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Debora Pape
Kritik

«Black Flag Resynced»: wunderschöne Welt, gelungene Story – aber zu viel Ballast an Bord

Debora Pape
8.7.2026

Das Remake «Assassin’s Creed Black Flag Resynced» poliert Edward Kenways Piraten-Epos optisch brillant auf. Abseits der starken Story und der fantastischen Ortschaften krankt das Spiel aber an alten Ubisoft-Schwächen.

Kleider machen Leute, auch wenn sie geklaut sind. Gerade habe ich, der Pirat Edward Kenway, Schiffbruch erlitten und mich nur mit Fetzen am Leib an den Strand gerettet. Der einzige andere Überlebende schiebt Panik, weil der Gouverneur von Havanna ihn dringend erwartet. Als Pirat erkenne ich Gelegenheiten, wenn ich sie sehe, und das arme Würstchen beißt ins Gras in den Sand. Neben den schicken Klamotten, die ich ihm abnehme, hat er auch ein wertvolles Relikt dabei, das mir der Gouverneur gefälligst versilbern soll. Geld ist alles, was mich interessiert, yo-ho!

Doch der Geizkragen, der zufällig auch noch ein wichtiger Macker im geheimnisvollen Templerorden ist, zahlt nicht so gut, wie ich erwartet habe. Das macht mich sauer und ab jetzt stehen die Templer nicht nur auf meiner persönlichen Todesliste, nein, ich kooperiere sogar mit ihren Erzfeinden, dem Orden der Assassinen.

Aus Frust beschließt Mr. Kenway während einer durchzechten Nacht, sich an den geizigen Templern zu rächen.
Aus Frust beschließt Mr. Kenway während einer durchzechten Nacht, sich an den geizigen Templern zu rächen.

Ungefähr so startet meine Assassinen-Karriere als schnoddriger Captain «Leck mich» Kenway in «Assassin’s Creed Black Flag Resynced». Ursprünglich erschien «Black Flag», das die Hochzeit der karibischen Piraterie zu Beginn des 18. Jahrhunderts thematisiert, bereits 2013. Damals war ich nicht dabei. Doch jetzt wird es als «Resynced»-Remake mit zusätzlichen Inhalten neu aufgelegt und ich hole nach, was ich damals verpasste.

Ubisoft kann einfach Atmosphäre schaffen

Optisch könnte «Black Flag Resynced» ein neuer Titel der «Assassin’s Creed»-Reihe sein. Fans werden sich genauso im Trubel der karibischen Städte verlieren wie «Black Flag»-Veteranen, die sich an der deutlich aufpolierten Grafik und den vielen neuen Details erfreuen können. Ich staune immer wieder, wenn ich sehe, wie den britischen und spanischen Soldaten im Kampf ihre Hüte vom Kopf fliegen.

Wie kaum ein anderer Entwickler erschafft Ubisoft atemberaubende Welten. In Havanna kotzen betrunkene Rotröcke in den Straßengraben, drei Ecken weiter pinkelt jemand an die Wand. Mönche begaffen aufgetakelte Straßendirnen auf der Suche nach Kundschaft, Kaufleute und Damen mit Reifröcken stolzieren durch die verwinkelten Gassen zwischen bunten Hausfassaden. Überall ist was los und ich kann mich an der lebendigen Kulisse kaum sattsehen.

Das Lichtspiel, bunte Häuser und völlig verschiedene Menschen machen die Gassen von Havanna zu einer Augenweide.
Das Lichtspiel, bunte Häuser und völlig verschiedene Menschen machen die Gassen von Havanna zu einer Augenweide.

So finde ich mich öfter ungewollt in einem Kampf wieder, weil ich vor Begeisterung über die schönen Raytracing-Effekte in den Pfützen versehentlich in eine verbotene Zone laufe. Kenway beherrscht sowohl Schleichangriffe als auch den Umgang mit Schwert und Pistole. Dazu kennt er schmutzige Tricks, um Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen.

