Bowers & Wilkins PX7: Grosser Sound für kleine Köpfe

Bowers & Wilkins PX7: Grosser Sound für kleine Köpfe

Livia Gamper
Livia Gamper
Zürich, am 28.11.2019

Der PX7 ist das neue Aushängeschild von Bowers & Wilkins in Sachen kabelloser Over-Ear-Kopfhörer. Das Teil passt am besten auf kleine Köpfe – und hat auch sonst vieles drauf.

Der PX7 von Bowers & Wilkins ist gross. Meine Kollegin lacht mich aus, als sie mich das erste Mal mit den Kopfhörern sieht. Die wuchtigen Ohrmuscheln und der Kopfbügel lassen meinen sowieso schon kleinen Kopf noch kleiner erscheinen.

Der PX7 ist nicht nur gross, sondern auch teuer – deshalb habe ich hohe Erwartungen an den Aushängeschild-Kopfhörer des britischen Herstellers. So viel vorab: Der PX7 erfüllt fast alles, was ich von einem Kopfhörer will.

Kopfhörer
PX7 (ANC)
Bowers & Wilkins PX7 (ANC)
136

PX7 (ANC)
Kopfhörer
Bowers & Wilkins PX7 (ANC)
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Sound: Toll, aber…

Zuerst zum Klang: Grundsätzlich gefällt mir der Sound des PX7 gut, er klingt warm, klar und voll. Jedoch ist Bowers & Wilkins mit dem Trend gegangen: Bass und Höhen sind stark betont. Dieses Sound-Modell wird auch V-Shaped Sound genannt, beziehungsweise geschumpfen. Auch Beats-Kopfhörer funktionieren nach diesem Modell. Die Musik klingt dadurch zwar sehr klar und definiert, jedoch gehen die Mitten unter. In den Mitten sind zum Beispiel Klavier, Gitarre und Gesang zuhause.

Bei Stücken mit viel Bass, etwa bei den meisten HipHop-Songs, ist mir der Bass deutlich zu stark und die Mitten zu wenig ausgeprägt. Beim Stück Somebody to Die For von Hurts fällt mir das besonders auf. Den Anfang des Stücks bringt der PX7 super rüber, die Mitten gefallen mir sehr gut. Aber sobald die tiefen Klänge ab dem ersten Refrain einsetzen, wird der Gesang von Theo Hutchcraft und der Synthesizer vom Bass übertönt und geht in meinen Ohren unter.

Aber: Mit einem Equalizer können die Tiefen gut rausgenommen werden. So kommen auch die Mitten gut heraus. Schade, klingen die PX7 nicht von Haus aus so. Bei den Mitten gibt es nämlich nichts zu verstecken. Leider fehlt in der Bowers & Wilkins Headphones App ein Equalizer. Anpassungen im Soundprofil können nicht auf den Kopfhörern selbst gespeichert werden.

Die Höhen gefallen mir beim PX7 ab Werk sehr gut. Sie klingen klar und hell, aber nicht überdreht.

Die Verarbeitung des PX7 lässt nicht viel zu wünschen übrig.
Die Verarbeitung des PX7 lässt nicht viel zu wünschen übrig.

Eine grosse Schwäche hat der PX7: Beim Telefonieren verstehen mich meine Gesprächspartner manchmal nicht und sie müssen mich meistens auf die volle Lautstärke raufstellen. Kollege Kevin Hofer hat sich den PX7 selbst verfrüht auf Weihnachten geschenkt. Als er mich mit seinem PX7 anruft, fällt mir auf, wie krass Hintergrundgeräusche durchdringen. Ich höre die Personen, die neben Kevin einen Kaffeeklatsch halten, besser als Kevin selbst.

Tragekomfort: Der Klein-Kopf-Kopfhörer

Wenn ich in der digitec-Redaktion einen Kopfhörer zum Testen habe, wollen den immer alle Kollegen ebenfalls ausprobieren. Die Kopfhörer-Klauerei nervt zwar, hat auch einen Vorteil: Ich finde schnell heraus, für welchen Kopftyp welcher Kopfhörer ist. Beim PX 7 ist es so, dass ihn nur Leute mit kleinem Kopf bequem finden.

