«Ohne Menstruation kein Mensch»

«Ohne Menstruation kein Mensch»

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 20.07.2021
Bilder: Thomas Kunz
Meine Periode zaubert mir nicht gerade ein Lächeln auf die Lippen. Dabei gäbe es zahlreiche Gründe dafür. Drei Expertinnen über die positiven Aspekte der Menstruation und ein Leben im Einklang mit dem Zyklus.

Mein Tampon läuft aus, während ich nach den richtigen Worten suche, um diesen Beitrag zu beginnen. Ich spüre, wie das warme Blut in meine Unterhose fliesst, der Stoff sich vollsaugt. Unruhe und Unbehagen machen sich in mir breit. Ich renne panisch ins Bad.

Voilà: Einstieg.

Viele von euch wollten diese ersten Zeilen vermutlich nicht lesen; Finden Artikel wie diesen anstössig und «zum Kotzen». Andere wiederum erfrischend ehrlich, ja gar wichtig, dass ich über meinen Alltag als Menstruierende berichte, als wären es Apple-News. Abwertende Kommentare zum Thema Menstruation verhalten sich zu meinem Standpunkt wie die Alphütte zur Grossstadt. Es liegen Welten dazwischen. Aber meine Periode als ein Wunder der Natur anzunehmen, wie es auch oft gefordert wird? So weit bin ich nicht. Meine Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Ich wünsche mir einen Perspektivenwechsel, der mich über das erlernte Framing der Periode als monatliche Bürde hinwegsehen lässt. Dafür habe ich mir bei drei Expertinnen Unterstützung geholt. Sie geben mir die nötigen Denkanstösse zu meiner Frage: Wie kann ich meine Periode positiv(er) erleben?

Vom Brillentragen und der No-Bullshit-Phase

«Wie du deine Periode wahrnimmst, hängt zu einem grossen Teil davon ab, ob und wie du in das Thema eingeführt wurdest», erklärt Sexualtherapeutin Dania Schiftan. Mitleidige Aussagen wie «Oh nein, du Arme» oder «Das ist eine eklige Angelegenheit» begleiten viele Menstruierende von der ersten Blutung an. Mich eingeschlossen. «Menschen, die überhaupt nie aufgeklärt wurden, erschrecken vor dem, was mit ihrem Körper passiert. Das ist eine negative Brille, die Menstruierende schon in jungem Alter aufgesetzt bekommen», sagt Schiftan. Schmerz, Ekel und Überempfindlichkeit sind in diesem Kontext besonders häufig genannte negative Assoziationen. Ohne diese Brille erscheint die Periode in einem anderen Licht. «Aus Überempfindlichkeit wird Sensibilität. Eine Eigenschaft, die wir als positiv wahrnehmen und als Stärke werten», so Schiftan.

Josianne Hosner macht sich ebenfalls für einen Perspektivenwechsel stark. Sie ist Zyklus-Expertin und Autorin des Buchs «Back to the Roots – Zyklisch leben mit immenser Freude». Sie klärt Menschen im Rahmen von Kursen über den Menstruationszyklus auf. Zum Beispiel über das verhasste PMS. Die Abkürzung steht für prämenstruelles Syndrom und fasst unterschiedliche körperliche und psychische Symptome wie Stimmungsschwankungen oder Schmerzen zusammen, die vor der Blutung auftreten können. Erwähnt wird PMS sehr häufig in einem negativen Zusammenhang.

«Dieses Zeitfenster im Zyklus ermöglicht uns Klarheit, Fokus und Konzentration. Das ist ein völlig anderes Narrativ. Ich nenne sie deshalb lieber die No-Bullshit-Phase», wirft Hosner einen ganz anderen Blick darauf. Anstatt meine Hormone zu verteufeln, soll ich sie stattdessen zur Qualitätskontrolle meiner Lebensumstände nutzen. «Hormonelle Veränderungen können dir dabei helfen, verfahrene Situationen zu erkennen. Also deutlicher zu spüren, was für dich passt und was nicht.» Laut Hosner ist eine mehr oder weniger regelmässige Menstruation ein Vitalzeichen, ähnlich wie Blutdruck, Puls oder Körpertemperatur. «Nur durch den Menstruationszyklus unserer Mütter sind wir heute hier.» Ohne Mens kein Mensch.

Das predigt auch Bea Loosli. Sie ist Verhütungscoach und hat das online Frauen-Portal «Ladyplanet» gegründet, wo sie sich dem Thema «Natürlich Frau sein» verschrieben hat. Ihr zufolge wohnt dem Thema Menstruation eine starke Symbolik inne, weil sie den Ursprung jedes Menschen darstellt. «Wir alle waren mal nicht mehr als eine Eizelle und ein Spermium. Die monatliche Blutung erinnert uns daran, dass wir alle gleich sind. Unsere Gebärmutterschleimhaut baut sich jeden Monat neu auf und ab, sofern wir nicht befruchtet worden sind. Sie ist ein kostbarer Nährboden, ohne den neues Leben nicht möglich wäre und wird durch das Blut abgetragen. In der Menstruation steckt so viel Kraft.» Und doch betrachten wir die Blutung als eine Schwäche.