«Black Flag» vermittelt mir – wie alle Titel der Reihe – das Gefühl, dass ich wirklich in der Spielwelt bin. Hier gefällt mir besonders die Atmosphäre eines Schmelztiegels von Menschen aus fast allen Teilen der Welt: Auf den Straßen höre ich hauptsächlich Spanisch und Englisch, aber auch Französisch und sogar ein paar Fetzen Deutsch.

Auch nachts braucht sich Havanna nicht zu verstecken.
Auch nachts braucht sich Havanna nicht zu verstecken.

Wie von «Assassin’s Creed» gewohnt gibt es in den Siedlungen viel zu entdecken: Nicht nur kleine Extras fürs Spiel, wie neue Shanty-Lieder für meine Schiffscrew, sondern auch Wissenspunkte, die mir mehr über bestimmte historische Bauwerke oder Bräuche erklären. Auch Items in Schatzkisten und Schatzkarten, die mich zu Items in Schatzkisten führen, finde ich zuhauf. Erzählerisch interessante Nebenquests gibt es leider wenige.

Wird mir der Trubel zu viel, gehe ich an den Strand. Dort wogt glasklares, türkisfarbenes Wasser und Kokospalmwedel werfen filigrane Schatten auf den Boden. Ich fühle mich wie im Urlaub. Nur wenige Meter vom Ufer entfernt schimmern unter Wasser bunte Korallen. Und am Kai schaukelt mein eigenes Piratenschiff, die «Jackdaw». Es dient mir nicht nur zur Fortbewegung in der karibischen Inselwelt, sondern auch für den Überfall auf andere Schiffe sowie Hafenfestungen.

Die Karibik ist definitiv sehenswert.
Die Karibik ist definitiv sehenswert.

Beutefahrt mit Wetterkapriolen

Sobald ich Havanna erstmals verlasse und mich frei wie ein Pirat mit dem Schiff aufs Meer begebe, beginnt die Langeweile. Ein großer Teil der Welt besteht aus Wasserflächen. Dazwischen: viele winzige Inseln sowie potenzielle Beuteschiffe. Ich traue mich mit meiner zunächst mager ausgestatteten «Jackdaw» anfangs nur in Seegefechte gegen einfache Gegner.

In dieser Bucht schlage ich mein Hauptquartier auf. Gibt schlimmere Orte auf der Welt, oder?
In dieser Bucht schlage ich mein Hauptquartier auf. Gibt schlimmere Orte auf der Welt, oder?

Mit den Kanonen an Back- und Steuerbord feuere ich Breitseiten ab, nach vorne verschieße ich Kettenkugeln, die gegnerische Schiffe verlangsamen. Über das Heck werfe ich explosive Fässer ins Wasser, um Verfolger aufzuhalten. Manövrierunfähige Gegner entere ich mit meiner Mannschaft, raube ihnen die Ladung und entscheide, ob ich ihr Schiff meiner eigenen Flotte einverleibe oder die Überlebenden freilasse, um meinen Ruf als Schrecken der Meere zu verbessern. Die Schiffe meiner Flotte schicke ich auf Handels- und Kaperfahrten, die später weitere Beute einbringen.

Die zusammengeklaute Ware verkaufe ich später oder nutze sie zum Verbessern meines Schiffchens: Durch neue Bewaffnung und Munition sowie einen robusteren Rumpf werden Kämpfe deutlich einfacher.

Neu in «Resynced» sind «dynamische Wettereffekte». Dezente Lichtblitze in den Wolken am Himmel weisen auf einen heranziehenden Sturm hin. Der kann riesige Wellen, Blitze und Windhosen mit sich bringen. Nichts davon tut meinem Schiff gut, wenn ich es nicht schaffe, rechtzeitig auszuweichen. Plötzlich auftretende Windböen können mich dagegen auch bei schönstem Wetter treffen und das Schiff stark zur Seite drücken.

Tja, wäre dieser Brite eben mal nicht so dicht an die Windhose herangefahren. Das hat er nun davon.
Tja, wäre dieser Brite eben mal nicht so dicht an die Windhose herangefahren. Das hat er nun davon.

