
1228 Teile, ganz viel Lila und ein rätselhafter Hamburger: Olivia Rodrigos Lego-Set im Test
1228 Teile, 229 Seiten Anleitung und ein Album auf Repeat: Ich habe mich an Olivia Rodrigos «Dual Guitar»-Lego-Set gewagt. Zwischen zu viel Lila, verklebten Miniteilchen und einem Riesenschmetterling, der mich fast zur Verzweiflung bringt, stellt sich die Frage: Überzeugt mich das Set sowohl als Fan als auch als Legobauerin?
Eines vorweg: Ich baue selten Legos, bin aber spätestens seit Olivia Rodrigos neustem Album eine «Livie», ein Fan. Das letzte Mal habe ich ein Lego-Set vor fünf Jahren aufgebaut – namentlich den Hogwarts-Express. Das war einfach. Olivias Gitarre hingegen sieht komplizierter aus. Die Gitarre ist zweifarbig und zweiteilig. Laut Lego zeigt sie die zwei Hälften von Olivia Rodrigo: die rockige Seite mit der E-Gitarre und die sanfte Seite mit der Akustikgitarre. Ganz ehrlich, hätte Lego das nicht geschrieben, ich hätte es auf den ersten Blick nicht so interpretiert. Ich dachte einfach, es sieht cool aus. Bin wohl doch nicht so Fan, wie ich dachte.
Die Ausgangslage
Ich entscheide mich dafür, das Lego-Set auf dem Boden aufzubauen. So habe ich das als Kind gemacht, so mache ich das auch als Erwachsene. Und dann der grosse Moment: die Verpackung öffnen und die zehn Säckchen sortieren – irgendwie wie Weihnachten. Nur dass die Arbeit erst anfängt. Moment, Schritt 0.5 vergessen: die Schallplatte einschalten – «you seem pretty sad for a girl so in love», Rodrigos neustes Album. Ich frage mich, wie oft ich diese Platte wohl hören werde, bis ich mit der Gitarre fertig bin. Hängt mir ihr Sound irgendwann zum Hals raus?
Jetzt geht’s ans Eingemachte und ich schlage die Anleitung auf. Sie ist mit 229 Seiten so dick wie ein Magazin. Kein Grund zur Überforderung, ich mache das Schritt für Schritt.





Aller Anfang ist schwer
Mein erster Gedanke, als ich Säckchen eins öffne: «Ganz schön viel Lila!» Es geht flott vorwärts, aber am Ende des ersten Beutels bleiben Teile übrig – Ersatzteile, wie sich später herausstellt. Es zeigt sich: Teilchen sortieren schafft eine gute Übersicht. Es ist zwar zeitintensiv, aber strukturiert.
Mittlerweile bin ich mit Säckchen zwei durch und das Album läuft bereits zum zweiten Mal. Ich stelle fest, dass ich mir lange nicht vorstellen kann, was ich da gerade zusammenbaue. Trust the process, oder? Nach Säckchen zwei nimmt der Gitarrenbauch langsam Form an. Ich hole mir als Belohnung einen Kaffee und freue mich auf den dritten Beutel – denn nun kommt die erste Olivia-Figur. Mit dem roten Glitzerkleid und dem Megafon ist es eine Hommage an ihre «guts»-Tour von 2024. Olivia zwinkert mir zu und streckt die Zunge raus. Ich verstehe es als motivierende Geste.
Jetzt kommt dieser Schminktisch und ich bin nicht überzeugt. Was ist dieses braune Ding rechts des Spiegels? Ein Hamburger, eine Trommel, ein Hocker am falschen Ort oder doch Make-up? Eine Recherche zum «braunen Ding» zeigt: Es ist ein Hamburger. Olivia Rodrigo isst einen nach jeder wichtigen Show. Süsses Detail, ich wär nicht drauf gekommen. Was mir wiederum gefällt: der Schriftzug auf dem Spiegel, eine Referenz an Rodrigos «guts»-Album und der Gitarrenhalter für ihre E-Gitarre.
Ich merke, wie ich nachlässig werde: Meine Genauigkeit lässt nach zwei kompletten Albumdurchläufen und voller Konzentration nach. Auch mein Mise en place ist nicht mehr, was es mal war. Doch ich kämpfe weiter und sehe meinen Fortschritt.