Mit dem Zyklus statt gegen ihn

So einleuchtend ich diese Punkte auch finde, um anders über meine Mens zu denken, brauche ich Übung. Dazu legen mir alle drei das Konzept «zyklisch Leben» ans Herz. Die Philosophie dahinter: Meinen Zyklus mit seinen Eigenheiten für mich zu nutzen. «Wer die Periode als einen Teil des Lebens annimmt und wertschätzt, dem öffnen sich neue Möglichkeiten», sagt Schiftan.

Laut Hosner besteht der plus minus vierwöchige Zyklus aus vier Phasen. Die Menstruation selbst ist nur eine davon. «Dank den Hormonen fühlen wir uns in den einzelnen Phasen nicht immer gleich. Das ist aber kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Wir haben lediglich das Verständnis dafür verloren», so Hosner. Um diese Phasen zu veranschaulichen, lässt sich der monatliche Zyklus laut Schiftan anhand eines Jahreskreises darstellen. Der Zyklus unterliegt dann einer Art innerer Jahreszeiten. Ein grosses Thema, auf das ich in einem kommenden Beitrag näher eingehen werde. «Die ‹Wintermonate› repräsentieren die Phase, in der wir mehr Pausen einlegen müssen und uns ausruhen. Der innere ‹Frühling› bringt Kreativität, während der ‹Herbst› die Emotionen in den Vordergrund rückt. Und im ‹Sommer› strotzen wir vor Energie und Tatendrang. Wir sind produktiv.» Erkenntnisse, die sich auch die Welt des Frauensports zunutze macht, in dem immer öfter zyklisch trainiert wird.

«Niemand würde auf die Idee kommen, den Winterschlaf des Bären als mühsam abzutun.»

In der Natur sind solche Phasen selbstverständlich. Tag, Nacht. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Alles verändert sich. Alles ist im Wandel. «Niemand würde auf die Idee kommen, den Winterschlaf des Bären als mühsam abzutun. In der Tierwelt akzeptieren wir diesen Kreislauf. Wieso bei uns Menschen nicht?»

Ein zyklisches Leben setzt Selbstbeobachtung voraus. 30 Sekunden Tracking pro Tag können laut Hosner schon helfen. Dazu soll ich mir Gedanken zu den folgenden Fragen machen: Wann habe ich viel Energie, wann wenig? Wann schlafe ich gut, wann nicht? Wann habe ich Fressattacken, Sorgen? Wann empfinde ich Wehmut oder Lust? Wann bin ich müde oder von Tatendrang getrieben? «Beobachte dich über mehrere Zyklen hinweg selbst. Schreib alles auf. Am Schluss vergleichst du deine Beobachtungen. Ab da wird's erst richtig spannend», sagt Zyklus-Expertin Josianne Hosner.

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Die Periode geht uns alle etwas an

Um in einer Gesellschaft zu leben, in der man ungeniert am Tisch laut jemanden nach einem Tampon fragt, müssen wir gemäss Sexualtherapeutin Dania Schiftan früh ansetzen. «Viele Kleinkinder begleiten ihre Eltern auf die Toilette. Die Periode sollte da nicht verborgen bleiben. So lernen Kinder von klein auf, dass die Blutung etwas Natürliches ist und dazugehört.» Dabei helfen laut Hosner spielerische, erklärende Sätze wie: «Die Gebärmutter ist die gemütliche Höhle, in der du gewachsen bist. Die putzt sich jetzt gerade. Deshalb machen wir es uns heute und morgen ganz gemütlich.»

Dass die Familie in dieser Angelegenheit eine wichtige Rolle spielt, findet auch Bea Loosli: «Die Familie muss den offenen und wertschätzenden Umgang vorleben. Nur so wird sie zu einem natürlichen Teil unseres Alltags. Dazu müssen Menschen aber bereit sein, veraltete, starre Glaubensmuster loszulassen.» Zum Beispiel, dass die Periode eine schmutzige Angelegenheit und Privatsache ist. «Je besser Erwachsene ihre eigenen Körperfunktionen verstehen und mit diesen im Reinen sind, desto einfacher fällt es ihnen, diese auch zu vermitteln. Veränderung fängt mit einem selbst an», ergänzt Schiftan.