Leute mit einem grösseren Kopf – das wären vor allem die Kollegen Simon Balissat und Luca Fontana – finden den PX7 unbequem. Die Ohrpolster sind ihnen zu hart und der Kopfhörer sitzt zu eng am Kopf, sie klagen über Druckstellen.

Ich habe einen kleinen Kopf – wenn ich den Bügel so klein wie möglich einstelle, passt mir der PX7 gerade noch. Für mich ist der PX7 bequemer als der Sony WH-1000XM3. Der Kopfhörer von Sony drückt mir oben zu fest auf den Kopf. Das ist beim PX7 nicht so. Der Bügel ist sehr weich gepolstert und drückt auch nach stundenlangem hören nirgends. Ich bin bei Over-Ear-Modellen empfindlich; die Sennheiser Momentum Modelle kann ich nicht länger als zehn Minuten tragen, ohne dass ich sie in die Ecke schmeissen möchte, weil sie mir oben auf den Kopf drücken.

Sehen bei mir riesig aus.
Sehen bei mir riesig aus.

Die Headphones 700 von Bose sind zwar ähnlich bequem wie der PX7, bei Boses Modell klemme ich mir aber immer meine langen Haare zwischen Bügel und Ohrmuschel ein.

Der Bügel des PX7 lässt sich oberhalb der Ohrmuschel stufenlos verstellen. Dabei hängt der überschüssige Teil der Bügel nicht unter der Ohrmuschel hervor – wie das bei Sennheiser-Modellen der Fall ist. Der PX7 wiegt 310 Gramm. Das ist relativ schwer. Die meisten Kopfhörer sind leichter, nur der Sennheiser Momentum 3 wiegt auch über 300 Gramm. Der Bose QuietComfort 35 II wiegt beispielsweise nur 240 Gramm. Mich hat das zusätzliche Gewicht des PX7 aber nicht gestört.

Noise Cancelling: Kann was

Das Noise Cancelling lässt sich in drei Stufen anpassen: niedrig, hoch und automatisch. Den niedrigen Modus habe ich selten gebraucht, da er mir durchgängig zu schwach war. Im höchsten Modus filtert der PX7 Geräusche recht gut weg. Das Rauschen des Zuges oder die Hintergrundgeräusche im Bus höre ich nicht mehr. Auch die mechanischen Klappertastaturen meiner Bürokollegen höre ich meistens nicht.

Der PX7 hat adaptives Noise Cancelling. Das heisst, die Geräuschunterdrückung wird ständig der Umgebung angepasst. Der Lärm wird immer wieder neu analysiert und gefiltert. In der Praxis merkst du davon nichts, es wird einfach ein gewisser Geräuschteppich unterdrückt.

So kannst du den PX7 eindrehen.
So kannst du den PX7 eindrehen.

Den Automatikmodus habe ich nur selten gebraucht, da er mir meistens zu schwach gecancelt hat. Das Noise Cancelling lässt sich auch komplett ausschalten. Eine Umgebungsdurchschaltung wie die AirPods Pro hat der PX7 auch. Den kannst du benutzen, falls du vor hast, jemanden zu belauschen, denn damit hörst Geräusche und Stimmen lauter, als sie eigentlich sind.

Beim Noise Cancelling kommt des PX7 nicht ganz an den Sony WH-1000XM3 und die Bose Headphones 700 ran. Beim PX7 dringen auf der höchsten Stufe vor allem hohe Geräusche und Stimmen gut durch. Steht jemand direkt vor dir, verstehst du mit halblauter Musik, was die Person sagt.

