sowohl künstlerisch als auch an den Kinokassen. Jetzt will Marvel auch Spider-Man ins MCU holen.

Sony bleibt keine andere Wahl, als ein Zugeständnis zu machen.

Der Überraschungserfolg, der Marvel Studios Position an der Spitze der Comic-Verfilmungen zementiert hat: «Guardians of the Galaxy»
Der Überraschungserfolg, der Marvel Studios Position an der Spitze der Comic-Verfilmungen zementiert hat: «Guardians of the Galaxy»

Ein Deal entsteht, der Spider-Man neues Leinwandleben einhauchen soll: Marvel Studios «leiht» seinen Chef und Mastermind hinter dem Marvel Cinematic Universe, Kevin Feige, an Sony aus, um zwei Spider-Man-Filme zu produzieren und ins MCU einzugliedern – «Homecoming» und «Far From Home».

Sony übernimmt dafür die Produktionskosten. Disney behält die Merchandise-Rechte und die damit verbundenen Gewinne sowie 5 Prozent der Ticketeinnahmen an den Kinokassen. Sony hingegen bleiben die restlichen 95 Prozent der Kinoeinnahmen sowie die Filmrechte. Aber: Spider-Man darf in drei weiteren Marvel-Filmen vorkommen, die von Marvel Studios produziert werden: «Civil War», «Infinity War» und «Endgame».

Damit gehört Spidey offiziell zum MCU.

Am Schluss gewinnen alle: Im August 2019 hat sich «Spider-Man: Far From Home» zu Sonys umsatzstärkstem Film aller Zeiten geschwungen: 1,130 Milliarden Dollar spielt er weltweit ein; auf Platz zwei in Sonys interner Rangliste liegt «James Bond: Skyfall» aus dem Jahr 2012 mit 1,108 Milliarden Dollar.

Aber Disney ist überzeugt: Ohne Kevin Feiges Produzenten-Power wäre ein derart grosser Erfolg Spideys nicht möglich gewesen. Eine höhere Gewinnbeteiligung sei daher nichts anderes als gerechtfertigt. Sony hält dagegen. Es kommt zum Streit. Die Zusammenarbeit wird per sofort beendet.

Spider-Man ist raus aus dem MCU.

Ein Streit, den niemand so recht glauben will

«Wir sind enttäuscht, aber respektieren Disneys Entscheidung», sagt ein Sony-Verantwortlicher im August 2019 zur US-Fachzeitschriftt The Hollywood Reporter.

Berichten zufolge will Disney den auslaufenden Vertrag dahingehend modifizieren, dass künftig sowohl die Einnahmen als auch die Produktionskosten gleichmässig aufgeteilt werden. Zudem will Disney den Vertrag auf weitere Spider-Man-Charaktere ausweiten – etwa auf Venom.

Venom ist momentan Sonys finanzstärkstes Pferd im Stall – nach Spider-Man.
Venom ist momentan Sonys finanzstärkstes Pferd im Stall – nach Spider-Man.

Ein Angebot, das Sony stinkt. Erstens, weil die Einnahmen von «Far From Home» im Verhältnis zu den 160 Millionen Dollar schweren Produktionskosten deutlich grösser sind – eine gleichmässige Beteiligung an Einnahmen- und Kosten wäre nur Disney zugute gekommen. Zweitens, weil «Venom» anders als «The Amazing Spider-Man» an den Kinokassen mit 856 Millionen Dollar überzeugt hat. Warum also den so erfolgreichen Charakter Disney überlassen, wenn es keinen zwingenden Anlass dazu gibt?

Zudem hat Sony mit «Spider-Man: Into the Spider-Verse» gerade erst den Oscar für den besten Zeichentrickfilm eingeheimst und bewiesen, dass das Studio doch nicht so stark von Disney abhängig ist wie angenommen: Beide Seiten sehen sich selbst als jene, die am längeren Hebel sitzt. Als sich Sony und Disney vom Verhandlungstisch erheben und das Ende von Spidey im MCU verkünden, ahnen die meisten Branchenexperten bereits, dass beide Parteien nur eines im Sinn haben.

