Keine Antenne, dafür Bohne im Ohr: Die Samsung Buds Live im Review

Keine Antenne, dafür Bohne im Ohr: Die Samsung Buds Live im Review

Livia Gamper
Livia Gamper
Zürich, am 22.10.2020
Samsung bringt Ohrhörer in einer ganz neuen Form. Ich finde, die Buds Live hätten Bean Buds heissen sollen. Im Test zeigt sich, dass das Resultat nur halb gelungen ist.

Immer mehr Hersteller schmeissen neue True-Wireless-Kopfhörer auf den Markt. Samsung macht’s anders als alle anderen und präsentiert die Ohrhörer in einer neuen Form: Bei ihnen haben die Buds die Form einer Bohne. Das Ganze nennt Samsung Galaxy Buds Live. Ich habe sie einen Monat getestet.

Die Bohnen-Hörer sind grösser, als ich sie mir vorgestellt habe. Dazu glänzen sie so stark, dass sich dein Gesicht darin spiegelt. Leider sind sie aber auch sehr rutschig.Ich bin erstaunt, dass ich bis zum Abschluss dieses Artikels keine der kleinen Bohnen verloren habe.

Sitz bei mir gut, Abdichtung nicht.

Im Gegensatz zu normalen In-Ear-Hörern werden die Buds Live ins Ohr eingedreht – Samsung zeigt in der Anleitung, wie’s geht – was spektakulärer klingt, als es ist. Du steckst dir die Bohnen einfach recht tief in den Gehörgang rein und drehst sie dann.

Für mich sind die Buds bequem. Ich bin aber auch alles andere als heikel bei In-Ear-Kopfhörern und hatte noch nie Schmerzen im Ohr wegen eines Ohrhörers. Ein Kollege, der sich die Buds Live ebenfalls gekauft hat, hat mir die Ohren vollgejammert, wie sehr ihn die Buds schmerzen. Es kommt also auf die Ohren an, ob die Teiler passen oder nicht.

Die Buds Live und ihr Böxli sind klein – das Böxli passt sogar in die Tasche einer Frauenjeans.
Die Buds Live und ihr Böxli sind klein – das Böxli passt sogar in die Tasche einer Frauenjeans.

Im Gegensatz zu den sonstigen In-Ear-Kopfhörern gibt’s bei den Buds nur wenige Anpassungsmöglichkeiten: Auf der hinteren Seite hat Samsung Gümmeli angebracht. Die sind aber eher für den Halt ausserhalb des Gehörgangs und relativ hart. Bei dem Teil, der effektiv im Gehörgang ist, kannst du nichts anpassen. Entweder passt’s oder nicht. Zurückgeben kannst du die Ohrhörer nicht, weil sie in die Kategorie der Hygieneprodukte fallen und somit von einem Umtausch ausgeschlossen sind.

Dass die Buds so tief im Ohr sind, hat aber auch Vorteile. Denn für einmal sieht’s nicht so aus, als ob dir eine Antenne aus dem Ohr ragen würde, während du Musik hörst. Unter Kappen, Mützen oder Helmen kannst du die In-Ears deswegen super tragen.

Die kleinen Buds Live stehen kaum aus den Ohren heraus.
Die kleinen Buds Live stehen kaum aus den Ohren heraus.

Wegen ihrem tiefen Sitz im Ohr war ich mir sicher, dass sie toll abdichten und somit schon ein super passives Noise Cancelling besitzen. Nach einer Minute mit den Buds im Ohr werde ich eines Besseren belehrt. Die Buds sind offen und eine passive Geräuschreduktion ist nicht vorhanden.

Das erinnert mich an die Huawei Freebuds. Auch dort ist derselbe Fehler gemacht worden. Schade hat Samsung hier nicht von Huawei gelernt.

ANC: kaum vorhanden

Wenn die passive Abdichtung nicht gut ist, muss ein gutes aktives Noise Cancelling her. Nur leider findest du das bei den Buds Live nicht. Lediglich die tiefen Frequenzen können die Bohnen ein wenig filtern. Das heisst, dass du im Zug immerhin das Rauschen der Räder weniger hörst. Das war’s dann aber auch schon mit dem Cancelling. Es kommt sonst alles durch und vermischt sich mit der Musik. Einen Podcast im Zug zu hören, habe ich gar nicht erst versucht.

