
Meinung
Küchengeräte mit Touchbedienung treiben mich in den Wahnsinn
von Simon Balissat

In «Die Verkrempelung der Welt» beschreibt Autor Gabriel Yoran den alltäglichen Ärger mit Produkten, die früher nie ein Ärgernis waren. Der Zustand der Dinge war schon mal besser – und es ist gut, die Gründe dafür zu hinterfragen.
Alles beginnt mit einer Herdplatte und einem Post. Es ist Februar 2022, als Gabriel Yoran ein Bild seines neuen Induktionsherdes auf (damals noch) Twitter teilt. Die Bedienstufen seines Herdes sind irgendwas zwischen Postleitzahl, Hausnummer und ägyptischen Hieroglyphen. Es bräuchte dazu keinen Text. Doch da dies das Internet ist, tippt er einen Klassiker ein.
Niemand:
Wirklich keiner:
AEG-Ingenieure: 0 1 3 5 8 10 14 A
Yoran versteht die Produktwelt nicht mehr, aber die Netzwelt ihn. Seinem Post fliegen die Herzen genauso zu wie diesem Beitrag meines Kollegen Simon Balissat, der schon ein paar Monate früher erschien.
Viele sind genervt davon, dass einfache Dinge auf einmal kompliziert gemacht werden – und uns das als Fortschritt verkauft wird. Vermutlich hast du auch schon mehr als einmal fluchend vor der modernen Version eines Geräts gestanden, das früher selbsterklärend war. Und hast dich gefragt, warum das heute nicht mehr so ist.
Simon interviewt dazu einen Design-Professor, der die Meinung vertritt, dass Touchscreens nicht ins Auto oder in die Küche gehören, aber dort landen, weil sie wenig kosten und modern aussehen. Und Gabriel Yoran macht sich an die Recherche für ein Buch, um dem Stand der Dinge des Alltags auf den Grund zu gehen. Vier Jahre später haben immer mehr Autos und Küchengeräte Touchscreens – und ich halte seine gesammelten Gedanken in der Hand.
Der Autor, Unternehmer und Berater jammert nicht darüber, dass früher angeblich alles besser war. Er erkennt den Fortschritt an, den es zweifellos gibt. Und hinterfragt, warum wir mit vielen Entwicklungen hadern. «Man kann an solchen Geräten eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Fort- und Rückschritt beobachten», schreibt Yoran bezogen auf sein Küchenproblem.
Sein Induktionsherd sei besser, sicherer und effizienter als früher, wenn es ums Kochen geht. Nur der Umgang damit macht wahnsinnig. Genauso ist es bei der Waschmaschine, die sparsam und gut ist – aber ständig Melodien piepst und unzählige Zusatzfunktionen besitzt. Oder beim Auto, das effizient und sicher fährt, aber per umständlicher Wischgesten Befehle entgegennimmt. Ich komme beim Lesen aus dem Nicken kaum noch heraus.
Die Dinge des Alltags sind nicht egal, denn gute Dinge machen gute Dinge mit uns – und schlechte Dinge schlechte.
Was gut oder schlecht ist, lässt sich nicht fein säuberlich trennen. Dafür ist unsere Waren- und Werbewelt viel zu unübersichtlich geworden. Sie liefert nach Ansicht des Autors auch zu wenig Anreize, das bestmögliche Produkt herzustellen. Oft genüge es, den Anschein von Innovation zu wecken. Oder Selbstverständliches auf einmal als Extra zu verkaufen.
In diese Falle tappt Yoran im Kampf mit einem Duschschlauch, der an der nagelneuen Armatur eines namhaften Herstellers hängt und ihn zu immer neuen Verrenkungen zwingt. Kein Wunder, schliesslich ist das Modell nicht «twist free», also mit Drehwirbeln ausgestattet. Was früher normal war, ist heute ein Feature, für das du natürlich draufzahlst.

All die schönen Selbstverständlichkeiten von früher sind heute wunderbare Verkaufsargumente für die Verpackung und den Werbetext der «Premium»-Produkte. Und all die weggelassenen Details fallen nicht so auf, wenn der Vertriebsweg online ist. Dort müssen die Dinge in erster Linie gut aussehen – und gut bewertet sein.
Dass du im Krieg der Sterne nicht viel auf Online-Rezensionen geben kannst, erklärt Yoran nicht nur mit allgegenwärtigen Fake-Bewertungen. Sondern auch mit der Kundschaft, die zwar seit zehn Tagen ihren neuen Saugroboter kennt und mag, aber keinen Marktvergleich hat. «Der Eindruck von jemandem, der schon andere Saugroboter im Einsatz hatte, wäre sicherlich aussagekräftiger als der eines Einsteigers», schreibt er. Jemand wie mein Kollege Lorenz Keller, bei dem sich die Testmodelle mit erschrockenem Blick in der Wohnung stapeln.