Vorsichtiges Zwischenfazit zur Halbzeit
Die akustische Seite der «Dual Guitar» ist fertig. Dies nach drei Stunden und 40 Minuten. Nach dem zweiten vollen Durchhören des Albums habe ich mir Olivia Rodrigos Set am «Daisy Chain Fields»-Festival gegönnt. Die letzte Stunde habe ich dann ohne Musik verbracht, Ruhe und Konzentration sind Trumpf. Im Nachhinein stelle ich fest, dass ich mir mehr Pausen hätte gönnen sollen. Da war ich wohl zu optimistisch. Das ist wahrscheinlich auch der Gitarre geschuldet. Da es zwei Gitarrenhälften sind, habe ich mich dazu verleiten lassen, die eine in einer Sitzung aufzubauen. Olivia Rodrigo würde sagen: «It was a bad idea, right?»

Neuer Tag, neuer Elan
Ich bin zurück! Voller Elan starte ich mit Säckchen sieben, kann die Farbe Lila wieder sehen und habe mich (wieder) auf dem Boden einquartiert. Und Rodrigos neuestes Album ist auch wieder dran. Die Motivation weicht jedoch schnell der Frustration: Ich habe zwei Miniteilchen fälschlicherweise zu fest aufeinander gedrückt und kriege sie nicht mehr auseinander. Da muss ich mit der Pinzette nachhelfen. Diesen Elemententrenner hatte ich ganz am Anfang in der Hand, danach ist er in Vergessenheit geraten. Diese Teilchen – allgemein meine Endgegner – sehen nach der Operation mit der Pinzette etwas lädiert aus. Ich nehme mir einmal mehr vor, die Instruktionen genau anzuschauen und nicht zu hasten. Das Album ist erneut durch. Ich habe jetzt aber keine Lust mehr auf Musik im Hintergrund.
Nun kommen weitere Sticker zum Zug. Auch hier stelle ich fest: Sticker gerade aufzukleben gehört definitiv nicht zu meinen Stärken. Kurz überlege ich, sie mit der Pinzette zu platzieren, entscheide mich aber dagegen. Ich bin schliesslich nicht im Operationssaal und ein bisschen kreativer Individualismus darf sein.


Die körperliche Verspannung gewinnt schlussendlich gegen meine Sturheit: Ich wechsle an den Tisch. Es folgen zwei freudige Überraschungen: Die zweite Olivia-Figur ist da und es ist Zeit, die beiden Gitarrenhälften zu vereinen! Bei dieser Figur sehe ich die sanfte Seite, mit dem weissen Kleid und der Akustik-Gitarre. Das Outfit erinnert an ihren Auftritt beim Glastonbury-Festival im letzten Jahr.
Während des Bauens frage ich mich immer wieder: Wer entwirft so etwas? Wie wird man Lego-Ingenieur oder Lego-Designer? Wer ist das Genie dahinter, das dafür sorgt, dass am Ende alles auf den Millimeter zusammenpasst? Eine kurze Recherche liefert mir die Antworten: Die kreativen Modell-Designer entwerfen die Sets. Sie kommen aus der Architektur, dem Industriedesign oder direkt aus der Lego-Fanszene. Für die Millimeterarbeit sind dann Maschinenbauingenieure oder Materialwissenschaftler verantwortlich. Sie stellen sicher, dass ein Stein dem anderen gleicht – mit einer minimalen Abweichung von 0,002 Milimetern.
Ich befinde mich im Endspurt. Doch die nächste Challenge wartet schon: Die Gitarrensaiten kommen an die Reihe. Und hier muss ich improvisieren. Fehlen da Teile, um die Saiten zusammenzuführen? Ich blättere zurück. Tatsächlich vorschnell gehandelt: Die beiden Enden der Saiten sind nicht identisch. Also muss ich alles nochmals auseinanderfummeln und neu aufbauen. Perfekt sieht es zwar nicht aus, aber das lassen wir jetzt so stehen.



