Bild: ESL/Helena Kristiansson
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HintergrundGaming

E-Sport dank Corona-Krise im Hoch, aber für wie lange?

Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Zürich, am 16.04.2020
Social Distancing hat zu einem enormen Spielerwachstum geführt. Die User-Zahlen auf Steam und Twitch gehen durch die Decke. Davon profitiert besonders der E-Sport.

Was tun, wenn man nicht nach Draussen darf? Richtig: zocken. Die in vielen Ländern direkt oder indirekt verordnete Ausgangssperre wegen des Coronavirus hat zu einer enormen Nachfrage nach Games gesorgt. Die Menschen brauchen etwas zu tun und Games sind der perfekte Zeitvertreib. Die Online-Plattform Steam hat im März erst die 22- und im April bereits die 24-Millionen-Marke geknackt. Noch nie waren gleichzeitig so viele User online. Twitch vermeldete ebenfalls einen Rekord mit 1.4 Millionen Zuschauern zu Spitzenzeiten. Selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt mit der Kampagne #Staytogetherapart, zuhause zu bleiben und zu zocken.

Profitträger des Ganzen könnte der Sport sein. Und zwar der elektronische Sport. Denn während Fussball und Co. eine Zwangspause einlegen, darf online weiterhin gespielt werden. Allerdings haben die Verantwortlichen auch dort mit Umstellungen zu kämpfen. Längst füllen nämlich auch E-Sport-Events Stadien mit tausenden von Zuschauern. Beispielsweise das League of Legends LCS Spring Playoff, das in Dallas im US-Bundesstaat Texas vor 12 000 Zuschauern hätte stattfinden sollen. Oder die Overwatch League, die Entwickler Blizzard innert weniger Tage vom Lokalereignis zu einem reinen Online-Event umrüsten musste.

ESL Pro League Finale im dänischen Odense.
ESL Pro League Finale im dänischen Odense.
Bild: ESL/Helena Kristiansson

Auch die ESL, eine der weltweit grössten E-Sport-Organisationen hatte in den letzten Tagen und Wochen alle Hände voll zu tun. Dort fielen unter anderem die lokalen Austragungen des Dota 2 Major in Los Angeles oder das CS:GO Major in Rio de Janeiro dem Coronavirus zum Opfer. Laut Torsten Haux, VP Global Media Rights, der aus dem Home Office in Köln die Fäden zieht, war es eine Herkulesaufgabe, innert kürzester Zeit auf reine Online-Veranstaltungen zu umdisponieren. «Auf Grund der Pingzeiten vom Server zum Spieler mussten wir die Teams neu mischen, so dass in den USA und Europa getrennt gespielt wurde». Unterstützt werden die ESL-Events durch eine Studioproduktion in Köln, wo zwei bis drei Caster das Ganze kommentieren. Und weil praktisch jeder E-Sportler eine Webcam besitzt, seien auch Interviews und dergleichen kein Problem. «Auf dem Papier konnten wir so das gleiche Turnier auf dem gleichen Niveau durchführen und das innerhalb nur einer Woche.» Zudem betont Haux, dass die ESL Pro League – die «CS:GO»-Liga – noch nie so erfolgreich war, wie jetzt.

Klassischer Sport und E-Sport vermischen sich

Die viele Arbeit scheint sich auszuzahlen. «Das Interesse für E-Sport ist definitiv grösser als ohnehin schon. Auch Sportspiele, die bisher nicht zu den Top-Titeln gehörten, freuen sich wachsender Beliebtheit», so Haux. Sportfans suchen Ersatzunterhaltung, wenn ihr Lieblingsteam nicht spielen kann und E-Sport ist da die naheliegende Alternative. Das sieht auch Manuel Oberholzer von der E-Sports und Gaming Agentur MYI Entertainment so. «Als Sportfan schaust du keine alten Sachen. Du willst Liveübertragungen. Da gibt es momentan kaum etwas Besseres als E-Sport.»

Max Verstappen trainiert mit Sim-Racing weiter.
Max Verstappen trainiert mit Sim-Racing weiter.
Bild: Twitter

Das haben auch einige Sport-Ligen begriffen. Nascar und Formel 1 gehörten zu den ersten, wo Fahrer direkt ins virtuelle Cockpit wechselten. Die Profis haben da den Vorteil, dass das Fahrverhalten in Simulationen wie «iRacing Pro» sehr nah an der Realität ist. Formel-1-Fahrer wie Max Verstappen oder Lando Norris können dort sogar mit den E-Sport-Pros mithalten. Kommentiert werden die Rennen von offiziellen Moderatoren. Zusätzlich fällt das Risiko von tödlichen Kollisionen weg. Ganz ungefährlich ist es dennoch nicht, wie Nascar-Fahrer Bubba Wallace lernen musste. Nach einem Rage-Quit mitten in der Liveübertragung, büsste er seinen Sponsor ein, der sein Verhalten nicht goutierte.