Die Wetterkapriolen bringen etwas Pepp in die langwierigen Fahrten über das offene Gewässer. Sie ändern aber nichts daran, dass «Black Flag» auf einer riesigen Karte stattfindet, die zum größten Teil leer ist.

Wenig Abwechslung bei den Nebenaktivitäten

Dass es nicht viel Abwechslung gibt, merke ich auch, als ich einige Nebenaktivitäten ausprobiere. Etwa Plantagen, die es auszurauben gilt. Ich meuchle mich durch die Wachen, bis ich den Schlüssel zum Vorratslager finde. Die arbeitenden Sklaven scheint es nicht zu stören, dass ein Mörder auf den Feldern herumschleicht und das Wachpersonal absticht. Das mache ich auf zwei, drei Plantagen, dann lasse ich weitere Plantageninseln beim Vorbeisegeln links liegen. Auch Schmugglerhöhlen entlocken mir nur ein müdes Lächeln. Im Grunde ist es die gleiche Aktivität: Ich erbeute einen Schlüssel, öffne eine Truhe und ziehe wieder ab. Zum Gähnen.

Anders die militärischen Hafenfestungen. Die verstehen nämlich keinen Spaß, wie ich bei meinem ersten Versuch feststellen muss. Ich nähere mich mit der «Jackdaw» zaghaft einer Festungsinsel, ohne zu wissen, was mich dort erwartet. Die dort stationierten Spanier mögen keine Piraten und machen sofort die Kanonen klar. Gegen neun Verteidigungsstellungen und den Mörser hat mein Schiff keine Chance: Die verdammte Insel schickt mich in kürzester Zeit mit Mann und Maus auf den Grund des Meeres. Und das mehrmals – denn ich beiße die Zähne zusammen und versuche es immer wieder, bis ich einsehe, dass ich die «Jackdaw» vielleicht erst upgraden sollte.

Hier klappt es besser: Wir sind ein wenig lädiert, aber wir schwimmen noch. Diese gegnerische Festung tut niemandem mehr was.
Hier klappt es besser: Wir sind ein wenig lädiert, aber wir schwimmen noch. Diese gegnerische Festung tut niemandem mehr was.

Bis auf diese tödliche Ausnahme wirken meine ersten Spielstunden wegen der vielen Nebenbeschäftigungen einschläfernd auf mich. Dabei hätte es auch anders laufen können, wäre ich einfach der Hauptgeschichte gefolgt. Dafür hätte ich aber einmal quer über die gesamte Karte schippern müssen. Ein Missverständnis meinerseits: Mein Gehirn ist durch zahllose andere Spiele darauf konditioniert, zunächst die Kartenbereiche in meiner Nähe aufzudecken und mich nach und nach in weiter entfernte Gebiete vorzuwagen.

«Nichts ist wahr, alles ist erlaubt»

Nach einem Dutzend Spielstunden setze ich endlich doch Kurs auf die weit entfernte Quest – und wache wieder auf, denn jetzt wird es interessant. Ich bin «Assassin’s Creed»-Späteinsteigerin: Erst in «Origins» schnallte ich mir zum ersten Mal den Armdolch um. Die jüngeren Teile der Spielreihe legen wenig Wert darauf, die Lore des Games erneut zu erklären. Was hat es mit den beiden verfeindeten Orden – den Assassinen und den Templern – auf sich? Was macht einen Assassinen eigentlich aus? Was ist der Animus? Die Hauptgeschichte von «Black Flag» gewährt mir nun endlich Zugang zur Geschichte.

Als Piratenkapitän Kenway interessiere ich mich weder für Templer noch für Assassinen oder gar irgendwelche Ideale. Als mir ein junger Assassine erstmals vom Credo seines Ordens erzählt, «Nichts ist wahr, alles ist erlaubt», verstehe ich ihn nicht. Alles ist erlaubt, gut! Dann kann ich ja weiter plündern und rauben. Entsprechend ablehnend behandeln mich, Kenway, die Angehörigen des Ordens, obwohl ich ihnen helfe. Ich werde geduldet, bin aber nicht gern gesehen.

