
Beyerdynamic Aventho Y im Test: Viel Ausdauer, wenig Schnickschnack
Mit dem Aventho Y mischt Beyerdynamic die Mittelklasse auf. Er hält tagelang durch, lässt sich reparieren und zum Gaming-Headset umbauen – für wenig Geld. Wo der Hersteller den Sparmodus eingeschaltet hat, merkst du aber schnell.
Mit dem Aventho Y möchte Beyerdynamic möglichst viele Einsatzgebiete gleichzeitig abdecken – Musikhören, Gamen samt Mikrofon und ein Lifestyle-Gadget soll der Over-Ear-Kopfhörer auch noch sein. Und das Ganze zu einem netten Preis: 149 Franken oder Euro. Um dem Lifestyle-Aspekt gerecht zu werden, gibt es den Kopfhörer in vier Farben: Schwarz, Blau, Türkis und Rosa. Wie schlägt sich das Paket gegen die harte Konkurrenz im Mittelklassebereich?

Metall, wo es zählt
Die Verarbeitung des Aventho Y ist ein wilder Mix aus Materialien. Die Schiebebügel sind aus Alu gefertigt, für die Scharniere wurde Edelstahl benutzt. Das gibt dem Kopfhörer Stabilität und dürfte seiner Lebensdauer guttun. Allerdings dominiert ganz klar der Kunststoff. Dieser fühlt sich sehr leicht an und erinnert mich mit den Farben und Knöpfen etwas an die Tune 780 NC von JBL – etwas verspielt, aber solide gebaut. Zudem sind die (abnehmbaren) Earpads und die Unterseite des Bügels mit Kunstleder versehen, darunter befindet sich Schaumstoff. Trotzdem ist der Aventho Y gar nicht so leicht: 316 Gramm bringt er auf die Waage.
Trotz des Gewichts finde ich ihn sehr bequem. Die grossen, runden Ohrmuscheln umschliessen meine Ohren komplett, ohne dass sie drücken. Auch der Kopfbügel ist ausreichend gepolstert und hat am Scheitel eine Aussparung, die den Druck verringert. Den Anpressdruck hat der Hersteller gut abgestimmt, wie ich finde. Der Kopfhörer verrutscht nicht, wenn ich schnell unterwegs bin (diesen Bus kriege ich noch!) und er drückt nicht unangenehm – auch nicht, wenn ich eine Sonnenbrille trage.
Als würde Beyerdynamic mich persönlich kennen, hat der Hersteller (als zusätzliche Option für 19 Euro) Velours-Earpads im Verkauf. Dadurch habe ich weder Hitzestau noch eklige Schweissfilme rund um die Ohren. Klar, ich muss das dann regelmässig mit einem feuchten Tuch sauber machen. Denn der Schweiss wird vom Velours halt einfach aufgesaugt. Wenn das nichts für dich ist, gibt es natürlich auch einfach Ersatzpolster im gleichen Shop.

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich aber dennoch: Die Grössenverstellung rastet in sehr feinen Stufen ein. Wenn du – wie ich – beide Hörer auf der genau gleichen Höhe haben willst, ist die Anpassung eine Millimeterarbeit.
Wenn du den Kopfhörer verstauen willst, kannst du die Ohrmuscheln drehen und zusammenfalten. Dann packst du ihn in den beigelegten Beutel. Hier merkst du die Abstriche, die du für den Preis machst: Ein Stoffbeutel mit Kordelzug macht den Job, den bei teureren Kopfhörern ein richtiges Case mit Schnapp- oder Reissverschluss übernimmt. Immerhin: Der Beutel hat eine eingenähte Seitentasche für das Ton-in-Ton gehaltene USB-C-Kabel. Das ist aber schon alles, was Beyerdynamic dazu packt. Wirklich geschützt ist der Kopfhörer beim Transport nicht. Apropos Transport: Der Kopfhörer hat eine IP53-Zertifizierung. Staub und Spritzwasser können ihm also nichts anhaben, falls du unterwegs mal von einem Sprühregen überrascht wirst.
Recht auf Reparatur: Einfach den Akku ersetzen
Spannender ist, was unter der Haube steckt: Den Akku mit einer Kapazität von 650 mAh kannst du selbst austauschen. Die Anleitung, die dem Y beiliegt, erklärt dir, wie das geht. Spoiler: Du nimmst einfach das linke Ohrpolster ab (hält magnetisch), dann siehst du eine kleine Klappe. Diese musst du öffnen, dann kannst du die Batterie einfach herausnehmen und ersetzen. Ein Ersatzakku kann auf der Website bestellt werden, ist aber offenbar derzeit nicht vorrätig.