Ganz wichtig ist hier auch die Rolle des Mannes, betont Hosner: «Es gibt kein besseres Vorbild für die Kinder, als wenn der Mann sagt: ‹Ich übernehme jetzt wieder Mamas Ämtli, damit sie sich während der Blutung ausruhen kann.› Menstruieren ist so normal wie essen, trinken, schlafen. Einmal im Monat nehmen wir uns zurück – Schmerz hin oder her –, um dann wieder voll da zu sein. Wenn Eltern dies mit einer Selbstverständlichkeit vorleben, lernen Mädchen und Jungs, dass es ok ist, dass wir nicht jeden Tag gleich belastbar sind.» Gemäss Schiftan sind viele Probleme, die wir aufgrund der Tabuisierung haben, auf die Geschlechtertrennung zurückzuführen. «Man bekommt das Gefühl, dass die Periode nur Sache Menstruierender ist. Dabei müssen alle gleichermassen aufgeklärt werden. Die Periode geht uns alle was an.»

«Wir müssen die Periode nicht zelebrieren, wenn wir es nicht wollen. Aber wir müssen sie normalisieren und wir müssen offen über sie sprechen.»

Auch im Aufklärungsunterricht sollten laut Sexualtherapeutin Schiftan Tampons, Binden und Tassen gezeigt, erklärt und frei zugänglich gemacht werden. «Zurzeit fehlt es uns an einer gewissen Selbstverständlichkeit.» Im Rahmen eines solchen Unterrichts sollten Gefühle wie Ekel, Scham oder Abwertung aufgefangen und diskutiert werden. «Viele vorpubertäre Kinder kennen die Periode nur als blaue Flüssigkeit aus der Werbung. Weil sich diese Darstellung jedoch nicht mit der blutigen Realität deckt, schämen sich viele Menstruierende.» Hinzu kommt, dass der Überbegriff «Hygieneprodukte» für Tampons, Binden und Co. impliziert, dass die Periode etwas Unhygienisches sei.

«Wir müssen die Periode nicht zelebrieren, wenn wir es nicht wollen. Aber wir müssen sie normalisieren und wir müssen offen über sie sprechen. Nur so bekommen wir ein Verständnis dafür, dass Pausen in Ordnung sind und unter anderem Mensbeschwerden lindern können. Nur will das in unserer leistungsorientierten Gesellschaft niemand hören», sagt Josianne Hosner. Dabei brauchen wir die Ruhe. Auch Sportler*innen wissen: Nach jedem Marathon gibt es eine Regenerationsphase. «Unser schneller Alltag und der Leistungsdruck, unter dem wir stehen, gleichen einem solchen Marathon. Ohne Pausen brennen wir aus. Die Menstruation ist ein guter Zeitpunkt, um herunterzufahren.»

Doch wie könnte so eine Welt aussehen, in der nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand im Flüsterton über die Mens gesprochen wird?

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Ein Gedankenexperiment

«Ich erinnere mich an eine Werbung der Binden-Marke Always. Darin sagt die Protagonistin, dass sie trotz ihrer Tage immer 100 Prozent geben will. Das ist unsere Realität. Würden wir in einer Gesellschaft leben, die die Mens nicht tabuisiert oder abwertet, könnten wir Rücksicht auf zyklische Unterschiede und Phasen nehmen, statt sie verstecken zu wollen», sagt Schiftan. Ihr zufolge wäre es im Privaten, in der Schule als auch im Berufsleben in Ordnung, dass Frauen je nach Zyklusphase unterschiedlich viel leisten und auch dementsprechend beurteilt werden. Zudem würden sich Menstruierende dank der Flexibilität wohler fühlen.

«Global gesehen gäbe es in so einer Welt auch weniger Armut.»

Auch Scham wäre passé. Laut Hosner wären ein liebevollerer Bezug zum eigenen Körper und ein gesteigerter Selbstwert die Konsequenz. «Lieblose Sprüche wie ‹Schon wieder deine Scheisslaune, bekommst du deine Tage?› müssten wir uns nicht mehr anhören. Ausserdem bin ich überzeugt, dass ein zyklisches Leben, also ein Alltag im Wissen um die Qualitäten der vier Zyklusphasen, viele Erschöpfungsdepressionen vorbeugen würde. Global gesehen gäbe es in so einer Welt auch weniger Armut, denn gerade in ärmeren Regionen brechen viele Mädchen die Schule ab, sobald sie die erste Menstruation bekommen. Ihnen fehlen zunächst der Zugang zu Binden und Co. und später dann die beruflichen Perspektiven. Die Armutsspirale dreht sich.»

Bis zu einer solchen Welt sind es noch viele kleine Schritte. Schritte, die in ihrer Summe einen grossen Unterschied machen. Ich für meinen Teil werde einen davon gehen und mich des Themas «zyklisch Leben» annehmen. Über meine Erkenntnisse und Fortschritte werde ich in zukünftigen Beiträgen berichten. Josianne Hosners Buch zum Thema liegt jedenfalls schon auf meinem Nachttisch...

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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