Bei der aktiven Geräuschunterdrückung stehen die Buds deshalb in keinem Vergleich zu Sonys WF-1000XM3-Kopfhörern und den Airpods Pro, die, obwohl sie klein sind, doch einen gewissen Teil des Lärms aktiv reduzieren können.

Einen alten Psycho-Akustik-Trick hat Samsung aber bei Apple abgeschaut und in den Buds verbaut: Stellst du das Noise Cancelling an, ertönt ein Ton. Da dieser Ton laut ist, und es nachher wieder ruhig wird, hast du das Gefühl, das Noise Cancelling sei für die nachfolgende Stille verantwortlich. Das ist aber nicht so.

Weil die Buds kaum abdichten, erschienen sie mir sinnvoll zum Velofahren. Sie passen schliesslich unter den Helm. Ich dachte, damit würde ich alles hören und nicht plötzlich von einem Tram, das von hinten kommt, überfahren werden. Aber nichts da, von diesem Use Case bin ich schnell wieder abgekommen. Bewegst du dich schneller als im Schritttempo, übertönen die Windgeräusche fast alles. Ich höre dann weder meine Musik noch den Strassenverkehr. Das passiert, egal ob das Noise Cancelling an oder aus ist.

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Sound: könnte besser sein

Weil die Buds im Vergleich zu anderen True-Wireless-Kopfhörern günstig sind, schraube ich von Anfang an meine Erwartungen an den Klang herunter. Aber auch mit niedrigen Anforderungen gefällt mir der Sound nicht. Mir sind die Höhen viel zu wenig ausgeprägt. Es hört sich an, als würden diese kläglich in den Buds ersticken. Auch an den Mitten fehlt es mir. Gesang, Klavier und Gitarren kommen viel zu wenig zur Geltung. Bass ist zwar genügend da, jedoch klingt er für mich falsch und blechern.

Klanglich haben die Buds Live für mich etwa das Niveau der Huawei Freebuds 3. An teurere Kopfhörer wie den Libratone Track Air+ kommen die Buds bei weitem nicht ran.

Einen Vorteil aber haben die Buds: Ich höre meine Schritte nie beim Gehen. Auch beim Joggen habe ich dieses Problem nicht.

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Die flatterhafte Steuerung

Was dafür beim Joggen oder Spazieren sehr ärgerlich ist, ist die Steuerung. Die reagiert nämlich mal so, mal so. Tippst du einmal etwas zu fest, überspringen die Buds von alleine sieben Songs, gehen zurück an den Anfang oder stellen dir die Musik einfach ganz ab. Genau so zu tippen, dass die Buds nur einen Song vorwärts gehen, schaffe ich bis zum Ende des Tests vielleicht in der Hälfte der Fälle.

Kaum berührt, führen die Buds Befehle aus. Das bedeutet, es passiert auch meistens irgendwas, sobald du dir die Bohnen in die Ohren steckst. Beim Herausnehmen und Versorgen wird dann wieder irgendwas aktiviert.

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Vielleicht ist die Steuerung so nervös, weil mehrere Steuerbefehle in der App auf die Buds gelegt werden können. Du kannst zum Beispiel einstellen, dass du die Lautstärke an den Buds selbst regeln kannst. Dazu musst du deinen Finger lange an den Bud halten. Machst du das aber nicht genau so lange, wie Samsung das will, ändert sich nicht die Lautstärke, sondern die Musik hält einfach an.

Telefonqualität, Verbindung und App: alles in Ordnung

Wider Erwarten ist die Telefonqualität der Buds gut. Auch im vollen Zug und mit Maske versteht mich meine Kollegin gut. Und ich höre sie gut. Auf beiden Seiten der Verbindung hat niemand Unterbrüche oder ein Rauschen. Dafür, dass die Bohne so tief im Ohr steckt, scheint das kleine Mikrofon dennoch gut zu funktionieren.

Die Verbindung der Buds steht mit Bluetooth 5.0 LE stabil. Nur wenn ich unter Tramleitungen durchgehe, stockt bei mir manchmal die Musik, in einigen Fällen brach die Verbindung ganz ab. Im Tram selbst hatte ich das Problem aber nicht und auch im Zug bleibt die Verbindung stabil.

