Kein Ende in Sicht? Grafikkarten und Co. könnten noch teurer werden
HintergrundGaming

Kein Ende in Sicht? Grafikkarten und Co. könnten noch teurer werden

Kevin Hofer
Kevin Hofer
Zürich, am 27.08.2021
Auch das noch: TSMC, der weltweit grösste Auftragsfertiger für Halbleiter, soll angeblich die Preise erhöhen. Damit dürften viele Elektronikprodukte teurer werden. Das ist aber nur der jüngste Schlag in der seit über einem Jahr dauernden Halbleiterkrise.

Halbleiterkrise. Ich mag’s nicht mehr hören. Seit über einem Jahr geistert mein persönliches Unwort des Jahres durch die Medien. Die neueste Meldung: TSMC soll bei den High-End-Chips mit 7- oder 5-Nanometer-Technik den Preis um bis zu 10 Prozent erhöhen. Bei den Fertigungsstrukturen ab 16 nm gar um 20 Prozent.

Das hätte grosse Auswirkungen auf alles, was einen Chip verbaut hat. Denn TSMC fertigt unter anderem Produkte für Apple und AMD. Dass sie die Preiserhöhung an die Kunden weitergeben werden, ist für mich so klar wie das Amen in der Kirche. Würde ich ja auch.

Wie alles angefangen hat

Ob dein Smartphone, die digitale Werbeanzeigetafel, dein Auto oder deine Kopfhörer: In all diesen Dingen sind Halbleiter verbaut. Die World Semiconductor Trade Statistics (WSTS) prognostiziert für 2021 ein Wachstum des Halbleiter-Markts um rund 25 Prozent.

Die Nachfrage nach Halbleitern übersteigt seit über einem Jahr das Angebot bei weitem. Wie konnte es dazu kommen?

Zunächst musst du wissen: Silizium-Wafer – die Scheiben, auf welchen die Chips hergestellt werden – können nicht auf Vorrat gebunkert werden. Die Dinger haben ein Verfallsdatum. Sie müssen darum auf Bestellung gegossen werden. Wie ein guter Risotto. Der ist parat, wenn er parat ist. In Italien sagt man darum: Risotto wartet nicht auf die Gäste, die Gäste warten auf Risotto.

Genau das ist das Problem. Überall auf der Welt warten Hersteller und Lieferanten auf den Risotto. Pardon, auf die Silizium-Wafer. Denn wegen der steigenden Halbleiter-Nachfrage mussten die Halbleiter-Hersteller ihre Bestellungen bei den Silizium-Giessereien erhöhen. Die stellen die Silizium-Wafer her.

Mit dem enormen Bedarf kommen die Silizium-Giessereien bereits seit Monaten nicht mehr klar. Das hat schon vor der Corona-Pandemie begonnen, als China aufgrund neuer Umweltbestimmungen Giessereien geschlossen hat. Diese hatten die neuen Bestimmungen nicht eingehalten.

Neben diesen Versorgungsengpässen kommen seit Anfang 2020 noch Lieferengpässe dazu. Diese wurden unter anderem durch die Corona-Krise und durch geopolitische Spannungen zwischen den USA und China ausgelöst. Kurz: Handelsbeschränkungen und Verzögerungen bei den Lieferungen verteuerten und verzögerten die Herstellung.

Gleichzeitig hat Corona den Chip-Markt durcheinander gebracht. Aufgrund der Beschränkungen und Lockdowns ist die Nachfrage nach Notebooks, PCs und Co. stärker gestiegen als erwartet. Dieser Trend hält nach wie vor an, wie die Wachstumsprognose von WSTS zeigt.

Der perfekte Sturm aus vielen, kleinen Ursachen.

Zu Beginn der Corona-Krise konnte die Nachfrage nach Halbleitern noch einigermassen gestillt werden. Dies, weil die Automobilbranche – ein sehr grosser Kunde der Halbleiter-Hersteller – anfangs Pandemie Bestellungen stornierte oder reduzierte. Wenn gerade niemand Autos kauft, brauchen sie die Chips wegen der geringen Nachfrage nicht. Die Auto-Nachfrage hat in der zweiten Hälfte 2020 aber schneller und deutlicher als erwartet wieder angezogen.

Der perfekte Sturm braut sich weiter zusammen.

So hat sich die Situation nur noch verschlechtert. Automobilhersteller wie VW müssen noch heute weiterhin Kurzarbeit machen, obschon Aufträge bestehen. Es fehlen schlicht die Chips, um mehr Autos zu bauen.

Die Halbleiterkrise betrifft aber nicht nur die grossen Chips in Autos oder Grafikkarten. Mittlerweile sind auch kleinere Controller auf SSDs betroffen. Diese werden in grösseren Strukturbreiten gefertigt, genau in jenen, wo TSMC jetzt die Preise um bis zu 20 Prozent erhöht.

SSD-Teile: Immer mehr Hersteller tricksen wegen der Halbleiterkrise
HintergrundGaming

SSD-Teile: Immer mehr Hersteller tricksen wegen der Halbleiterkrise

Die Gamer-Grafikkarten sind ein spezieller Fall. Sie waren früher als andere Chips von der Halbleiterkrise betroffen. Das liegt daran, dass in diesem Fall die Kryptominer die Knappheit befeuert haben. Die Grafikkarten waren nur ein früher Indikator dafür, was noch gekommen ist und was noch kommen wird.

«Scheiss Grafikkarten, ich kann’s nicht mehr sehen»
HintergrundGaming

«Scheiss Grafikkarten, ich kann’s nicht mehr sehen»

Der perfekte Sturm ist da.

Wann wird es besser?

Da sich die Produktion von Halbleitern nicht einfach so hochschrauben lässt, müssen wir uns wohl noch bis ins zweite Quartal 2022 mit der Situation abfinden. Damit rechnet auch TSMC. Das Unternehmen erwartet in den kommenden Monaten einen Rückgang der Nachfrage. Vielleicht hängt dieser ja auch mit der Preiserhöhung zusammen.

Grafikkarten beispielsweise sind mittlerweile je nach Modell besser verfügbar und du findest auch bei uns im Shop ab und zu eine an Lager. Das liegt aber an den astronomischen Preisen: Meist liegt dieser über dem Doppelten der unverbindlichen Preisempfehlung (UVP).

Mit der Preiserhöhung von TSCM dürfte sich die Situation noch zuspitzen. Wie viele Leute dann zugreifen, ist fraglich. Wer weiss, vielleicht werden Grafikkarten und Co. so auch wieder günstiger, weil die Nachfrage aufgrund des hohen Preises nachlässt. Aber selbst wenn die Nachfrage wieder zurückgeht, wird es noch eine Weile dauern, bis sich das auf den Preis niederschlägt.

Die grossen Halbleiterhersteller Intel, Samsung und TSMC planen ihre Produktionskapazitäten auszubauen und inverstieren kräftig in den Neubau von Prodkutionsstätten. Bis die jedoch betriebsfähig sind, wird es noch mehrere Monate oder gar Jahre dauern.

152 Personen gefällt dieser Artikel


Kevin Hofer
Kevin Hofer

Editor, Zürich

Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren