
Warum es sich lohnt, an der WM auf die Einlaufkinder zu schauen
Einlaufkinder sind wandelnde Werbeflächen und eine Randnotiz des Spektakels. Doch an der Hand eines Profis erfüllt sich auch stets ein Traum – für viele Kinder, die sonst niemals im Stadion sein könnten.
Herzklopfen. Was muss das für ein Gefühl sein, im Spielertunnel zu stehen. Von draussen, wo Zehntausende warten, dringen Lärm, Licht und spannungsgeladene Luft herein. Stollen klackern über Stufen, Stress kanalisiert sich in eingespielten Ritualen, es wird geschrien und geklatscht, gebetet und geschwiegen, bis es endlich losgeht. Schritt für Schritt ins Rampenlicht – für die grossen Stars und ihre kleinen Begleiterinnen und Begleiter.
Wenn Messi, Ronaldo oder Lamine Yamal das Feld betreten, werden sie stets eine Kinderhand halten. Wie immer seit 2002 dürfen bei Welt- und Europameisterschaften Acht- bis Zehnjährige an der Seite der Stars ins Stadion laufen und die Atmosphäre aufsaugen. Sie werden sorgfältig ausgewählt sein. Nicht zu gross, nicht zu klein – und bis ins letzte Detail gebrieft. Laufen, strammstehen, winken, abgehen.

Quelle: Maciej Rogowski Photo/Shutterstock
Bitte tanzt aus der Reihe
Trotzdem entstehen dabei immer ein paar bleibende Momente, die kein Protokoll vorsieht, aber irgendeine Kamera einfängt. Weil Kinder eben Kinder sind und strahlen, lachen, aus der Reihe tanzen oder von ihren Gefühlen überwältigt werden. So wie der Junge im Titelbild bei einem Testspiel der Brasilianer. Wann immer so eine Szene zu sehen ist, bin ich auf die Reaktionen gespannt: Manche Profis lassen trotz der Grösse des Moments noch einmal die Maske fallen, knipsen den Wettkampfmodus aus und zeigen sich menschlich. Durch eine kleine Geste, die den Kindern alles bedeutet.
Es reicht ein Zwinkern, ein Lächeln, eine kurze Umarmung. Sie müssen ihnen nicht gleich die Schuhe binden wie der Australier Mark Bresciano, dessen achtsamer Umgang mit einem Jungen auf Krücken bei der WM 2014 viral ging. Frei auffindbare Videos gibt’s davon nicht, weil die Fifa ihre Bildrechte schützt wie Gollum den Ring. Doch es muss keine Weltmeisterschaft sein, um Kinder neben ihren Idolen aus der Fassung zu bringen.
Nähe zu den Fans ist an der WM nicht vorgesehen. Nur kurz vor dem Anpfiff begegnet sich für einen Moment, was eigentlich zusammengehört: der Sport und seine Basis. Nur weil sich immer wieder Kinder auf staubigen Plätzen, in Hinterhöfen oder zwischen Toren mit kaputten Netzen in das Spiel verlieben, bedeutet der «grosse» Fussball etwas. Weil dieses Erlebnis zu den wenigen gehört, die man an der WM nicht kaufen kann, schaue ich mir ihre Gesichter ganz genau an. Sie werden Geschichten erzählen. Und die Kinder zu den Glücklichen zählen, die ihre WM-Erfahrung nicht teuer bezahlen müssen.
Die einzige Chance für einheimische Kinder
Die Preise für Tickets, Parkplätze, Bahnfahrten, ja selbst für Getränke sind absurd. Auf den Tribünen werden fast nur rich kids sitzen, deren Eltern mal eben vier- bis fünfstellige Beträge lockermachen können. Doch die Plätze an der Hand der Stars werden nicht zu Mondpreisen verhökert. Und auch nicht, wie bei früheren Turnieren, grösstenteils an Auserwählte aus aller Welt vergeben. Häufig waren das vor allem Wettbewerbsgewinnerinnen und -gewinner, die weder mit dem Land noch mit dem Sport verbunden sein mussten.
Deshalb weiss schon eine Amerikanerin, wie es ist, mit Lionel Messi vor einem WM-Final aufzulaufen: «Bevor wir hinausgingen, war er still, aber er lächelte mich an und half mir sogar auf dem Spielfeld, indem er mich in die richtige Richtung drehte», erzählte die damals achtjährige Kaylie-Jade Plott im Anschluss an ihren grossen Moment im Maracanã. Immerhin kannte sie den Mann schon aus Zeitschriften. Das Erlebnis sei ihr gegönnt.

Quelle: Jefferson Bernardes/Shutterstock
Doch es geht besser: Dieses Jahr ermöglicht Sponsor Quaker gemeinsam mit den Projekten Common Goal, Canada Scores und lokalen Non-Profit-Organisationen im grossen Stil fussballbegeisterten Kinder aus den unteren sozialen Schichten der Gastgeberstädte das Erlebnis.
Die ungefähr 1700 Kinder werden nicht einfach ausgelost, sondern auch für ihren Einsatz und ihr Verhalten belohnt. «Sie werden gesehen», sagt Adan Gonzalez, der mit seinem Puede Network in Dallas für die Kinder erreichen will, «dass die Postleitzahl nicht ihr Schicksal bestimmt.» Und das Mädchen im Video erzählt voller Vorfreude: «Ich spiele Fussball, seit ich drei Jahre alt bin.»
Im kleinen Rahmen gab es solche Geschichten schon bei früheren Turnieren. Dieses Mal profitieren mehr Kinder, die nicht einfach in irgendeiner Sponsoren-Tombola das grosse Los gezogen haben. Das macht das Abkassieren drumherum nicht besser, ist aber ein schöner Aspekt des Turniers.
Die Kinder leben vor Ort, oft eher am Rand, und werden bei diesem Mega-Event nicht ausgesperrt – sondern stehen für ein paar Minuten im Mittelpunkt. Ihre persönlichen Geschichten müssen gar nicht um die Welt gehen, damit der Moment den Kindern die Welt bedeutet. Ab und zu, wenn die Kamera nach unten schwenkt, wird man das im Fernsehen sehen.
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
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