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Sobald du den Deckel der Buds Live öffnest, koppeln sie sich schnell und zuverlässig mit deinem Handy. Leider sind aber nur die Bluetooth Codecs AAC und der Standard-Codec SBC dabei. Die AptX-Codecs für Android-Phones liefert Samsung nicht mit, nur eben den AAC-Codec für iOS-Geräte. Die meisten neueren Android-Handys lassen sich zwar einfach auf AAC umstellen, mich nervt’s aber trotzdem, dass der Codec für Android fehlt. Immer mehr Hersteller, die eigentlich auf die Android-Gruppe abzielen, liefern keinen AptX-Codec mit – eine ärgerliche Sparmassnahme der Hersteller.

Die Buds Live können leider kein Multipoint. Das können zwar die wenigsten True-Wireless-Ohrhörer, es wäre aber trotzdem schön, wenn nicht immer manuell die Verbindung gewechselt werden müsste, sobald du mit den Buds etwas am Laptop hören möchtest. Dafür ist es möglich, die Ohrhörer einzeln zu verwenden. Der andere Bud muss dabei aber im Case sein, sonst stellt er sich immer selbst an – und würde wahrscheinlich sowieso verloren gehen.

Wie alle Wearables von Samsung funktionieren die Buds auch mit der Galaxy-Wear-App, wo zuerst noch das Plugin für die Buds Live separat heruntergeladen werden muss. Die App gibt’s auch für iOS.

In der App gibt’s einen Equalizer mit sechs Presets. Die sind zwar nett, mir helfen sie aber nicht, den Klang zu kriegen, den ich gerne von den Buds hätte. Dafür finde ich praktisch, dass du die Buds piepsen lassen kannst, falls du sie verloren hast. Das funktioniert aber nur, wenn sie noch in der Reichweite des Bluetooths sind. Über die App lässt sich auch die Belegung der Steuerung einstellen oder sie ganz ausschalten.

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Akku und Wireless Charge

Samsung gibt für die Buds Live eine Akkulaufzeit von sechs Stunden an. Das kommt bei mir gut hin, auch mit aktiviertem Noise Cancelling. Mich nervt aber, das der eine Bud oft einige Zeit vor dem anderen keinen Akku mehr hat. Der ungleichen Entladung wegen stellt bei mir ein Bud ab, während der andere noch 20 Prozent Akku hat. Dafür hält das Case viel Akku bereit; etwa dreimal kannst du die leeren Buds damit nochmals aufladen.

Was mich etwas gestört hat, ist, dass wenn du die Buds mal nicht im Case versorgst, sie sich manchmal nicht von selbst abstellen. Willst du die Buds danach nutzen, ist meist der Akku leer. Dafür ist es praktisch, dass die Buds sich auch kabellos aufladen lassen.

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Fazit: Okay, aber erwarte nicht zu viel

Samsung hat mit den Buds die Form von Ohrhörern revolutioniert. Ich mag diese Innovation. Die Form der Buds hat viele Vorteile: Die Ohrhörer stehen nicht aus den Ohren aus, sondern sitzen tief im Ohr und sind bequem. Dennoch finde ich das Resultat nur halb gelungen. Der schlechte Sound, die nervige Bedienung sowie das schlechte aktive und passive Noise Cancelling verderben mir die Freude an Samsungs Ohrhörer-Form-Revolution.

Ich verstehe nicht, wieso Samsung nicht aus den Fehlern der anderen Hersteller gelernt und den Hörer nicht in geschlossener Bauweise auf den Markt gebracht hat. Hätte Samsung vorne an den Buds kleine Silikon-Stöpselchen angebracht, wäre schon ein Grossteil der Probleme der Buds gelöst. Sie würden allen Usern ins Ohr passen und hätten immerhin ein passives Noise Cancelling.

Wenn ich mich jetzt für neue Ohrhörer entscheiden müsste, dann würde ich die Galaxy Buds+ nehmen. Die sind dank ihren Silikonstöpselchen sehr bequem, dichten gut ab und sitzen auch tief im Ohr. Zudem gefällt mir der Sound dort viel besser.

Die Buds Live sind nicht schlecht, aber viel erwarten solltest du abgesehen von der innovativen Form nicht.

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Livia Gamper
Livia Gamper

Redaktorin, Zürich

Experimentieren und Neues entdecken gehört zu meinen Leidenschaften. Manchmal läuft dabei etwas nicht wie es soll und im schlimmsten Fall geht etwas kaputt. Ansonsten bin ich seriensüchtig und kann deshalb nicht mehr auf Netflix verzichten. Im Sommer findet man mich aber draussen an der Sonne – am See oder an einem Musikfestival.

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