Einen Bluff.

Disney und Sony sind nicht ganz so kollaborativ wie Spider-Man und Mysterio.
Disney und Sony sind nicht ganz so kollaborativ wie Spider-Man und Mysterio.

Kein Experte, Analyst oder Journalist glaubt ernsthaft daran, dass die umsatzgetriebenen Aktiengesellschaften, die The Walt Disney Company und Sony nunmal sind, zukünftig auf eine derart lukrative Zusammenarbeit verzichten wollen. Und es ist kein Geheimnis, dass «Homecoming» und «Far From Home» gerade wegen der geballten Zugkraft des MCUs und dessen Charakteren so erfolgreich ist: Wenn Robert Downey Jr. aka Iron Man, Samuel L. Jackson aka Nick Fury und Jake Gyllenhaal aka Mysterio die Mentoren-Rolle Spider-Mans übernehmen, dann wollen die Zuschauer das sehen. Ein 1-Milliarden-Dollar-Erfolg ohne sie scheint kaum reproduzierbar zu sein.

Sony weiss das.

«Homecoming»: Ein letztes Mal?

Am 5. September 2019 kommentiert Sony-Pictures-CEO Tony Vinciguerra die Beziehungen zwischen seinem Arbeitgeber und Disney wie folgt: «Die Türen sind geschlossen… für den Moment.»

Vinciguerra gibt den harten Verhandlungspartner, lässt aber ein Türchen offen. Schon zwei Wochen zuvor in Sonys Pressemitteilung hiess es, dass die Verhandlungen auch deswegen gescheitert seien, weil Marvels Kevin Feige «too busy» sei, um einen zusätzlichen Spider-Man-Film für Sony zu machen. Weiss Vinciguerra über Feiges Star-Wars-Verhandlungen mit LucasFilm-Chefin Kathleen Kennedy bescheid?

  • News & TrendsAudio

    Marvel-Produzent Kevin Feige arbeitet an neuem «Star Wars»-Film

Der Druck steigt. Viele Stars zeigen sich enttäuscht über Spider-Mans Ausscheiden aus dem MCU. Darunter Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Anthony Mackie, Sebastian Stan, Jon Favreau – sie spielen Hawkeye, Scarlet Witch, Falcon, den Winter Soldier und Happy Hogan –, und natürlich Tom Holland, der den Spider-Man im MCU gegeben hat. Ihre Enttäuschung überträgt sich auf die Fans, die Sturm laufen und sich gegen Sony erheben. Besonders in den sozialen Medien.

Das spielt Disney in die Karten. Sony sieht sich gezwungen, zurück an den Verhandlungstisch zu kehren. Disneys ursprüngliches Angebot kann zwar in Extremis abgewendet werden, aber die Konditionen verbessern sich trotzdem zugunsten des amerikanischen Konzerns: 25 statt 5 Prozent Umsatzbeteiligung. Etwa gleich hoch will sich Disney an den Kosten beteiligen. Feige gibt wieder den Produzenten – trotz Star-Wars-Projekt. Unangetastet bleiben die Merchandise-Rechte für Disney und die Filmrechte Venoms für Sony. Und: Spider-Man soll überdies in einem weiteren von Marvel Studios produzierten MCU-Film mitspielen.

Spekuliert wird, dass Disney und Sony die letzten beiden Filme nutzen wollen, um den Charakter würdig aus dem MCU zu verabschieden. Wahrscheinlicher scheint aber, dass sich Sony und Disney einfach mehr Zeit erkaufen wollten, um einen neuen, längerfristigen Deal auszuhandeln.

Spider-Mans zweites «Homecoming» scheint dafür perfekt. Das 20-jährige Tauziehen hat ein Ende. Vorerst.

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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.» 


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