Fairphone 3: Review überflüssig
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Fairphone 3: Review überflüssig

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 24.10.2019
Video: Stephanie Tresch
Das Fairphone 3 ist fair zu dir und zu denen, die es bauen müssen. Aber es hat einen grossen Haken. Da du dir das Teil eh nicht der Specs wegen kaufst, bauen wir das mal auseinander. Warum? Damit du sicher weisst, dass auch du das kannst.

Das Fairphone 3 ist ein Phone. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Denn keiner von euch kauft sich das Fairphone wegen der herausragenden Specs. Und genau das ist das Problem. Fairphone könnte theoretisch einfach irgendwelche Schrottteile nehmen und ein Phone zusammenschustern. Denn ihr kauft nicht Technologie, sondern das gute Gefühl, etwas zu besitzen, das laut Marketing die Welt etwas besser macht. Bessere Arbeitsbedingungen mit einem Auge auf die Nachhaltigkeit. Klingt doch alles gut. Nur: Es ist der reine Goodwill eines Unternehmens in sozialer Mission, dass das Fairphone 3 einigermassen passable Specs hat.

3 (64 GB, Dark Translucent, 5.65 ", Dual SIM + SD, 12 Mpx, 4G)
Fairphone 3 (64 GB, Dark Translucent, 5.65 ", Dual SIM + SD, 12 Mpx, 4G)

Fordert mehr.

Ernsthaft. Denn wenn ein Unternehmen mit einem Snapdragon 632 vom vergangenen Jahr, 4GB RAM, einer Auflösung von 2160×1080 Pixel auf einem LCD Screen und einem internen Speicher von 64GB davonkommt, dann ist das schlicht nicht gut genug, weil es kein Zeichen setzt.

Was ich sagen will: Gebt euch nicht mit einer besseren Herdöpfel zufrieden. Fordert faire Flaggschiffe. Fordert den Snapdragon 855 unter fairen Bedingungen, 4K/60fps Kamerasysteme und Akkus, die nicht nur knapp einen Arbeitstag überleben. Seid aufmüpfig. Und nicht so: «Och, das ist gut genug. Mehr brauch ich nicht». Es geht nicht ums brauchen, es geht ums wollen. Oder darum, dass es besser gehen müsste. Wenn es möglich ist, einen Kartoffel-Snapdragon unter fairen Bedingungen zu verbauen, dann muss das auch mit dem 855er gehen.

Weil etwas, das aus Teilen besteht, die geradeso gut einfach irgendwo hätten rumliegen können, ist etwas, das du dir kaufst, wenn du dir ein gutes Gewissen kaufen willst. Nicht etwas, das der Wirtschaft zeigt, dass du etwas Gutes und Faires willst.

An die Schraubenzieher

Aber eben, der Specs wegen kauft sich keiner das Phone. Du überlegst dir den Kauf unter anderem wegen dem guten Gefühl, die Welt etwas gerettet zu haben. Oder du kaufst es dir, weil du – wie ich – gerne an Dingen herumschraubst. Als Verfechter des Right to Repair habe ich es mir, genau wie andere auf der Welt auch, aufs Banner geschrieben, dass du ein Gerät zumindest im Groben selbst reparieren können sollst. Wenn du jetzt den Artikel hier liest, dann muss ich eines vorausschicken: Die ganze Demontage des Phones hat etwa zehn Minuten gedauert. Also musst du nicht zwingend einen Tag frei nehmen, um das Fairphone auseinanderzunehmen. Mit Austausch eines Moduls kannst du im Hintergrund locker eine Episode «Hyperdrive» schauen. Betriebsanleitung brauchst du auch keine, denn das Fairphone ist so konstruiert, dass du wenig bis gar nichts falsch machen kannst.

Dem Fairphone 3 liegt ein Schraubenzieher bei. Wenn du durch das wirklich coole halbtransparente Rückencover blickst, siehst du Schrauben. Ja, das Fairphone ist gemacht, selbst dran rumzuschrauben. Blöderweise hat uns die Industrie schon so weit, dass wir uns das einfach nicht mehr trauen. «Oh, das ist mir viel zu komplex» höre ich oft im Kontext von einfachen Reparaturen, die im Wesentlichen nur einen Schraubenzieher und vielleicht eine Pinzette erfordern. Jeder kann das. Ich kann das. Du auch.

Darum teste ich das Fairphone 3 mal nicht auf Specs und Kameraqualität, sondern auf die Zerlegbarkeit. Ein Wort, das ich gerade erfunden habe. Hoffentlich.

Die Gummiummantelung funktioniert als Case
Die Gummiummantelung funktioniert als Case

Rund um das Fairphone ist so ein gummireifenartiges Ding, das die Kanten des Phones schützt. Dann ist da die halbtransparente Rückenplatte, unter der du hässlich-plakative Slogans siehst. Warum? Lasst doch die Technologie durchscheinen. Das sieht dann viel cooler aus. Aber andererseits bin ich ohnehin kein Fan von Slogans und Logos auf meinen Phones.