Bedienung und Handling

Der PX7 hat wie der Bose QC 35 II Knöpfe auf der Seite der Ohrmuscheln. Berührungsempfindliche Oberflächen wie etwa die Bose Headphones 700 hat der PX7 keine. Die Tasten hat Bowers & Wilkins so platziert, dass du intuitiv an den richtigen Ort fasst. Am rechten Hörer kannst du zum nächsten Song springen indem zu zweimal auf den Knopf in der Mitte drückst. Dadurch, dass der Knopf etwas heraussteht, weisst du immer, wo die Taste ist. Bei dreimal drücken geht’s einen Song zurück, zum Pausieren drückst du die Taste nur einmal. Mit der Taste darunter stellst du leiser, mit der obersten lauter – alles logisch und einfach.

Am linken Ohrhörer befindet sich die Taste fürs Noise Cancelling. Eine freundliche Frauenstimme sagt an, in welchem Noise-Cancelling-Modus du gerade bist. Die Sprachansagen lassen sich auch ausstellen – sehr angenehm im Gegensatz zu den Headphones 700 von Bose, die eine gruselige Computerstimme haben.

Die Knöpfe ermöglichen eine einfache Bedienung
Die Knöpfe ermöglichen eine einfache Bedienung

Legst du den Kopfhörer ab, pausiert die Musik automatisch. Ziehst du ihn wieder an, geht die Musik weiter. Das funktioniert sehr präzise – aber nur solange du dich nicht bewegst. Wenn du den Kopfhörer während dem Laufen absetzt, pausiert er manchmal gar nicht oder nur noch mit einer grossen Verzögerung. Dafür funktioniert die Pausenfunktion sogar dann, wenn du nur eine Ohrmuschel kurz anhebst.

Zu den Kopfhörern gibt’s auch eine App. Im Gegensatz zu den Kopfhörern von Bose und Sony habe ich die App aber nur am Anfang gebraucht um alles einzurichten. In der App lässt sich viel einstellen: Die Standby-Zeit, die Pausensensorik, oder du kannst dem Kopfhörer einen Namen geben. Du siehst zudem, welche Geräte mit dem Kopfhörer verbunden sind. Es lassen sich beim PX7 gleichzeitig zwei Geräte verbinden. Einen Equalizer suchst du in der App vergeblich. Am Anfang hatte die App bei mir Verbindungsprobleme oder stürzte plötzlich ab, die Probleme sind aber später verschwunden.

So sieht die Bowers & Wilkins Headphones App aus
So sieht die Bowers & Wilkins Headphones App aus

Der Akku des PX7 hält gefühlt ewig: Bowers & Wilkins gibt eine Laufzeit von 30 Stunden an. Mit durchgehend aktiviertem Noise Cancelling haben sie bei mir nach etwas mehr als 20 Stunden aufgegeben. Leider lässt sich der PX7 mit leerem Akku nicht per Kabel nutzen. Ist der Kopfhörer aus, bleibt er auch mit dem mitgelieferten Klinkenkabel tot.

Bluetooth Verbindung: Super

Der PX5 – die On-Ear-Version des PX7 – und der PX7 sind die ersten Kopfhörer, die Qualcomms neuesten AptX-Adaptive-Bluetooth-Standard verbaut haben. Dieser Bluetooth-Codec passt die Audio-Bitrate im Vergleich zu AptX Classic, Low Latency und AptX HD laufend an. Die Bitraten liegen dabei im Bereich von 279kbps und 420kbps für CD- und Hi-Res-Musik. Im Vergleich zu AptX HD ist die Bitrate aber immer tiefer – AptX HD liegt bei 576kbps.

Mit meinem Xiaomi Mi 9t Pro Handy konnte ich Aptx Adaptive nutzen. Ich hatte nie Verbindungsunterbrüche und auch keine Latenzen beim Videogucken – Netflix und Youtube funktionieren wie es sein soll. Der Kopfhörer merkt sich bis zu acht Verbindungen und koppelt diese immer sehr schnell. Für iOS-Geräte hat der PX7 den AAC-Codec verbaut.