Das Ende naht
Zum Glück! Es scheint, als ob Lego mir den Schlussspurt nochmals erschweren möchte, denn es folgen nochmals Sticker: Ich muss 13 Stück anbringen! Im Nachhinein zeigt sich: Nicht die Sticker sind das Problem, sondern das Befestigen der Elemente an der Gitarre. Das Modul mit dem Vornamen «Olivia» möchte nicht einrasten. Ich kontrolliere die Anleitung – nein, diesmal liegt es nicht an mir. Der Abstand reicht schlicht nicht aus. Ich verschiebe die Position leicht und siehe da: Es passt. Die Ästhetin in mir ist nicht glücklich, aber Schwamm drüber. Beim Schriftzug «Rodrigo» funktioniert es auf Anhieb.
Das Pièce de Résistance ist der Riesenschmetterling – er kostet mich die letzten Nerven: Die vielen Kleinteile müssen zusammengesetzt und verpresst werden und fallen mir gefühlt zehnmal wieder auseinander.


Die Gitarre steht!
Ich hab’s geschafft und bin geschafft. Nach sage und schreibe sechs Stunden und rund 15 Minuten. Die Gitarre ist deutlich grösser, als ich erwartet habe. Das Massband zeigt, es sind knapp 60 Zentimeter Höhe. Mit einer Breite von über 23 Zentimetern braucht die Gitarre schon einiges an Platz, passt aber gut als Dekoelement zu meiner Schallplattensammlung. Obwohl die «Dual Guitar» offen ihr ganzes Potenzial und Details zeigt, gefällt sie mir geschlossen besser. Offen ist sie mir fast etwas zu wild. Was mich von den Details am besten anspricht? Die zwei Minigitarren und die zwei Figuren. Auch die Schmetterlinge als Referenz an ihr Album «Sour» und der Schminktisch – abgesehen vom Hocker-Hamburger-Trommelding – sind gelungen. Was mich wiederum nervt, sind der Mechanismus und die Sichtbarkeit des Schminktischs: Man kann ihn herausfahren, aber nur bis zur Hälfte. Und ganz sichtbar ist er wegen des Riesenschmetterlings eben auch nicht. Den Preis von 88.90 Franken finde ich vertretbar: Du investierst zwar viel Zeit in den Aufbau, hast aber am Schluss zwei Produkte in einem: die geschlossene sowie die geöffnete Gitarre.
Wird es wieder Jahre dauern, bis ich das nächste Lego-Set baue? Nein, definitiv nicht. Es hat Spass gemacht. Noch unterhaltsamer wäre es wohl als Teamarbeit. Und aufgeteilt in mehrere Sitzungen. Was sicher hilft: Ein «Livie» (Olivia-Rodrigo-Fan) zu sein und ihre Musik im Hintergrund laufen zu lassen. Und das Beste: Ihr Sound hängt mir auch nach drei kompletten Durchläufen ihres neusten Albums nicht zum Hals heraus.



Fazit
Unterhaltsam, aber zeitintensiv
Was lange währt, wird endlich gut: Um die «Dual Guitar» von Olivia Rodrigo zusammenzubauen, braucht es entweder eine lange Aufmerksamkeitsspanne oder genug Musse, das Projekt auf mehrere Tage aufzuteilen. Das Resultat kann sich aber sehen lassen. Die Details – wie die Bühne und die beiden Olivia-Minifiguren – sind das Tüpfelchen auf dem i. Sowohl offen als auch geschlossen, sieht die Gitarre als Dekoelement gut aus. Der Aufbau macht dank der verständlichen, wenn auch langen, Anleitung Freude. Etwaige Fragen und Unklarheiten nehme ich auf meine Kappe, als Lego-Novizin sozusagen.
Pro
- sowohl offen als auch geschlossen ein tolles Dekoelement
- gut verarbeitete und detaillierte Elemente und Minifiguren
- übersichtliche und gut verständliche Bauanleitung
Contra
- sehr viel Lila und Violett, auf Dauer monoton
- viele kleine, unhandliche Einzelteile
- erfordert einiges an Geduld und Sitzleder
- viele Sticker, allein 13 für den Namen
- der Schmetterling verdeckt die herausfahrbare Garderobe
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