Vielleicht gibt es in diesem uralten Tempel ja einen ansehnlichen Schatz zu erbeuten?
Vielleicht gibt es in diesem uralten Tempel ja einen ansehnlichen Schatz zu erbeuten?

Ich als Spielerin, die noch mitten in der Hauptgeschichte steckt, finde das erfrischend. Von den neueren «Assassin’s Creed»-Teilen, die ich gespielt habe, kenne ich diese Form der Charakterentwicklung nicht. Zugegebenermaßen hatte ich aber auch nie die Geduld, eines der Spiele bis zum Schluss durchzuspielen und an deren Storys dranzubleiben. Doch in «Black Flag» macht mich die Geschichte neugierig.

Die vielen Videosequenzen, die das Spiel während der Quests einbaut, und allgemein die Dialoge sind wie gewohnt sehr gut. Sprecher und Schauspielerinnen machen einen super Job. Für die Vertonung hat Ubisoft die meisten Stimmen aus dem Original wieder an Bord geholt. In der deutschen Synchronisation kenne ich einige der Stimmen aus Film und Fernsehen.

Oft genug bringen mich die Sequenzen auch zum Lachen: Kenways verwirrter Gesichtsausdruck, eine herbe Beleidigung oder einfach gut auf den Punkt gebrachte Situationskomik lockern den Spielfluss merklich auf. Etwa, wenn eine besiegte spanische Schiffscrew die blumige, englische Triumphrede meines Piratenkollegen nicht versteht und er versucht, einen Übersetzer zu finden.

Was wäre ein Piratenspiel ohne den legendären Piraten Blackbeard?
Was wäre ein Piratenspiel ohne den legendären Piraten Blackbeard?

«Assassin’s Creed Black Flag Resynced» ist ab dem 9. Juli für PC, PS5 und Xbox Series X|S erhältlich. Das Spiel wurde mir zu Testzwecken von Ubisoft für den PC zur Verfügung gestellt.

Fazit

Einige gute Quests in einer hübschen, zu großen Welt

«Alles ist erlaubt» scheint sich das Spiel – und die ganze Spielreihe – zu Herzen zu nehmen: Von sinnbefreiten Sammel-Aktivitäten über halbwegs interessante Nebenmissionen bis zu packenden, filmisch präsentierten Story-Twists ist alles dabei. In der Kernkompetenz, eine authentische Atmosphäre zu schaffen und dadurch das Interesse für die Epoche der karibischen Piraten zu wecken, überzeugt «Black Flag Resynced». Dass Ubisoft ordentliche Quests und Dialoge schreiben kann, beweist das Spiel ebenfalls.

Das Problem liegt in der Welt zwischen den lebendigen Siedlungen. An den meisten Inseln segle ich einfach vorbei: Mir ist es den Aufwand nicht wert, mein Schiff dorthin zu steuern, zum Strand zu schwimmen, den obligatorischen Aussichtspunkt zu erklettern und danach ein paar Kisten sowie eine Schatzkarte zu suchen.

Und auf der anderen Seite ist mir «Black Flag» zu überladen. Spiele ich die persönliche Geschichte meines Spielcharakters? Oder doch eher ein Jump’n’Run-Game? Ist es ein Stealth- oder ein Schiffskampf-Spiel? Oder doch eher Flottenmanagement? Ubisoft haut einfach alles auf die Karte, um für Abwechslung zu sorgen – und verliert dadurch den Fokus.

Pro

  • lebendige, atmosphärische Siedlungen
  • humorvolle Dialog-Einlagen
  • nachvollziehbare, konkrete Hauptstory
  • abwechslungsreiches Kampfsystem

Contra

  • zu leere Welt
  • zu viele ablenkende, repetitive Nebenaktivitäten
Titelbild: Debora Pape

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Fühlt sich vor dem Gaming-PC genauso zu Hause wie in der Hängematte im Garten. Mag unter anderem das römische Kaiserreich, Containerschiffe und Science-Fiction-Bücher. Spürt vor allem News aus dem IT-Bereich und Smart Things auf.


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