Bis du den Akku tauschen musst, sollen «mehrere Jahre» ins Land ziehen. Und in dieser Zeit steuerst du den Y mit physischen Tasten. Wischgesten suchst du hier vergebens. An der linken Ohrmuschel verbaut der Hersteller einen Schiebeschalter fürs Einschalten und Pairen. Die ANC-Taste und eine mehrfarbige LED für den Ladestand findest du dort auch. Rechts siehst du die Lautstärketasten sowie einen Button für Play/Pause. Diese kannst du in der App auch mit Skip/Search belegen.
Aber Vorsicht: Du wirst die Pause-Taste vielleicht brauchen, denn eine Trageerkennung hat der Aventho Y keine. Der Sound dudelt also fröhlich weiter, wenn du den Kopfhörer ablegst.
Du kannst mehrere Geräte über Multipoint verbinden. Der Y unterstützt Bluetooth 6.0 und Google Fast Pair. Praktisch für Android-User, denn das Koppeln dauert nur Sekunden. Ein Schwachpunkt sind die Codecs. SBC und AAC, das war’s. Allerdings ist das bei dieser Preisklasse auch nicht anders zu erwarten. Dafür spendiert Beyerdynamic dem Hörer noch einen 3,5-mm-Klinkenport.
Warme, laute Geschmacksache
Im Inneren des Y arbeiten dynamische 45-Millimeter-Treiber mit einem Frequenzgang von 20 bis 20 000 Hertz. Bereits beim ersten Probehören fällt mir auf, dass der Kopfhörer ziemlich laut und etwas schwierig zu pegeln ist, weil die Lautstärke recht grob abgestuft ist. Es wird also mit nur einem Druck auf die Taste erheblich lauter, bzw. leiser. Was mir ebenfalls ins Ohr sticht: Der Sound ist sehr warm und hat eine gewisse Weite. Fans von einem flachen, originalgetreuen Sound können hier aufhören zu lesen.
Wenn ich nicht sowieso die Marketingkampagne zum Aventho Y gesehen hätte, wäre mir spätestens beim Basslauf klar, dass hier keine mega brillanz- und detailversessene Hörerschaft angesprochen wird. Die Bässe sind laut, geben vor allem Drums eine gewisse Wucht und reichen sauber in den Tiefbass, ohne dass es zu einem akustischen Brei verkommt. Ganz ausgeschöpft ist der Bass ab Werk allerdings nicht. Der Tieftonbereich klingt etwas gedeckelt und könnte noch etwas weiter herunterreichen und mehr Druck aufbauen. Ein Fall für den EQ in der Beyerdynamic-App.

