PortraitBücher

Geschenktes, Gekauftes, Gewesenes – mein Bücherregal zeigt die Phasen meines Lebens

Martin Jungfer
Martin Jungfer
Zürich, am 23.12.2021

Ich bin weit davon entfernt, einen ordentlichen oder gar gepflegten Schatz an Büchern mein Eigen zu nennen. Aber fast jedes Werk in meinem Bücherregal bedeutet etwas – irgendwie.

Ich bin seit mehr als einem Jahrzehnt verheiratet und mit meiner Frau schon mehrmals umgezogen. Die Kartons mit Büchern waren immer am schwersten und am zahlreichsten. Was aber nicht an mir liegt. Ich bin, im Gegensatz zu meiner Angetrauten, kein Bücher-Aufbewahrer. Die Werke, die ich lese, sind meistens belletristisch, also leichte Unterhaltung. Oder es sind Sachbücher, deren Wissensstand meistens schneller veraltet ist, als ich es zu Ende gelesen habe.

Wir haben eine «faire» 80-20-Aufteilung beim Platz im Regal. Die Bücher, die in «meinen» 20 Prozent des grossen Regals im Dachbüro stehen, sind also keine wahllose Ansammlung, sondern bewusst aufgehoben. Oder sie warten noch, bis ich über ihr Schicksal entschieden habe. Oder es sind Geschenke, die noch auf ihren Einsatz warten.

Hinten rechts in diesem Regal sind meine 20 Prozent Platz, die ich für ausgewählte Bücher nutze.
Hinten rechts in diesem Regal sind meine 20 Prozent Platz, die ich für ausgewählte Bücher nutze.

Zu den bewusst aufbewahrten Büchern gehören zehn Reclam-Heftchen. Darunter Goethes «Faust» in einer Ausgabe von 1967, die ich von meinem Vater, einem ehemaligen Deutschlehrer bekommen habe, und in die er Notizen zur Deutung vermerkt hat. Noch älter, von 1955 und 1956, sind die «Leiden des jungen Werther» und die Tragödie «Antigone» von Sophokles. Weitere Werke erinnern mich an quälenden Latein-Unterricht, namentlich Ciceros «Reden gegen Verres», oder ans letztlich abgebrochene Studium der Politologie, Max Weber «Politik als Beruf».

Agenten-Thriller von Fliessband-Autoren

Als ich nach Schule und Studium literarisch eigenständiger entscheiden durfte, kamen fiktionale Werke zur Sammlung. Zu den bekannteren renommierten Autoren gehören John Irving («Letzte Nacht in Twisted River»), Ken Follet («Sturz der Titanen»), Robert Harris («München») und Florian Illies («1913»). Sie stehen gleichberechtigt neben den Zeugen meinem aktuellen Bücherkonsum: Thriller mit Agenten oder Politikern in den Hauptrollen. Oder am liebsten gleich beides.

Praktisch, dass solche Agenten-Thriller wie am Fliessband produziert werden. So wartet jetzt schon das auf Vorrat gekaufte Taschenbuch mit Hauptfigur John Smith auf mich – «Der Cassandra Plan» von Robert Ludlum. In diesem Buch muss Agent Smith einen irren Russen stoppen, der mit mutierten Pockenviren Übles vorhat. Im Band «Der Hades-Faktor», den ich bald fertig habe, ist die Handlung recht ähnlich. Ein Pharma-Konzern will sich bereichern, indem er ein tödliches Virus auf die Menschheit loslässt, für das er parallel und im Geheimen auch das Heilmittel entwickelt hat. Ein Komplott bis in höchste Kreise, das aufgedeckt werden muss.

Der ordentlichste Teil meines Bücherregals: Politisches, Geschichtliches, Berufliches.
Der ordentlichste Teil meines Bücherregals: Politisches, Geschichtliches, Berufliches.

Solche Bücher lese ich – und entsorge sie, wenn ich die letzte Seite gelesen habe. Sehr zum Entsetzen meiner Frau, die der Auffassung ist, man könne doch Bücher nicht wegwerfen. Weshalb sie so gut wie alles aufhebt. So bleibt für mich kaum Regalplatz, weshalb ich neben der in Leder gebundenen Gesamtausgabe der Asterix-Bände nur ein paar Fach- und Sachbücher besitze. Fotobände mit historischen Aufnahmen aus hundert Jahren Geschichte zum Beispiel, Panorama-Aufnahmen aus New York, noch mit dem World Trade Center, oder das «Fussball unser» mit nerdigen Statistiken aus der Welt des Fussballs. Das steht gleich neben einer Kunstleder-Mappe mit Reissverschluss. In ihr sind Gelbe und Rote Karten, eine Pfeife, Spielnotizkarten und eine Wählmarke – schöne Erinnerungen an eine Zeit, in der ich Samstag und Sonntag als Schiedsrichter von Fussballplatz zu Fussballplatz in der Provinz tingelte und mir mein Taschengeld aufbesserte.

Aufgeräumt hat bei mir nur Ursus Wehrli

Bei so einem Chaos im Bücherregal ist ein «Die Kunst, aufzuräumen» von Ursus Wehrli nicht mehr als ein Feigenblatt und Mahnung, endlich einmal Ordnung zu schaffen. Mein Bücherregal bleibt ein für Aussenstehende seltsames, für mich aber nachvollziehbares Abbild meines literarischen Lebens. Soll Wehrli doch Pommes frites zählen oder Autos auf einem Parkplatz nach Farbe sortieren. Ich fühle mich wohl in meiner Unordnung.

Wer wie Wehrli Fritten sortiert, hätte mit meiner Bücher-Ansammlung auch seine Freude.
Wer wie Wehrli Fritten sortiert, hätte mit meiner Bücher-Ansammlung auch seine Freude.

Chaotisch, chronologisch, alphabetisch; nach Farben, nach Grösse, nach Stimmung; geografisch, autobiografisch, thematisch. Jede und jeder hat eigene Vorstellungen, wie ein Bücherregal eingeräumt zu sein hat. Wir Redaktor:innen von Galaxus zeigen dir unsere Regale. Als Nächstes: David Lee.

Bereits erschienene Artikel aus dieser Reihe findest du hier:

  • PortraitBücher

    Mein Bücherregal – das nicht meins ist

  • PortraitWohnen

    Das uneingeschränkte Chaos in meinem Bücherregal

  • HintergrundWohnen

    «Asterix bei den Schweizern» ist schuld am Chaos in meinen Bücherregalen

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Martin Jungfer

Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln. 


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