Bluetooth-Audio: Der Teufel steckt im DetailBluetooth-Audio: Der Teufel steckt im Detail
Knowhow

Bluetooth-Audio: Der Teufel steckt im Detail

Der neue Codec funktioniert ab Android 9, ist aber abwärtskompatibel. Hast du eine ältere Android-Version, hörst du AptX oder AptX HD. Es ist also immer der bestmögliche Codec aktiv.

Sonys WH-1000XM3 hat mit LDAC noch einen etwas besseren Codec verbaut – sobald du aber bei Sony den Equalizer der App nutzt, hörst du nur noch mit AptX. Der QuietComfort 35 II und die Headphone 700 von Bose haben gar kein AptX, was für Android-User ein Nachteil ist.

Im Lieferumfang des PX7 ist ein graues, festes Stoffcase. Das ist praktisch, damit der Kopfhörer nicht zerdrückt wird. Weil sich die Ohrmuscheln nicht einklappen lassen, ist das Case recht gross und es braucht wegen seiner sperrigen Form extrem viel Platz im Rucksack. Ich hatte den PX7 deshalb immer ohne Case dabei. Er ist mit seinen Carbonbügeln robust genug. Mir ist der Kopfhörer in der Tasche unter ein dickes Buch und den Laptop gekommen, das hat ihm aber nichts ausgemacht. An den Ohrmuscheln hat er auf den Seiten jeweils ein Metallplättchen, was gut aussieht und die Treiber von aussen schützt.

Links das Case des Sennheiser Momentum 3, in der Mitte das des PX7 und rechts jenes des Sony WH-1000XM3
Links das Case des Sennheiser Momentum 3, in der Mitte das des PX7 und rechts jenes des Sony WH-1000XM3

Im Gegensatz zu den Kopfhörern von Bose und Sony hat der PX7 keine kalte Plastikverkleidung, sondern eine angenehme Stoffoberfläche. Der Stoff ist schmutzabweisend: Die Spuren einer kaputt gegangenen, verschmierten Banane brachte ich gut wieder weg.

Fazit: Fast perfekte Mickey-Mouse-Kopfhörer

Ich mag den PX7. Auch wenn der Preis happig und der Kopfhörer riesig ist. Ich hatte hohe Erwartungen an den PX7 und diese hat er erfüllt: Der bequeme Sitz, die einfache Bedienung und die technischen Details überzeugen mich. Der Sound gefällt mir – mit feinen Anpassungen am Bass – sehr gut. Das Noise Cancelling könnte etwas stärker sein, aber es tut seinen Job.

Es wäre schön gewesen, wenn sich die Ohrmuscheln einklappen liessen. So könnte der PX7 platzsparender transportiert werden. Dafür sind die Bügel sehr robust, sehen nicht aus, als ob sie auseinanderfallen würden und geben dem PX7 einen coolen Look..

Für mich erfüllt der PX7 fast alle Ansprüche, die ich an einen Kopfhörer habe: Guter Sitz, guter Sound, gutes Noise Cancelling. Er ist bequem, hat eine gute Bluetooth-Verbindung und eine gute Laufzeit. Nur das Mikrofon fürs Telefonieren dürfte besser sein.

An Leuten mit kleinem Kopf sieht der PX7 zwar aus wie Mickey-Maus-Ohren, dafür ist er so bequem, wie es selten ein Over-Ear-Kopfhörer ist. Leuten mit einem kleinen Kopf kann ich den PX7 guten Gewissens empfehlen – wer einen grösseren Kopf hat, sollte ihn vorher unbedingt anprobieren.

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Livia Gamper
Livia Gamper

Junior Editor, Zürich

Experimentieren und Neues entdecken gehört zu meinen Leidenschaften. Manchmal läuft dabei etwas nicht wie es soll und im schlimmsten Fall geht etwas kaputt. Ansonsten bin ich seriensüchtig und kann deshalb nicht mehr auf Netflix verzichten. Im Sommer findet man mich aber draussen an der Sonne – am See oder an einem Musikfestival.

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