In «FIFA» oder «Counter-Strike GO» ist die Sache etwas komplizierter, aber auch dort mischen immer mehr Profi-Breitensportler mit. Der Fussballstar Neymar Jr. beispielsweise ist begeisterter «CS:GO»-Spieler. Seinem Einfluss wird es zugeschrieben, dass sein Sponsor Nike nun auch sein Lieblings-E-Sport-Team FURIA aus Brasilien unterstützt.

Die meisten Fussballer dürfte es aber zu «FIFA 20» ziehen. Sowohl in der deutschen Bundesliga wie auch in der Schweizer Super League grätschen die Stars bereits fleissig über den Pixel-Rasen. Während in der Bundesliga Home Challenge E-Sport-Pros mit Fussballprofis zusammenspielen, traten in der Schweiz erstmals Spieler aus allen Super-League-Teams gegeneinander an. Jeweils zwei Spieler nahmen am Osterwochenende am eFootball Cup 2020 teil, unter anderem Steven Lang vom FC Servette und Mattia Botani vom FC Lugano.

IEM Katowice 2020
IEM Katowice 2020
Bild: ESL/Helena Kristiansson

Bei all dem Engagement stellt sich die Frage, ob das alles nur Lückenbüsser sind? Schliesslich dürften die Sportler sonst nicht viel zu tun haben und so bleiben sie wenigstens Gesprächsthema. Ob sie dem E-Sport auch treu bleiben, wenn der Rasen wieder offen ist, bleibt abzuwarten.

Ganz so einfach ist es nicht

Da keine Sportveranstaltungen im Fernseher zu sehen sind, könnte man meinen, dass auch viel Werbegeld frei geworden ist, das nun einen neuen Abnehmer sucht. So einfach sei die Sache leider nicht. «In Krisen wird immer als erstes im Marketing gespart. Ausserdem sind viele der Verträge langfrisitg angesetzt», erklärt Oberholzer. Man spüre zwar bei mYinsanity eine leicht wachsende Nachfrage, dennoch fehle vielen der Mut, um jetzt auf den E-Sport-Zug aufzuspringen. Gegen kurzfristige Lösungen spreche auch der nötige Erklärungsbedarf: «E-Sport ist keine Thema, das schnell erklärt werden kann.» Fussball kennt jeder, aber für «League of Legends» beispielsweise müsse man weiter ausholen und mehr Überzeugungsarbeit leisten.

IEM Katowice 2020
IEM Katowice 2020
Bild: ESL/Helena Kristiansson

Auch Haux von ESL will den aktuellen Hype nicht überbewerten. Weil sich der Gesamtmarkt auf Grund der Krise zurückzieht, werden viele Firmen erstmal vorsichtig sein mit neuen Projekten. «Die zusätzliche Aufmerksamkeit öffnet sicher Türen. Besonders Unternehmen, die sich bisher nicht mit E-Sport beschäftigt haben, merken jetzt, dass E-Sport die gleichen Bedürfnisse befriedigt wie der klassische Sport.»

Trotzdem hoffen alle Beteiligten, dass die Krise bald vorbei ist und wieder Normalbetrieb herrscht. Denn mit dem ESL One Köln steht bereits im Juli das nächste grosse lokale Turnier an. Allerdings wird wohl auch dieses ausfallen. Am Mittwoch hat nämlich die deutsche Bundesregierung entschieden, dass Grossveranstaltungen bis Ende August verboten sind. Die Gamescom wird es in ihrer bisherigen Form offenbar auch nicht geben. In der Schweiz dürfen Gamer noch hoffen. Nach der Fantasy Basel möchte wohl niemand zusehen, wie auch die Zurich Game Show verschoben wird. Ob der E-Sport einen nachhaltigen Push durch die Corona-Krise erhalten hat, werden wir wohl erst in ein paar Monaten oder gar einem Jahr eindeutig beurteilen können.

Quelle Teaserbilder: ESL/Bart Oerbekke und Helena Kristiansson.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Senior Editor, Zürich

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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