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Die Rückenplatte kannst du wie anno dazumal einfach abziehen. Etwas Kraft dahinter und voilà, das ganze Innenleben des Phones liegt offen. Meist wirst du das Feature wahrscheinlich brauchen, um den Akku zu ersetzen, womit das Fairphone bei guter Behandlung auf unbegrenzte Zeit funktionieren könnte. Denn von allen Teilen am Handy sind die Schwachstellen der Bildschirm, der gerne mal zerscherbelt und der Akku, der über längere Zeit an nutzbarer Kapazität verliert.

Danach folgen die ersten Schrauben. Alle Schrauben, die du für kleine Reparaturen lösen musst, sind gleich gross. Einen Schraubenzieher liefert Fairphone netterweise bereits mit, aber ich bevorzuge einen handlicheren aus dem iFixit-Werkzeugkoffer.

Nur weil ich einen anderen Schraubenzieher verwende, heisst das nicht, dass du extra Geld für Werkzeug liegen lassen musst. Der Schraubenzieher in der Verpackung funktioniert wunderbar. Ich mag einfach einen etwas griffigeren.

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Jetzt hast du im Wesentlichen den Bildschirm – leider nur ein LCD, fordert AMOLED! – vom Innenleben gelöst. Das ist vom Gefühl her etwas heikel, aber ich meine nie, dass ich dem Phone Schaden zufügen könnte. Spätestens hier kann ich mich nur noch über das Fairphone aufregen, wie du von deinem Freund oder deiner Freundin aufgeregt werden kannst: Da ist Liebe, aber läck, das nervt wie sonst niemand. Denn wie kann etwas so gut sein und sich dann mit so wenig zufriedengeben. Das Konzept verhebet von A bis Z. Umgesetzt ist es gut, sehr gut sogar. Argh!

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Die Kleinteile, die nicht nur Ersatzteil sein können

Sobald der Bildschirm sicher auf der Seite liegt, wird das Fairphone so richtig gut. Denn hier zeigt sich die Stärke des Konzepts in seiner Ganzheit. Mit einfachen Symbolen sind die einzelnen Module gekennzeichnet. Eine stilisierte Kamera für das Kameramodul, zum Beispiel.

Du musst einfach den Anschluss vom System-on-a-Chip – beim PC wäre das das Mainboard – trennen und dann kannst du es locker aus dem Rahmen nehmen. Wäre deine Kamera kaputt, dann kannst du es einfach durch ein neues Kameramodul ersetzen.

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Oder natürlich upgraden. Das wäre natürlich der Hammer. Denn wirklich an die Linse gebunden ist Fairphone nicht. Das einzige, das bindend ist, ist die Form des Moduls. Sonst sind sie frei. Softwareseitig ist Android nämlich zumindest theoretisch in der Lage, dynamisch mit Kameras umzugehen. Apropos, Android. Noch mehr Punkte für das Fairphone. Es macht bei Android One mit. Das heisst keine Bloatware, schnelle Updates und ein allgemein schlank gehaltenes Betriebssystem, das von Google direkt upgedatet wird.

Das gilt für alle Ersatzteile. Natürlich könntest du nur ersetzen, aber du könntest auch upgraden. Und upgraden wäre super. Denn faire Flaggschiff-Specs klingen laut mir nach einem verdammt guten und gerechten Plan. Nur, dass Fairphone keine Upgrades anbietet, sondern nur Ersatzteile.

Du kannst das!

Das Fairphone ist aber nicht etwas für Bastler wie mich, oder Nerds. Nein, es wurde so designed, dass du als Amateur oder Schisshase das easy hinkriegst. Es ist gemacht für alle. Solange deine Grossmama nicht zu arg zittert, kann sie eine Kamera am Fairphone ersetzen. Oder den Akku. So macht das richtig Spass. Du brauchst einen Schraubenzieher, mehr nicht. Einen Esstisch mit einer Lampe und an die Arbeit. Wenn dir dann doch etwas zu Bruch gehen sollte – und das ist unwahrscheinlich – dann kannst du zu vernünftigen Preisen ein Ersatzteil bestellen.

Kurz: Das Fairphone ist gut. Aber halt eben nur gut. Ich will, dass es sehr gut ist. Ich will, dass es das Zeichen, das es setzen will, so setzt, dass es mit den Flaggschiffen konkurrenzieren kann. Das Fairphone soll und darf nicht ein Nischenprodukt bleiben. Es muss sexy genug sein, damit sich jemand den Umstieg von Huawei oder Samsung überlegt. Es darf mehr kosten, aber es darf nicht schlechter sein. Im Mittelfeld ist es verschenkt.

So. Fertig. Mach dich an die Schraubenzieher und öffne irgendwas. Ohne Witz, du kannst das.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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