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Wann ist ein Schritt ein Schritt? Ein Review untersucht, was Activity-Tracker taugen

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 16.02.2022

Fitness-Tracker und Smartwatches geben vor, genau über unsere Aktivitäten Bescheid zu wissen und jeden Schritt zu erfassen. Forschende haben nachgezählt und aufgezeigt: Selbst bei guten Geräten ist es ein sinnvoller Schritt, die Daten nicht allzu ernst zu nehmen.

7643 Schritte. Fehlen also noch genau 2357, dann ist das Tagesziel erreicht. Viele motiviert die Smartwatch oder der Tracker am Handgelenk dazu, sich doch noch mal vom Sofa aufzuraffen. Alleine dadurch haben die Dinger eine Daseinsberechtigung. Wie berechtigt die Angaben auf dem Display sind, steht auf einem anderen Blatt.

Die Anzahl der Schritte wird in der Regel über einen Beschleunigungssensor erfasst. Er registriert anhand von drei Achsen, wie du dich im Raum bewegst. Hier wird das Prinzip ausführlich erklärt. Anhand des Bewegungsmusters folgert der Tracker: Das muss ein Schritt gewesen sein. Dabei hast du vielleicht nur wild gestikulierend am Küchentisch gesessen. Wer mit absoluten Zahlen punkten will, muss sich die Frage gefallen lassen: Wie genau nimmt es das Gerät eigentlich? Meine Uhr spendiert mir beispielsweise beim Joggen immer ein paar Extrameter, wenn sie per GPS die zurückgelegte Strecke misst.

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Die Messgenauigkeit beschäftigt nicht nur Hobbysportler:innen. Auch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen gehen ihr nach. Natürlich mit unterschiedlichen Geräten, Ansätzen und Ergebnissen. Diese stehen jeweils für sich. Bis sich jemand die Arbeit macht, in einem systematischen Review herauszufiltern, welche davon vergleichbar sind und welche Erkenntnisse sich daraus ableiten lassen. Zu den Fitnessdaten von am Handgelenk getragenen Trackern ist gerade eine entsprechende Arbeit erschienen.

65 Studien wollen es genau wissen

Insgesamt wurden aus der Publikationsflut in den grossen Datenbanken 65 Studien herausgefiltert, die sich unter vergleichbaren Bedingungen mit der Messgenauigkeit befasst haben. Die Teilnehmer:innen sollten die Normalbevölkerung repräsentieren, was Geschlecht, Alter und Trainingszustand angeht. Die Genauigkeit wurde in den eingeschlossenen Studien bei verschiedenen Werten gemessen, die gängige Fitness-Tracker erfassen: Schritte, Aktivitätslevel, Intensität, Energieverbrauch, Herzfrequenz, Distanz und Geschwindigkeit. Schlussendlich war die Datenlage aber nur in drei Punkten gut genug, um sie genauer zu untersuchen: Schritte, Herzfrequenz und Energieverbrauch wurden am häufigsten überprüft.

Auf den Schritt genaue Statistiken machen Eindruck.
Auf den Schritt genaue Statistiken machen Eindruck.
Bild: Shutterstock

Einzelne Studien bescheinigen einzelnen Trackern gute Ergebnisse. Wenn mehrere Forschende unabhängig voneinander zu ähnlichen Ergebnissen kommen, hat das Aussagekraft. Gehen die Werte weit auseinander, dann zeigt das, wie entscheidend die Versuchsanordnung ist. Lieblingswert der Forschenden ist der Mean Absolute Percentage Error (MAPE). Also der gemittelte absolute Fehler in Prozent. Dieser ist studienübergreifend aussagekräftig, da er den Fehler in Relation zur Gesamtsumme setzt: 50 Schritte danebenzuliegen ist etwas anderes, wenn insgesamt nur 100 statt 10 000 gemacht wurden.

Nur Fitbit bekommt ein Lob

In 31 Studien wurde bei 72 verschiedenen Geräten von 29 Marken nachgezählt, ob ein Schritt wirklich als Schritt erfasst wird. Teilweise kannst du das wörtlich nehmen, weil fleissige Menschen Videoaufnahmen ausgewertet und bei jedem Schritt auf einen Handzähler gedrückt haben. In anderen Fällen wurde das Nachzählen technisch gelöst. Im Review hervorgehoben werden nur zwei Fitbit-Modelle. Das liegt zum einen daran, dass sie in 20 Studien und somit sehr oft eingesetzt wurden. Zum anderen an einem MAPE <25%, den die Autor:innen so bewerten: «The Fitbit Charge and Fitbit Charge HR were consistently shown to have a good accuracy for step counts.»

Fitbit Charge und Charge HR wird eine gute Genauigkeit bescheinigt, obwohl auch bei ihnen die Bandbreite der Resultate noch relativ gross ist. Was nichts Gutes für andere Modelle heisst, die schlechter abschneiden. Aber für dich. Es ist wirklich relativ egal, was deine Uhr am Abend anzeigt. 10 000 Schritte? Es könnten genauso gut 11 000 oder 9000 gewesen sein, was die schöne Diskussion um das «richtige» Tagesziel noch ein Stückchen absurder macht.

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Es lässt sich nicht einmal feststellen, dass die Tracker konsequent zu viele oder zu wenige Schritte erfassen. Mal geht es in die eine Richtung daneben, mal in die andere. Bei der Herzfrequenz ist es ähnlich. Hier bescheinigen die Autor:innen der Apple Watch mit einem MAPE <10% gute Werte. Was den Energieverbrauch betrifft, tappen dagegen alle Hersteller im Dunkeln. Kein Gerät konnte in dieser Kategorie mit realistischen Angaben glänzen, halten die Forschenden fest. Der Blick auf den Kalorienzähler ist damit das, was wir schon immer geahnt haben: reine Energieverschwendung.

Titelbild: Shutterstock

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Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.


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