Der Kreislauf des Krempels führt nicht nur dazu, dass wir im Angebot den Überblick verlieren. Er nötigt uns auch dazu, in seine Fortsetzung zu investieren. So zumindest argumentiert Yoran, wenn er den Aktienmarkt ins Spiel bringt, der uns Rendite verspricht. «Der Preis, den ich dafür bezahlen muss, ist – wie bei billigen Dingen üblich – hoch: Ich profitiere von Wertsteigerungen der Unternehmen, indem ich sie motiviere, mir schlechtere oder teurere Produkte zu verkaufen», schreibt er. Am Ende sei das ein Nullsummenspiel, der Ertrag in der Regel so klein, dass er doch wieder nur für die einfachen Produkte reiche.
Der Verkrempelungszusammenhang ist ein stinkendes, rumpelndes Perpetuum mobile: Privatanleger:innen investieren in ihre eigene Schädigung – aber alle Alternativen sind schlechter.
Dass wirklich langfristiges Denken bei immer kürzeren Produktzyklen kein Thema mehr ist, zeigt auch seine Anfrage bei der Stiftung Warentest, die sich bei Waschmaschinen auf zehn Jahre als Mindestanforderung für die «Langlebigkeit» festgelegt hat. Offiziell ist das so, weil sich die Testverfahren sonst zu sehr in die Länge ziehen würden (und die Produkte vielleicht gar nicht mehr aktuell wären). Yoran spekuliert aber auch darüber, wie gross der Einfluss der Industrie auf die Stiftung ist, deren Vertreter in Gremien, Kuratorien und Beiräten sitzen. Warum ist ein Gerät, das «erst» nach zehn Jahren kaputt geht, «sehr gut» – und nicht «mangelhaft»?
Und warum haben wir alle reichlich Geschichten von Produkten auf Lager, die viel zu früh, aber gerne nach Ende der Garantiezeit, den Dienst quittieren? Mein Fernseher war so ein Fall. Schnell defekt, das Reparaturangebot des Herstellers sündhaft teuer und im Repair-Cafe konnte niemand helfen. Diagnose: zu modern zum Reparieren. Und von meinen Wasserkocher-Sorgen will ich hier nicht schon wieder erzählen.
Zur «geplanten Obsoleszenz», also dem einkalkulierten Ableben, kommt nach Yoran ein weiterer Effekt: die «psychologische Obsoleszenz». Weil neue Produkte neue Begehrlichkeiten wecken. Wenn die nächste Smartphone-Generation das schärfere Display und die bessere Kamera hat, wird das alte Gerät uninteressant.
Das Recht auf Verschwendung erwächst aus einer Wirtschaftsordnung, deren Boden stahlhart, deren Obergrenze aber nicht mal der Himmel, sondern der Mars ist.
Der von Kundendiensten und Warteschleifen leidgeprüfte Autor argumentiert sich weiter unterhaltsam durch unsere moderne Welt, in der die Unternehmen dahinter kaum noch greifbar sind – während ihre Produkte, solange sie funktionieren, ständig etwas von uns wollen. Ein Update hier, ein Handgriff da, eine Fehlermeldung obendrauf. Piep, piep, piep.
Es gibt immer was zu tun. Wer sich ordentlich einarbeitet, aufopfert und viel Geld bezahlt, kann dafür zum Beispiel mit dem Vollautomaten EQ900 seine «coffee playlist» vom Sofa aus starten – sofern jemand eine Tasse unter den Auslauf stellt.
«Wir haben es mit Spielzeug für Erwachsene zu tun, für Männer», schreibt Yoran. Wie eine Loriot-Figur versuche der EQ900 die Fassade von Seriosität und Weltläufigkeit aufrechtzuerhalten und kippe dabei ins Lächerliche, weil er seine Verspieltheit mit einer solchen Ernsthaftigkeit leugnen müsse. «Das schon im Café frustrierende Erlebnis, dass das Servicepersonal mit Handys kämpft, wird ins gehobene Zuhause verlängert.»
Wenn du mehr über die Mühen mit dem modernen Kaffee-Klotz wissen willst, lies dir einfach mal die hilfreichsten Rezensionen dazu durch. Es sind halbe Romane. Klagen über die nicht konfigurierbare Tassenbeleuchtung inklusive. Wenn du mehr über Gabriel Yorans Bestandsaufnahme unserer Warenwelt wissen willst, lege ich dir sein Buch ans Herz.
Es ist einfach, sich über den alltäglichen Irrsinn lustig zu machen. Und schwierig, die grossen Zusammenhänge dahinter lesenswert in ein kleines Buch zu verpacken. Yoran gelingt das, weil er den Humor nicht verliert und verschiedene Perspektiven einbringt. Als Philosoph und Unternehmer, Kunde und Konsument. Der Stand der Dinge des Alltags war vielleicht schon mal besser – wurde aber nie besser und unterhaltsamer auf den Punkt gebracht.
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
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