Derweil bildet der Aventho Y Stimmen sehr klar und präzise ab. Sie stehen im Vordergrund, wenn sie dies sollen. Zudem werden sie gut von den Instrumenten getrennt. Allerdings: Wenn ich Tracks mit stark verzerrten Gitarren höre (zum Beispiel AC/DC), kippt die Gitarre etwas ins Schneidende.
Ähnlich ist es obenrum. Hell und luftig klingen die oberen Frequenzen. Ich höre eine Anhebung, als müssten sich die hohen Klänge gegen die Bässe durchsetzen. Leider wird der Sound dadurch stellenweise etwas scharf, je nach Genre. Die Höhen des Y bringen Leben in die Becken, die Klarheit und Brillanz von High-Class-Kopfhörern erreicht er aber nicht. Auch insgesamt klingt der Sound vergleichsweise etwas komprimiert. Für analytisches Hören oder als Klassikfan schaust du dich besser anderswo um. Der Aventho Y ist im Pop oder im Elektrobereich zuhause – oder dann beim düsteren Metal, wo die Bassgitarre führt und die E-Gitarre auch eher tief spielt.
Hammer-Akku, ordentliches ANC, Kompromisse beim Telefonieren
Fürs Noise Cancelling und den Transparenzmodus verbaut der Hersteller zwei Mikrofone. Das ist wenig, verglichen mit der Konkurrenz. Immerhin vernehme ich kein Grundrauschen, was mich sonst wirklich nervt. Einen grossen Standventilator in der Nähe höre ich während des Arbeitens überhaupt nicht. Auch meinen Wasserkocher und meine mechanische Tastatur blendet das ANC aus. Und das Wichtigste: Stimmen im ÖV sind nicht zu hören. Wenn es aber wirklich laut wird, etwa bei Zügen im Bahnhof, kommen noch vereinzelt Geräusche durch. Bose, Sony und Konsorten ziehen hier klar davon. Der Transparenzmodus ist soweit in Ordnung. Er holt meine Umgebung deutlich und natürlich ans Ohr heran.
Die rein passive Abschirmung des Aventho Y tut es zur Not auch, aber du brauchst sie eigentlich nur, wenn du lange Zeit nicht zum Aufladen des Y kommst. Denn selbst mit ANC hält der Akku gemäss Datenblatt bis zu 60 Stunden durch. In meinem Alltagstest streckt er nach gut 56 Stunden die Waffen. Das ist in Ordnung. Stellst du das ANC ab, sind es gar bis zu 90 Stunden. Auch das Schnellladen ist gut: Fünf Minuten Ladezeit für sechs (!) weitere Stunden.

Fürs Telefonieren setzt der Y auf seine zwei Mikrofone mit ENC-Geräuschunterdrückung. Diese filtert Hintergrundgeräusche wie Strassenlärm, Stimmengewirr oder Wind heraus. Sie überzeugt mich leider nicht wirklich. Du kannst den Kopfhörer sicher für den Büroalltag nutzen. Draussen lies die Sprachqualität zu wünschen übrig. Das Gegenüber hat sich über den Wind und die Dumpfheit meiner Stimme beschwert. Auch mir hat der Wind die Lust am Telefonieren genommen. Wenn du also von unterwegs viel telefonierst, solltest du das berücksichtigen. Beyerdynamic bietet zwar ein ansteckbares Bügelmikro mit USB-C-Dongle an – das ist aber eher fürs Gaming gedacht und muss extra gekauft werden. Ich hatte es nicht im Testumfang.
Fazit
Ein Allrounder fürs schmale Budget
Der Aventho Y ist kein Kopfhörer für Klangpuristen. Das will er aber auch nicht sein. Er ist ein Begleiter für den Alltag, der dich auch nach mehreren Tagen nicht im Stich lässt. Prima fürs Pendeln, fürs Gym oder im Büro. Zudem hat er ein cooles, nachhaltiges Konzept und lässt sich zum Gaming-Headset ausbauen.
Abstriche machst du bei den Codecs, beim Zubehör und vor allem beim Telefonieren. Auch ein Hardcase habe ich vermisst. Klanglich überzeugt er in den Bereichen, für die er gedacht ist. Mit präsenten Stimmen und einer warmen, lebhaften Abmischung. Auch die Bässe sind nach etwas EQ-Justierung gut. Ausserdem sind die Velours-Aufsätze super angenehm. Im Endeffekt bekommst du das, wofür du bezahlst. Einen Midrange-Kopfhörer für relativ wenig Geld, der eine junge, Pop-orientierte Klientel ansprechen soll.
Pro
- bis zu 90 Stunden Akkulaufzeit
- wechselbarer Akku
- magnetische Ohrpolster
- bequemer Sitz
- physische Tasten mit klarem Druckpunkt
Contra
- etwas komprimierter Sound
- nur SBC und AAC-Codec
- Telefoniequalität nicht immer überzeugend
- kein Hardcase für den Transport
Seit ich herausgefunden habe, wie man bei der ISDN-Card beide Telefonkanäle für eine grössere Bandbreite aktivieren kann, bastle ich an digitalen Netzwerken herum. Seit ich sprechen kann, an analogen. Wahl-Winterthurer mit rotblauem Herzen.
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